„Es wird alles furchtbar kompliziert werden…“ – „Ja, ganz furchtbar…“
Der französische Drehbuchautor und Regisseur Claude Chabrol („Der Halunke“) griff Anfang der 1970er den realen französischen Kriminalfall der „teuflischen Liebhaber von Bourganeuf“ auf, um daraus sein im Herbst 1972 gedrehtes Drama „Blutige Hochzeit“ zu stricken. Damit erregte der italienisch koproduzierte Film einiges Aufsehen; aufgrund der Thematisierung von Korruption in der Politik musste die Aufführung auf die Zeit nach dem Parlamentswahlen im Jahre 1973 verschoben werden.
„Je näher der Winter kommt, umso länger werden auch die Nächte sein.“
Lucienne Delamare (Stéphane Audran, „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“) sieht sich in einer höchst unbefriedigenden Ehe mit Paul (Claude Piéplu, „Eine Wolke zwischen den Zähnen“), dem Bürgermeister einer französischen Kleinstadt, gefangen. Für ihn scheint es nur noch die Politik zu geben, die Bedürfnisse seiner Frau scheinen ihn nicht zu interessieren. Sie geht eine Affäre mit dem ebenfalls unglücklichen verheirateten Pierre Maury (Michel Piccoli, „Themroc“) ein, dessen Frau Clotilde (Clotilde Joano, „Z“) an Depressionen leidet und jede Lebenslust verloren hat. Lucienne und Pierre treffen sich heimlich, um ihre Leidenschaft auszuleben. Besonders pikant wird es, als Paul nichtsahnend Pierre zum stellvertretenden Bürgermeister ernennt. Eines Tages entledigt sich Pierre seiner Frau, indem er sie vergiftet und es wie einen Suizid aussehen lässt. Als Paul hinter die Affäre kommt, ist auch er seines Lebens nicht mehr sicher…
Eine Texttafel mit Zitaten aus der griechischen Tragödie „Eumeniden“ stimmt auf den Film ein, der mit hübschen Dorf- und Landschaftsaufnahmen eine Idylle erzeugt, die eigentlich keine ist. Früh installiert Chabrol eine ausgedehnte Rückblende zum Kennenlernen Luciennes und Pierres und dem Verlauf ihrer Beziehung. Die eher gedrückte Stimmung wird aufgelockert, als während einer Ratssitzung zur Sprache kommt, dass irgendjemand ins Museumschloss einsteige. Natürlich handelte es sich dabei um Lucienne und Pierre, um sich dort miteinander zu vergnügen. Pierre partizipiert an dieser Ratssitzung und muss ganz überrascht tun. Jeglicher schelmische Witz weicht jedoch aus diesem Stoff, als Pierre seine lebensmüde Frau umbringt. Ihren Tod zeigt Chabrol nicht, man erfährt davon nur über den Dialog.
Luciennes gescheite Tochter (Eliana De Santis, „Der Mönch und die Frauen“) ahnt etwas, zur größeren Gefahr für die beiden wird jedoch Paul, der nun als typisch „konservativer“ korrupter Politiker charakterisiert wird, der ausgerechnet Pierre ein krummes Geschäft anbietet. Als Paul hinter die Affäre kommt, gibt Lucienne provokativ offen alles zu und steht zu Pierre. Nach einer seltsamen, selbstgerechten „Aussprache“, die Paul anberaumt hatte, geht es nach über zwei Dritteln Laufzeit auch ihm an den Kragen. Das kann man ruhig schreiben, ohne dabei zu spoilern, denn „Blutige Hochzeit“ ist kein Krimi oder gar Thriller. Im Vordergrund steht die von vornherein unter keinem guten Stern stehende Affäre, die mörderische Ausmaße annimmt – und dies in eher verhaltenem Erzähltempo sehr geradlinig und vorhersehbar, ohne Wendung oder doppelten Boden.
Dadurch fehlt es Chabrols Film am Thrill, den der Stoff eigentlich hergegeben hätte. Immerhin wird der zweite Mord in allen Einzelheiten gezeigt und stellt damit die Klimax des Films dar. Auf Erotikszenen oder ähnliches verzichtete Chabrol hingegen ganz. Der Unsympath des Films ist eigentlich Paul, vermutlich wollte Chabrol damit der verkommenen rechtskonservativen Politkaste Frankreichs einen mitgeben. Aber war es wirklich beabsichtigt, auch Lucienne und Pierre derart unsympathisch, kaltschnäuzig und egoistisch zu zeichnen? Dadurch mangelt es der Zuschauerschaft an emotionalen Anknüpfmöglichkeiten. Das Ende stellt dann die richtigen Fragen, die aber unbeantwortet bleiben.
„Blutige Hochzeit“ ist beileibe kein schlechter Film. Er ist in sich durchaus stimmig, zweifelsohne stark besetzt und hat seine starken Momente. Er wirkt aber, als habe Chabrol weniger Interesse an seinen Figuren gehabt als vielmehr daran, parabelhaft etwas über das damalige Frankreich zu erzählen – und darüber die eigentliche Geschichte etwas vernachlässigt.