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Kli'schee, das; -s,-s 1.Vorurteil, pauschale, festgefahrene Vorstellung 2. abgedroschene Redewendung

Fernsehfilme sind ja meist eine zwiespältige Angelegenheit. Könnte man sich doch von den Einschränkungen durch die großen Studiofinanciers lösen, scheitern die intendierten Ansprüche meist an den noch härteren Restriktionen der TV-Selbstzensur. Packt man da mal ein heißes Eisen an, kann der Kampf um dessen Realisierung nicht nur Unmengen an Herzblut sondern vor allem an Zeit kosten. Bis zur finalen Verwirklichung des Projektes ist es also keine Seltenheit, dass der beabsichtigte Bezug zu aktuellen Brennpunkten nicht mehr vorhanden ist. Eine Problematik der etwa schnell produzierbare Formate wie „Southpark“ durch ihre Einfachheit geschickt entgehen.

Während nämlich die Serie der beiden Freaks Trey Parker und Matt Stone beinahe schon erschreckend zeitnah auf das aktuelle Tagesgeschehen reagiert, tut sich ein Film wie „Das dunkle Nest“, zumal auch noch für die öffentlich rechtlichen Fernsehanstalten in Auftrag gegeben, ungleich schwerer. Doch ist es nicht das mittlerweile schon in Vergessenheit geratene Thema, nämlich sexueller Missbrauch und Kirche, der dem Film das Genick bricht. Doch dazu später.

Der Jesuit und ehemaliger Gefängnispfarrer Reinberg lässt sich auf eigenen Wunsch in ein kleines katholisches Dorf versetzen und gewinnt bei Lateinnachhilfe und Ministrantenunterricht bald das Vertrauen der kleinen 12-jährigen Lydia. Es kommt wie es kommen muss, zumindest in den Weiten der ZDF-Krimilandschaft, das Mädchen wird tot aufgefunden und bald schon gerät dieser aufrechte Mann – frei nach dem Motto „die besten Schafe für den Herrn“ – unter Generalverdacht. Natürlich ist dem Zuschauer von Anfang an klar, dass dieser beste aller Pfarrer, dieser aufrechte christliche Fels in der Brandung negativer Bild-Schlagzeilen, nicht der Täter gewesen sein kann. Zu gutmütig, zu weise, ja eben zu perfekt ist er, dieser Mann Gottes. Kleinere dunkle Flecken in der Vergangenheit des „man in black“ werden, wenn überhaupt hinterfragt, in kleinen Nebensätzen abgehandelt. So ist sein Versetzungsgrund zwar, dass er einen Jungen geschlagen hat, aber mehr als ein weises „mir ist die Hand ausgerutscht“ erfahren wir über den Vorfall nicht. Zumal die Versetzung in die Provinz  seinen privaten Jakobsweg darstellt. Ein wenig differenzierter wird es, wenn ein weiterer Fleck auf der weißen Weste des Jesuiten auftaucht. So hatte er während seiner Gefängniszeit ein Gutachten für einen Sexualstraftäter ausgestellt, welches diesem die Freiheit und einen baldigen Rückfall in alte Gewohnheiten ermöglichte. Doch selbst dieses diskussionswürdige Thema wird nie befriedigend ausformuliert.

Auch wenn es zu schön wäre, an Christian Berkels Leistung liegt das klischeebehaftete Fiasko des Films nicht. Der Schauspieler macht seine Sache, im enggesteckten Rahmen des Drehbuchs, noch am Besten. Lässt er doch durch sein „zu“ kontrolliertes Auftreten wenigstens ab und an die Möglichkeit (und Hoffnung) durchschimmern, er könne vielleicht doch noch etwas mit dem Fall zu tun haben und damit etwas Unberechenbarkeit in die Geschichte bringen. Stattdessen läuft die Schose auf ein allzu konstruiertes Finale hinaus, das selbst den freundlichen Inzestopa von nebenan als geläuterten Märtyrer seiner Passion präsentiert.

Somit bleibt, neben einigen gestelzt wirkenden Kritiken am System Kirche, dem an sich interessanten Ansatz, dass eine ganze Institution für die Taten einiger Weniger büßen muss (ohne natürlich zu hinterfragen, warum dem so ist, warum unschuldige Geistliche die schwarzen Schafe schützen), eine typische Tatorthandlung und die Erkenntnis, das unsere Kirche längst nicht überholt sondern im Gegenteil wichtige Lichtschein in finsterer Nacht ist. Dazu passend wird natürlich auch noch auf penetranteste Art der Psalm 23 rezitiert.

Was mich dann auch auf den eingehenden Lexikonbeitrag zurückbringt: Ein Film also über Vorurteile und festgefahrene Meinungen, der nichts anderes präsentiert als abgedroschene Drehbuchwendungen in Form einer unrealistischen, überkontruierten Handlung. Eine weitaus interessantere Alternative hat mit „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ und „Es geschah am hellichten Tag“ ausgerechnet schon die Anfangszeit des deutschen Kinos geschaffen.

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