"Der Riss" könnte nicht knalliger losgehen. Aus der Tür kommt ein Mann mit wutverzerrtem Gesicht in die Küche und stürzt sich auf seine Frau. Der kleine Sohn will ihr zu Hilfe eilen und wird von seinem Vater brutal weggeschleudert, so daß er verletzt auf dem Boden liegen bleibt. In Notwehr greift sich die Frau eine Bratpfanne und schlägt mehrfach auf ihren Mann ein, bis dieser ebenfalls bewußtlos niedersinkt.
Die Frau, Hélène Régnier (Stéphane Audran), nimmt ihren Sohn Michél unter den Arm und fährt so schnell sie kann zu einem Krankenhaus, wo er sofort versorgt wird. Während sie voller Angst vor den Türen des Operationssaals wartet, tritt ihr Schwiegervater Ludovic Régnier (Michel Bouquet ) hinzu und macht ihr Vorwürfe, daß sie seinen Sohn verletzt hätte und er nicht nur die Scheidung befürworte ,sondern ihr, der unzuverlässigen Bardame, das Sorgerecht für seinen Enkel entziehen lassen will.
Diese ersten Minuten strotzen nur so vor Dramatik und Konflikten, die deutlich den Hass der sehr reichen bürgerlichen Familie der Régniers gegenüber der scheinbar unwürdigen Schwiegertochter zeigen. Ein Dialog oder gar ein Kompromiss ist hier nicht mehr möglich, so daß es nur zu einer Auseinandersetzung vor Gericht kommen kann. Doch die Beratung mit seinem Rechtsanwalt verläuft für Regnier nicht befriedigend, denn dieser macht deutlich, daß es schon überzeugender Argumente vor Gericht bedarf, um einer Mutter das Sorgerecht nehmen zu können...
Was sich in der Schilderung vielleicht temperamentvoll anhört und tatsächlich auch temporeich gedreht ist, ist in Chabrols Inszenierung von einer Kühle, die Einen frieren läßt. Claude Chabrol, der als einer der Begründer der "Nouvelle Vague" gilt, verfolgte trotz verschiedener Genres immer seine eigene gestalterische Linie, die den Zugang zu seinen Werken nicht leicht macht.
Anders als sein Bruder im filmästhetischen Geiste, Francois Truffaut, dessen Werke immer Wärme ausstrahlten, waren seine Sezierungen des menschlichen Charakters von detailgenauer Kälte. Das unterschied ihn sowohl von dem engagierten und offen gesellschaftskritischen Bunuel, mit dem er die Verachtung gegenüber der Verlogenheit der Bürgerschicht gemein hatte, als auch von dem ähnlich kühl inszenierenden Godard, der eine deutlich künstlerischere Filmsprache wählte. So wirkt Chabrol vordergründig fast unauffällig, da seine Werke meist als konventionell erzählte Geschichten erscheinen, die sich einem klassischen Spannungsaufbau bedienen, die aber trotzdem völlig aus dem Rahmen fallen. Man fragt sich nur warum ?
Das liegt zum Einen an dem völligen Fehlen von Emotionen und kitschigen Situationen, zu denen gerade diese Geschichte einzuladen scheint. Stéphane Audran spielt die Mutter, deren Kind verletzt im Krankenhaus liegt und die von ihrem Schwiegervater bedroht wird, mit einer Selbstbeherrschung und Disziplin, die unnatürlich wirkt. Das sie bisher als Bardame und früher sogar als Nackttänzerin gearbeitet hat, nimmt man ihr optisch zwar ab, wirkt aber an Hand ihres Handelns kaum nachvollziehbar. Auch als Mutter, die offenkundig alles für ihren Sohn tut und sich in einer altmodischen Pension gegenüber dem Krankenhaus einmietet, um immer für ihren Sohn da zu sein, wirkt sie trotz aller Liebe äußerst beherrscht. So entsteht für den Zuschauer eine merkwürdige Identifikation, da er sie einerseits bewundert und die Schwere ihrer Situation begreift, sie aber andererseits nicht in sein Herz schließen kann. Zusätzlich verstärkt Chabrol diesen Eindruck noch durch die Filmmusik, die diese Kälte in ihrer atonalen Moderne noch unterstützt.
Ganz offensichtlich hat Chabrol kein Interesse an dieser Art des Mitfieberns, denn er wählt als ihren skrupellosen Gegenspieler den sympathischsten Typen des Films, den Lebemann Paul Thomas (Jean-Pierre Cassel). Dieser wird von Hélènes Schwiegervater beauftragt, sie rechtzeitig zum Gerichtstermin so stark zu diskreditieren, daß sie als Mutter das Sorgerecht verliert. Mit dem Auftreten von Cassel geht ein Ruck durch den Film, denn dieser bekommt plötzlich etwas Leichtes, einen geradezu komödiantenhaften Charakter.
Und hier kommen wir zu dem anderen Punkt, der stilbildend für Chabrols Filme ist, denn der Mann hat Humor. Zugegeben einen sehr schwarzen, fast bösartigen Humor und keineswegs in seiner offensichtlichen Art zelebriert, sondern versteckt und unterschwellig daher kommend. Die Szenen mit Cassel in der altmodischen Pension sind auf Grund des charmanten Intrigranten einfach köstlich und sehr unterhaltend, aber Chabrol läßt an dessen niederen Absichten kein Zweifel aufkommen. Dadurch entsteht für den Betrachter eine irritierende Emotion, denn einerseits wird er Zeuge wie durch einen nachvollziehbaren Charakter auf mieseste Art und Weise ein Leben zerstört werden soll, andererseits ist die Rolle des Opfers so angelegt, daß man sich nicht mit ihr identifizieren kann.
Dazu ergänzen eine Vielzahl bürgerlicher Charaktere das Geschehen, die Chabrol genüßlich auseinander nimmt. Sei es der von Bouquet souverän gespielte Schwiegervater, der in seiner menschenverachtenden Arroganz ein schönes Beispiel für die völlig der Selbstkritik unfähige Bourgeoisie abgibt, sei es seine Frau, die den gemütskranken Sohn durch ihre übergriffige Art noch mehr in den Wahnsinn treibt oder die Pensionsbesitzerin mit der behinderten Tochter und dem alkoholkranken Ehemann, die vor allem darauf achtet, daß es in ihrem Etablissement immer einwandfrei moralisch zugeht.
Fazit : "Der Riss" ist hier nicht nur vordergründig ein Riss zwischen einem Ehepaar, welcher das Geschehen erst in Gang bringt, sondern ein Riss durch sämtliche Erwartungshaltungen.
Chabrol treibt hier sein böses Spiel mit uns, dem man nur mit Humor begegnen kann. Aber nicht die Art des befreienden Lachens, sondern des Galgenhumors, der die Niedertracht und das Abgründige im Menschen erkennt, als gegeben hinnimmt, um sich dann wenigstens dabei gut zu amüsieren. Dazu mit einem großartigen Jean-Pierre Cassel, dessen Sohn Vincent heute viel bekannter ist, einer unterkühlt schönen Stéphane Audran und einem erschreckend faszinierenden Michel Bouquet besetzt .
"Der Riss", der einen Höhepunkt in Chabrols Schaffen darstellt, ist letztlich in seiner subversiven, manchmal abgedrehten und doch immer unterhaltenden Art ein singuläres Meisterwerk, daß es verdient hat, wiederentdeckt zu werden (9/10).