"Wir haben kein Vieh mehr. Wir müssen überleben! Was sollen wir sonst tun?"
Deutschland im Jahre 2016: Sonnenstürme haben im Laufe von 3 Jahren das Land völligst ausgedörrt. Die einstige Hierarchie existiert nicht länger. Nahrung sowie Wasser sind knapp und die letzten Menschen kämpfen verzweifelt ums Überleben.
Marie (Hannah Herzsprung), ihre kleine Schwester Leonie (Lisa Vicari) sowie Phillip (Lars Eidinger) befinden sich in einem mit Zeitungen abgeklebten Wagen auf dem Weg in die Berge, wo es noch reichlich Wasser geben soll. Auf der Suche nach Benzin treffen sie an einer Tankstelle auf den Mechaniker Tom (Stipe Erceg), der sich mittels Kraftstoff und Kenntnissen in der Wartung des Autos eine Mitfahrt sichert. Auf dem Weg in die Berge gerät die Gruppe in einen Hinterhalt, wobei Leonie entführt und der Wagen gestohlen werden. Obwohl Phillip auf eine Fortsetzung der Reise besteht, will Marie ihre kleine Schwester auf keinen Fall zurücklassen.
Regisseur und Kinodebütant Tim Fehlbaum serviert mit “Hell” einen flott inszenierten Endzeit-Thriller, der für eine deutsche Produktion ein äußerst hohes Niveau erreicht. Trotz der ganz offensichtlichen Inspiration durch "The Road“, "Carriers“ und weiteren Kandidaten des Genrekinos kratzt Fehlbaum in vielen Bereichen aber nur an der Oberfläche des Möglichen.
"Hell" unterteilt sich in zwei verschieden agierende Filmhälften. Die erste beschränkt sich auf ein klassisch inszeniertes Endzeitszenario und der Wanderung seiner Protagonisten von einem Ausgangspunkt zum nächsten. Mittels Randbemerkungen wird die Katastrophe umschrieben, selbst aber nie genauer thematisiert. Nur rundimentär bildet sich eine Endzeitvision, die eher durch ihre örtlich eingeschränkten Bilder erstaunen kann.
Stets mit gleißend wirkender Sonne untermalt, werden karge Kulissen präsentiert, verlassene Orte, verdorrte Landschaften sowie eine Welt, in der es kaum noch Hoffnung mehr zu geben scheint. Dass all dies allerdings über wenige Jahre hinweg geschehen sein soll, lässt sich jedoch nicht so leicht akzeptieren. Gerade durch eine Vielzahl von Logiklöchern stolpert "Hell" immer wieder gerne über seine sonst so plausibel visualisierte Welt.
Kulisse und Ausstattung sind stimmungsvoll. Die eingefallenen Gesichter und abgetragene Kleidung zeugen von stetiger Belastung. Die Gefahr durch die brennende Hitze der Sonne wird durch behelfsmäßige Schutzkleidung und Abdeckungen durch Zeitungen und Pappkartondeckel dokumentiert. Weniger dagegen der aufkommende Durst, der eher beiläufig durch unregelmäßiges oder übereifriges Trinken abgehandelt wird, obwohl die Suche nach Wasser das augenscheinliche Thema scheint.
Der Kampf ums Überleben erscheint in anderer Form, nämlich vom Menschen selbst ausgelöst. In der zweiten Hälfte von "Hell" prallen die richtungslos gezeichneten Protagonisten auf eine abgelegen lebende Familie, die sich Überlebende für diverse Zwecke hält. Nebst christlicher Symbolik fällt der Richtungswechsel vom Endzeit-Thriller zum Horrofilm auf, der jedoch auf delikate Szenen verzichtet. "Hell" kündigt sich versteckende Figuren konsequent an und zeigt keine übermäßig drastischen Bilder, obwohl diverse Klassiker des Horror-Genres zitiert werden.
Durch großzügiges abkupfern von "The Road" und "Carriers“, sowie zahlreichen Anspielungen auf "The Book of Eli", "The Hills Have Eyes" und “Blutgericht in Texas" wirkt die Handlung von "Hell" weit weniger originell als dessen Inszenierung.
Neben einigen extrem fragwürdigen Entscheidungen der Figuren, fallen besonders Logiklücken im Zusammenhang mit der feindseligen Umwelt auf. Zudem lässt der Schluss Fragen offen und erzielt nicht die nachhaltige Wirkung, die die dystopische Zukunftsvision verdient hätte
Die Darsteller sind durchgehend solide. Heraus ragt insbesondere Hannah Herzsprung ("Der Baader Meinhof Komplex"), deren visuelle Präsenz am größten ist und deren Figur als einzige eine echte Entwicklung vollzieht, während alle anderen in ihren zu kurz angebundenen Rollen feststecken. Die Dynamik von Stipe Erceg ("Unknown Identity", "Die fetten Jahre sind vorbei") sowie das Talent der eher als Theaterschauspielerin bekannten Angela Winkler werden nicht ausgereizt.
"Hell" erweist sich als überaus abitioniertes Projekt, dem es an Spezialisierung und Feinschliff mangelt. Die Beziehungen zwischen den Figuren, die Weltendarstellung, die Thematik um menschliche Abgründe; Alles was der Endzeit-Thriller aufgreift, reißt er nur an. Kulisse, Inszenierung und Ausstattung dagegen spielen in einer Liga mit dem internationalen Kino und sind somit für eine deutsche Produktion erstaunlich. Das hohe Tempo lässt "Hell" zu keinem Zeitpunkt einbrechen. Das massive Wiederverwenden von ganzen Sequenzen und Ideen vergleichbarer Filme zeugt allerdings von wenig Originalität, stattdessen eher oberflächlicher Behandlung handlungsrelevanter Punkte. Ebenso unverständlich ist, weswegen der atmosphärische Soundtrack zum Abspann nicht im Film verwendet wurde.
6 / 10