Ein Sexsüchtiger in einer modernen Großstadt, der plötzlich durch Veränderungen in seinem Leben unangenehm auf sich selbst zurückgeworfen wird - wenn das keine Basis für einen modernen Kommentar zur Anonymisierung des Individuums in unserer heutigen Gesellschaft ist. Graphisch, grell und bissig, irgendwo zwischen Virilität und Sterilität gefangen, hätte "Shame" ein Film wie ein Paukenschlag werden können.
Aber daran war Steve McQueen bei seinem zweiten Film mit seinem Hauptdarsteller Michael Fassbender nach "Hunger" nicht interessiert. Keine Gesellschaftskritik steht im Fokus, sondern eine Zustandsbeschreibung von geradezu irritierender Intimität, die so gar nichts von dem Skandalpotential mit sich bringt, die man vermuten könnte, nachdem man der Hauptfigur angedichtet hat, einen Großteil des Film in frontaler Nacktheit zuzubringen.
Ja, "Shame" ist relativ offen und er behandelt (oder besser umschreibt) ein sexuelles Sujet, doch er ist realistisch und fast neutral dabei und verzichtet auf jegliche offenherzige Zeigefreudigkeit. Das mag man vielleicht nicht glauben, wenn Fassbender gleich zu Beginn in einem Einführungsreigen geradezu eliptisch den Zuschauer durch seinen Tag führt, der stets damit beginnt, daß er nackt aus dem Bett aufsteht (übrigens die einzige Gelegenheit, Fassbender Penis wirklich auf der Leinwand zu sehen, falls man auf das Skandalpotential des Films schielt), in die Küche geht, während sich auf seinem AB eine Frau (später als seine Schwester identifiziert) wie eine verflossene, leicht angegeilte Geliebte gebärdet. Auf das Pinkeln folgt das Duschen, dabei wird onaniert, anschließend beginnt der Bürotag des kreativen Angestellten zwischen Internetpornographie, Masturbation und Quickies, bis den Tag schließlich ein Callgirl daheim beschließt, ehe der Kreislauf am Morgen von Neuem beginnt.
McQueen erschafft ein vom Publikum zu erarbeitendes Portrait, das nicht leicht zu verdauen und noch schwerer zu konsumieren ist, denn der Regisseur verweigert sich gängiger Mechanismen erzählerischer Art, sondern inszeniert mit einer geradezu entnervenden Ruhe und Fokussierung auf spezielle Momente und Stimmungen, wobei er distanziert die Figuren betrachtet, die sich in ihren Masken durch die Großstadtwelt schlagen.
Was Brandon wirklich beruflich macht, wird nie ganz klar, allerdings sehen wir ihn auch nie arbeiten. Zumeist sitzt er an seinem Tisch - sein Computer ist wegen Virenbefall in Sachen Pornographie sogar gerade abgebaut - und frotzelt mit Kollegen, macht sich Zucker in den Kaffee oder fährt das Lob seines Chefs ein, der genauso jung ist wie er selbst. Seine Arbeit leidet also nicht unter seiner Sucht, aber alles übrige ist um das Verlangen nach Sex herum gruppiert. Abend sitzt er in seinem grell ausgeleuchteten, steril wirkenden Großstadtappartment (ohne Vorhänge wie alle in diesem New York, die Stadt wird hier zu einem Käfig für Voyeure) und benutzt seinen Laptop zur Suche neuer sexueller Rauschzustände.
Brandons Methode ist keine - er hat einfach die natürliche Ausstrahlung eines sexualisiert auftretenden Menschen, wie sein bloßer Blick stimulierend auf eine Mitreisende in der U-Bahn beweist.
Eine Feierstunde in der Cocktailbar gibt dann subtil Einblicke, wie mühelos dieser perfektionierte Zustand anzuwenden ist, wenn sich sein Chef um Kopf und Kragen redet, um Eindruck zu schinden und nach Stunden schließlich mit vagen Versprechen auf ein Wiedersehen gehen gelassen wird, während das weibliche Objekt der Begierde schließlich Brandon in die entgegengesetzte Richtung nachfährt, nur für ein sexuelles Abenteuer, für das er nichts getan hat, als Präsenz zu zeigen und zu lächeln.
Dieses streng durchkomponierte Leben erfährt seinen Bruch mit dem Eintreffen seiner Schwester Sissy (dargestellt Carey Mulligan), die das genaue Gegenteil von Brandon ist. Sissy ist unorganisiert, lebensuntüchtig und gedankenlos, naiv manchmal und durch das Leben driftend, selten mit viel Geld in der Tasche. Emotional bis zum Exzess, dabei jedoch fragil und verletzlich, ist ihre offene und brennende Art Gift für Brandons kühle Kontrolle. Doch er nimmt seine ungeliebt Schwester bei sich auf und setzt eine Abwärtsspirale in Gang, die er trotz Wut und Gegenwehr nicht aufhalten kann.
Was wirklich mit Brandon und Sissy los ist und wie es zu ihren unterschiedlichen Lebensauffassungen kam, klärt McQueens Film nie auf. Daß beide eine schlimme Kindheit hatten, wird zwar in einem Satz kurz angedeutet, aber nie vertieft, wobei die Befürchtung einer inzestuösen Beziehung kommender oder vergangener Natur ständig in der Luft hängt, denn obwohl Brandon Nähe scheut und seine Schwester ablehnt, schiebt er ihre Annäherung nie beiseite.
Die unkontrollierte und emotionale Art Sissys bringt in der Folge seinen Tagesablauf durcheinander und damit stört sie seine selbstbefriedigenden Kreise. Schließlich schläft sie auch noch mit seinem Chef in seiner Wohnung, was Brandon in einer Art hilfloser und unbefriediger Verzweiflung zurückläßt. Kurz vor dem nervösen Zusammenbruch flieht er schließlich - er geht joggen - und die Kamera folgt ihm bei dieser kontrollierten Laufflucht minutenlang die nächtlichen Straßen von New York hinunter, bis es schließlich so scheint, als müsse die Kamera an einer Ampel ausruhen und die Flucht wäre gelungen.
Viel schlimmer ist aber in der Folge, daß der Verdränger zu denken und zu fühlen beginnt und spürt, wie sein Leben wirklich aussieht. Die titelgebende Scham wird übermächtig, da hilft auch kein sexuelles Abschwören und auch nicht der fast heroische Versuch, mit einem erotischen Schwarm aus dem Büro ausnahmsweise eine Art echter menschlicher Beziehung anzugehen. Sein Zustand wird zunehmend schlimmer, der Druck stärker und die Schuld weist er Sissy zu, die nicht in der Lage ist, mit so einer Belastung umzugehen. Die Katastrophe ist unausweichlich.
Bis es soweit ist, dominieren jedoch in McQueens Film die ruhigen Tableaus. Mit dokumentarischer Ruhe betrachtet die Kamera das Kuriosum von Szene, in der Brandon mit der hübschen Marianne versucht, in einem Restaurant ein richtiges Gespräch anzufangen, das binnen kürzester Zeit seine zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten offenbart, unterbrochen durch einen linkischen Kellner, der immer wieder für zusätzlich komische Intermezzi sorgt.
Weniger lakonisch, aber ähnlich intensiv ist eine mißglückte Sexszene genauso wie sein gewollter Abstieg aus Scham, bei dem er erst eine Frau sexuell erregt, sich dann von ihrem Freund verprügeln läßt, bis er schließlich auf einer Schwulentoilette endet, von der ihn der Weg zu einem katharsischen Dreier mit zwei Prostituierten führt. Genauso geschickt, weil mit den Erwartungen des Zuschauers spielend, ist sein Weg zurück, bei dem alles darauf hindeuten soll, daß Sissy sich etwas angetan hat.
Mulligan, mit blondem Seberg-Kurzhaarschnitt, überzeugt wie nervt mit ihrer kindlichen Emotionalität, öffnet aber alle Schranken mit der minutenlangen und wohl traurigsten Version von "New York, New York", die je in Zeitlupe gesungen wurde, zerbrechlich und weltverloren, wie eine offene Wunde, ein sterbender Schwan.
Nein, eine Form der Kritik aus diesem Film zu lesen, ist wirklich schwer, stattdessen gelingt McQueen aber wieder ein unangenehmes, unbequemes und berückendes Portrait eines Mannes, der wortwörtlich nicht mehr aus seiner Haut kann, in der er sich nicht mehr wohlfühlt, wie er jeden Tag etwas mehr feststellt. Kein Weg zur Hölle, sondern mehr eine die Erkenntnis, daß man längst darin gelandet ist, weil man vor den grell erleuchteten und unverdeckten Fensterfronten der Großtstadt von den Augen aller eine x-beliebige Frau vögelt; Sekunden, in den man sich spürt und doch verliert und vergessen kann.
Ob es Hoffnung gibt, nach einem Film wie "Shame" muß jeder für sich beantworten. Wenn es aber Menschen wie Brandon in Wirklichkeit gibt, wenn sie so existieren, dann ist der Film ein erschreckendes Monument. (8/10)