"Gehasst,Geliebt,Vergöttert und Verdammt"..und nun auch noch "verbannt". Und zwar just aus den australischen Kino´s.
Tom Six´s "Human Centipede" sorgt also nicht erst anno 2009 für Zündstoff, sondern die Lunte brennt "brisanter" wie eh und je, auch im Jahre 2011, welches die Ära der "Full Sequence" einläutet.
Ist die Thematik an sich noch nicht brisant genug, so hat der Nachfolger mit erheblichen Zensurproblemen zu kämpfen, die ihn just aus den australischen Kino´s "krabbeln" ließ, trotz der höchsten Freigabe 18+ in "down under".
Zumindest auf dieser Ebene kann sich Six wieder einmal seine "Kontroversität" bescheinigen lassen. Kaum ein Fan des schlechten Geschmacks kann sich der teils grotesk angedachten Thematik entziehen. Somit ist "Full Sequence" zumindest in dieser Hinsicht "erneutes Objekt" der Begierde.
Nach Sichtung des Films wird aber auch den tolerantesten Freunden deftigsten Geschmacks klar sein, dass gewisse Einschnitte unvermeidbar waren, trotz des künstlerischen Aspekt´s, der mit einer Note gehörig schwarzem Humor gewürzt wurde.
Der BBFC (British Board of Classification) verbot den 2ten Teil zunächst, bis Eureka Entertainment und BountyFilms gegen diesen Beschluss "Widerspruch" einlegten, den auch Tom Six mit seiner "nicht immer ernst zunehmenden" künsterischen Freiheit untermauerte und dem Verbot widersprach.
Somit wurde kurzerhand die Fassung etwas "gestrafft" und der Film konnte und durfte mit einigen notwendigen zensurbedingten Einschnitten wieder gezeigt werden. Und selbst diese Fassung kann sich auch problemlos den Ansprüchen der Fans behaupten, die Ihre Hände schon im Vorfeld in die Höhe reckten und auf den grotesken Nachfolger warteten.
War der erste Teil eine damals neuartige, groteske und widerliche Vorstellung dessen, was man im Grunde niemals ernsthaft vor die Leinwand gesetzt bekommen wollte, so hat der Nachfolger eine erhebliche Schlagseite in Richtung "Torture Porn".
Im Grunde tischt uns SIX hier nichts anderes auf, als einen Neuaufguss des Vorgängers. Dieses mal jedoch getreu dem Motto "Mehr ist mehr", so dass SIX den Gorehahn deutlich aufdrehte, was den Film unabhängig von seiner guten und eigenwilligen Optik etwas an Flair nimmt.
Gerade dieses Gefühl des "Unwohlsein", welches beim sichten des Vorgängers aufgrund des Ungewissen noch herrschte, geht der "Full Sequence" etwas abhanden.
Trotzdem; man muss SIX attestieren, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat und einen recht soliden und optisch,-sowie inszenatorisch sehr guten Film zu Stande gebracht hat. Jener bürgt zwar noch einige Schwächen, ist aber eine recht Runde Sache geworden.
Hauptunterschied ist neben des gehobenen Gorelevels auch die gesamte Optik des Films. Teil 2 ist komplett in SW. SIX hatte zunächst den Film in Farbe gedreht, war aber mit dem Gesamtpaket nicht zufrieden und drehte kurzer Hand die Farbe raus. Das Resultat kann sich somit durchaus sehen lassen, bringt der neue Look doch massig positive Atmosphäre mit sich.
War der Vorgänger noch geprägt von seiner sterilen und subtilen und leicht unterkühlten Optik, so unterstreicht der monochrome SW Look die gut gewählten, dreckigen Locations. Und auch wenn diese sich fast primär auf "Martin´s" Arbeitsstätte, dem Parkhaus und seiner OP Location, dem Lagerhaus konzentrieren, so sind diese dank des Looks sehr stimmig. Der permanente Regen während der gesamten Laufzeit unterstreicht derweil noch die trostlose und triste Grundstimmung.
Doch das wesentliche Kriterium stellt die Wahl des Hauptdarstellers dar. Dieser ist fortan kein gelernter Chirug, wie es Dieter Laser vorbildlich im Vorgänger unter Beweis stellte, sondern ein "Freak", der den Taten des Dr. Heiter´s schon äußerst suchtbetont nacheifert.
Demnach sind die Eingriffe des selbsternannten Hobbychirugen auch eine äußerst delikate und auch teils unfreiwillig komische Sache, wenn dieser sich eher "stupide" an seine potenziellen Opfer macht und jene zur "Human Centipede" umwandeln möchte.
Diese besteht derweil auch nicht mehr aus "nur" 3 Opfern, sondern aus gleich 12 Personen, welche umfunktioniert werden wollen.
Im Grunde lässt sich sagen, das die "Human Centipede 2" in Sachen "Qualität", bezugnehmend auf die Inszenierung und des filmischen Looks samt Score an Substanz gewonnen hat, jedoch andere, vielleicht wichtige Attribute außen vor lässt.
Laurence R. Harvey, welcher als neuer Hauptprotagonist in Erscheinung tritt, agiert und performt seine Rolle wunderbar und bewerkstelligt dieses Unterfangen rein mit seiner Mimik und Gestik. Er spricht kein Wort sondern gestikuliert rein mit seiner Körpersprache. Und jenes macht er perfekt. Er ist eine, auf den ersten Blick "eklig-perverse" Erscheinung, dessen kranke Performance in den letztzen 30 Minuten echt zur Hochform gepuscht wird.
Dennoch, bei all seiner optisch positiven Präsenz, bleibt er hinter den vorbildlichen Leistungen eines Dieter Laser zurück.
Dieter Laser war irgendwo das personifizierte Bindeglied zwischen "Genie und Wahnsinn", dem man seinen Wahn auch im Gesicht und seinem tadellosen Schauspiel abgenommen hat. Seine regelmäßigen, primär in deutsch vorgetragenen Ausraster sind legendär und haben seine agressiv-kreativen und unberechenbaren Charakter unterstrichen und ausgezeichnet.
Leider fehlt der "Full Sequence" somit jene Substanz, bezw.einen Charakter, der auch einen solch grotesken Film alleine tragen kann, wenn eben gewisse Schauwerte nicht gegeben sind.
Hielt sich Teil 1 deutlich mit jenen zurück und bot somit mehr Kopfkino, so hält Teil 2 einfach nur drauf und schont den Zuschauer nicht.
Ich hätte ja gerne wieder etwas mehr Subtilität und ein unwohles Gefühl beim gucken gehabt, aber dafür punktet der Film eben mit anderen, bereits erwähnten Attributen.
Es bleibt somit ein weiterer, sehr kontroverser Film der übelste Schauwerte bietet aber an den besagten Vorzügen des Vorgängers kränkelt, was auch an der fehlerfreien Performance des Dieter Laser lag.
Trotzdem, Human Centipede 2 ist ein grotesk erfrischender Genrebeitrag eines Regisseurs, der mal die Eier in der Hose hatte, groteskes auf die Leinwand zu bringen und den behördlichen Instanzen einfach mal den Mittelfinger entgegen streckte.