Review

kurz angerissen*

Mit jeder dritten Regiearbeit gerät das Werk eines Regisseurs zur Serie, und im Fall von Louis Malle verrät sie seine kreative Ruhelosigkeit."Fahrstuhl zum Schafott" eröffnete mit einer stilistischen Fingerübung, mit der konservativen Inszenierung von "Die Liebenden" gelang ihm inhaltliche Revolution; in seinem ersten Farbfilm "Zazie" nun experimentiert er wild mit Stilmitteln, heftet sich regressiv an die ersten Gehversuche des Kinos und reduziert so nicht nur kinematografische Entwicklungen von der flüssigen Bewegung zur stroboskopartigen Stop-Motion, sondern zugleich eine hochkomplexe Intension auf eine banale Inhaltsangabe, die aus einem Kinderbuch stammen könnte: Die kleine Zazie besucht ihren Onkel in Paris und möchte so gerne einmal in der Metro fahren.

Jener Onkel trabt zunächst Kuriositäten murmelnd über den Pariser Bahnhof, ein wenig so wie eine Randfigur aus einem mittelmäßig skurrilen Fellini-Film. Erst als der Zug eintrifft und Fahrgäste im Fast Motion die Kabinen verlassen, wird deutlich, dass konventionelle Erzählmittel weitgehend außer Acht gelassen werden. Schnell steigert der Regisseur seinen Experimentalismus in den Exzess, verwendet radikalen Bildschnitt und manipuliert somit die Kontinuität, womit er sich ästhetisch einerseits an den Stummfilm anlehnt und andererseits den Weg bereitet für spätere Generationen von französischen Filmemachern wie Jean-Pierre Jeunet.

Inmitten der schneidenden Gebäudearchitektur von Paris, die von den hampelnden Erwachsenen als Kunst zu interpretieren versucht wird, stiehlt Catherine Demongeot als Gör mit Zahnlücke und knabenhafter Erscheinung drehbuchgemäß der Erwachsenenwelt die Show. Diese wird von Malle nahezu mit der abgeschnittenen Perspektive eines Samstagmorgen-Cartoons eingefangen, in dem man jeweils nur Knie zu Gesicht und Stimme zu Gehör vernimmt, um eine rein kindliche Perspektive rekonstruieren zu können. Langsam demontiert der Film damit den architektonischen Nonsens der adulten Kultur bis hin zu einem perspektivisch schwindelerregenden Ausflug auf den Eiffelturm, den Malle mit optischen Tricks verbiegt wie einen Eisenlöffel, den man auf den Fingerknöcheln wackeln lässt.

Um so stärker hallt der kurze Dialog zwischen Zazie und ihrer Mutter am Ende des Besuchs in der Großstadt nach. Ebenso wie die Inhaltsangabe handelt er von Banalitäten, unter Berücksichtigung der wunderlichen Bildsprache Malles jedoch zerlegt er die Welt des Rationalen jedoch in alle Einzelteile.

*weitere Informationen: siehe Profil

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