Nach dem im positiven Sinne trashigen 1. Teil mit dem famosen Dieter Laser als "Dr. Heiter", in dem das Grauen der Konstruktion eines menschlichen Hundertfüssers (Human Centipede) philosophisch vorbereitet und nur in relativ wenigen Sequenzen auch physisch gezeigt wurde, wird in HUMAN CENTIPEDE II (Full Sequence) (HC 2) so ziemlich alles gezeigt was in diesem Kontext möglich ist. Schon mal vorab: auch ich verabscheue jegliche Gewalt gegen unschuldige Menschen, aber die gibt es in vielen "normalen" Filmen auch, deshalb soll HC 2 an seinem Beitrag als Film in seinem speziellen Exploitation Genre-Kontext bewertet werden.
Um es gleich zu sagen: der Beitrag ist signifikant. Das kranke Muttersöhnchen Martin vervollständigt das Werk von Dr. Heiter und bringt es ohne viel Vorrede auf 10 Personen, die er, an Mund und Hinterteil vernäht, zu einem "Human Centipede" verbindet. Sozusagen ein "Zwanzigfüsser". Sein Ziel ist es, EINEN (Verdauungs-) Organismus zu kreieren und mit verdauungsbeschleunigenden Mitteln hilft er damit auch kräftig nach und bewundert inständig sein Werk. Diese Szenen werden so manchen Seher zu Recht schon überfordern.
Der explizite und psychologische geprägte Gore-Faktor ist sehr hoch. Alles ist quasi farblos in schwarz-weiss gehalten, die Physis und Mimik des Freaks Martin ist sensationell und sehr authentisch. Er versteht es einzigartig die Verzweiflung, Wut, Trauer, Erregung und sonstigen Gefühle 1:1 in seiner besonderen Art zu transportieren. Es ist durch diese Art der Performance eine Art Arthouse Exploitation Film, hochwertig gefilmt mit exaltiertem Inhalt. Man kann und darf das ganze natürlich auch nicht ernst nehmen obwohl es sehr ernst und ohne jegliches Augenzwinkern dargeboten wird.
Es sind dann auch noch Szenen zu sehen in denen sich Martin sein bestes Teil mit Stacheldraht umwickelt um sich an eines der Opfer ranzumachen. Oder auch sich es selbst mit Schleifpapier besorgt. Dies sind tatsächlich auch überwiegend selbstzweckhafte Szenen die nicht zur schon an sich kruden Handlung notwendig gewesen werden. Ein 3. Teil ist schon angekündigt (HC 3 - FINAL SEQUENCE). Regisseur Tom Six sagt Teil 1 verhält sich zu Teil 2 wie ein Disneyfilm. Teil 2 soll sich zu Teil 3 genauso verhalten. Das ist natürlich vorrangig gute PR, aber der Genrefan darf darauf trotzdem gespannt sein.
Ich muss nochmal anmerken, dass sich meine Beurteilung des Films als Genrebeitag im Horror- oder Exploitation-Umfeld bezieht, NICHT auf eine moralische Bewertung des Gezeigten an sich. Menschen in welchem Kontext auch immer zu quälen ist absolut zu verurteilen. Damit aber den Film vorab zu verurteilen wäre zu einfach. Wenn es darum geht, müsste man sehr viele "normale" Actionstreifen und Thriller verurteilen. Der Unterschied nur ist, dass die Brutalität in HC 2 in einem nicht overground-kompatiblen pervers-übersteigerten Kontext gezeigt wird.
Will heissen, wenn Tom Cruise in einem Blockbuster hunderte Menschen in Luft sprengt ist das für alle "ok", wenn aber in HC 2 jemand auf die geschilderte Weise eine handvoll Menschen quält, bewerten viele den Film vorab als "schlecht" und "verabscheuungswürdig". Oft auch solche die ihn nicht mal gesehen haben und durch Ihre Ablehnung dann Ihren Abscheu vor "solchen Praktiken" demonstrieren wollen. Diesen Unterschied wollte ich klarstellen, deshalb in dem o.g. Sinne plädiere ich für
7/10 Punkten