Nächste Runde bei meiner Shocktober-Geheimtipp-Sitzung: ich widme mit vollem Bewusstsein mal wieder einem Found Footage Film. „Grave Encounters“ war mir nur von ferne ein Begriff, aber da ich eine Hassliebe zu diesem Zeugs entwickelt habe, dachte ich, irgendwer muss ja was darin gefunden haben.
Und schwupps sitze ich auch schon in der reinen Essenz von FF: die Auswertung einer Reihe von Bändern, die vom Schicksal einer TV-Produktionscrew künden. Und nicht nur das: es war sogenannte „Paranormal Investigators“, die ja bis heute noch in allen Formen und Farben in Shows und Channels durchs TV und Internet ziehen. Fünf lustige – aber ergebnislose – Folgen hatten sie produziert, nun machen sie sich an einen alten Heilanstaltskomplex, der ein „echtes Labyrinth“ darstellt, um da für einen 8-Stunden-Stunt den Einschluss zu proben. Ganz üble Idee, noch dazu in der Nacht.
Ich weiß nicht recht, ob ich hier nun einem der Archetypen des Genres beigewohnt habe oder nur einem Best-of der „blödesten Sachen, die Kameraleute in FF-Filmen machen“, aber offenbar haben die Macher es geschafft, 12 Jahre nach Blair Witch genug Flöten im Internet heiß zu machen, damit diese dann aus dem Langfilm einen sogenannten „Kultfilm“ machen oder was immer die Millennial-Generation von Filmbewertern dafür hält. Von strukturiertem Geschichtenerzählen und steigerndem Spannungsaufbau haben heutzutage eh nur noch ein Bruchteil eine Ahnung.
Was ich dem Film bescheinigen kann, ist dass er sein Thema absolut reinrassig angeht, bei 90 Minuten wird man zügig in die Umstände eingeweiht, dann noch ein wenig Vorspiel und dann geht es bei ständiger Steigerung des Terrorfaktors die hinteren zwei Drittel volle Lotte in die Hysterieschublade. Und wer auch immer sich die „Scare Tactics“ und „Ghosthunters“ auf Tele5 oder seinem liebsten Webchannel einpfeift, der wird genau bekommen, was in der Realität immer nie in den Folgen zu sehen ist: wenn den aufgeblasenen Pseudo-Wissenschaftsarschgeigen mal ordentlich der Marsch geblasen wird.
Ach ja, das erste Drittel besteht dann tatsächlich aus einen halbwegs sachlichen Einführung durch den Produzenten, der auf die folgende Geschichte verweist, dann dürfen sich die Protagonisten der Filmcrew erstmal vorstellen, wie sie den fatalen Ausflug für Folge 6 vorbereiten. Sean Rogerson als „Lance Preston“ hat dann auch ausreichend Poserqualitäten und die mühsam aufgetragene Schicht vorgetäuschtes Interesse in Interviews, um ihn schon mal präventiv zu hassen, bevor man in dem Gebäude das Lager aufschlägt. Immerhin bekommt man so ein paar Infos von sogenannten Zeugen und Hausmeistern, ein paar „nods“ hinsichtlich der Geschichte der Anstalt und über den ominösen Dr.Friedkin, der hier Lobotomien vorgenommen haben soll (und der eindeutig aus „Haunted Hill“ geklaut wurde).
In der Folge ackert man sich durch die wichtigsten Räume, baut Kameras auf, macht Stielaugen, sagt viel „Fuck&Shit" und dann bewegt sich auch schon mal das erste Fenster, die erste Tür, das erste Spielzeug. Natürlich bleibt es nicht dabei.
Was ich dem Film wirklich zugute halten kann: er kennt keine Verwandten und er kennt kaum eine Pause. In solider Frequenz steigert sich die übernatürlichen Angriffe und Erscheinungen und als es dann wirklich selbst den Geisterjägern reicht, kommt die dicke Pointe: hinter den Ausgangstüren sind nur weitere Anstaltskorridore, Mauern versperren Wege und es bleibt auch nach vielen Stunden permanent dunkel draußen.
Der Rest des Film funktioniert dann nach dem Mausefallenprinzip, wobei das Gewackel und die Hysterie ständig zunehmen, aber wenigstens einige schöne Ideen am Start sind. Besonders realistisch (und besonders stressig) ist dabei der schwarze Kameramann, dem höchst effektiv der Stift geht.
Gut, ab Minute 45 besteht der Film faktisch zu 50 Prozent aus „fuck&shit“, was sich recht schnell abnutzt, aber immerhin bekommen sie die wachsende Verzweiflung der Figuren recht gut hin.
Besonders aufregende Entdeckungen machen die Figuren dabei nicht, es gibt halt patientenähnliche Gespenster mit grotesken Gesichtszügen; Arme, die durch Wände kommen; Badewannen voll Blut und einer der Beteiligten geht komplett flöten, um als durchgeknallter Patient wieder aufzutauchen.
Man genieße also die gute Location, aber zu einem großen Ganzen führt das nicht, alles wirkt wie eine Fahrt durch eine Geisterbahn, bei der erst in den letzten 5 Minuten wieder auf den dämonischen Doktor eingegangen wird. Leider fehlt GE dabei, anders als anderen FF-Filmen, ein wirklicher Höhepunkt, denn der Plot fräst sich mechanisch über die Zeit, bis kein Opfer mehr übrig ist und auch das Finale bringt weder besondere Entdeckungen, noch kann es mit manchen Buh-Faktoren im Laufe des Films wirklich mithalten, es ist einfach der logische Schlusspunkt.
Insgesamt also ein Film, mit dem die Webcommunity bestimmt einen Riesenspaß hatte, der aber einfach nur solide bekannte Themen des Subgenres (und des Subgenres des „Lost Place Horrors“ in irgendwelchen Ruinen) erneut auflistet – und wirksamer gewesen wäre, wenn man eine oder zwei der Figuren tatsächlich hätte mögen können. Technisch ist dabei alles sehr gut umgesetzt worden, aber durch die Decke geht das mangels Strahlkraft nun nicht mehr. (6/10)