kurz angerissen*
Für eine Erzählung über einen suizidgefährdeten Mann ist „Das Irrlicht“ irritierend ruhig erzählt. Obgleich die Handlung einen Weg mit vielen Abzweigungen und Wendemöglichkeiten vorgibt, steht eine gewisse Alternativlosigkeit im Raum. Pathos und großes Drama entfallen somit und werden zu entbehrlichen Zutaten, denn Malles Figuren erweisen sich trotz ihrer vermeintlichen Schmucklosigkeit als so vielschichtig, dass sie nicht theatralisch in Szene gesetzt werden müssen, um ihren tragischen Kern freizulegen.
So lässt der Regisseur, obgleich er von der Romanvorlage in entscheidenden Punkten abweicht, kaum einen Zweifel am Ausgang. Maurice Ronet spielt im Grunde einen zwar unterkühlt, aber gesund wirkenden Mann. All seine Gesten deuten darauf hin, dass er sich problemlos in die von ihm abgelehnte Entwicklung seines Umfelds integrieren könnte, wenn er wollte; es ist allein seine Position in den vielen Dialogen mit früheren Freunden und Bekannten, die Einblick in sein Denken geben, und selbst sie sind mit einer Gabe für Rationalität präsentiert.
Stilistisch lehnt sich Malle näher an „Die Liebenden“ als an jeden anderen seiner bis dahin gedrehten Filme. Auch der für die Gesellschaft empfundene Nihilismus hat den gleichen Ursprung; jedoch sind die Umstände andere, ebenso die daraus gezogenen Schlüsse. Somit wird „Das Irrlicht“ in gewisser Weise zum Negativ seines skandalumwobenen Zweitwerks, was nicht nur seine qualitative Konstanz unter Beweis stellt, sondern auch ihren Ursprung, nämlich die seltene Fähigkeit, dem eigenen Denken das schnelle Wechseln zwischen unterschiedlichen Weltbildern zu ermöglichen – eine für das Einfühlen in die Figuren unersetzliche Gabe.
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