Review

Der menschliche Tausendfüßler krabbelt in die zweite Runde und da musste sich Regisseur Tom Six schon etwas mehr einfallen lassen, als eine vergleichsweise harmlos in Szene gesetzte Verdauungskette menschlicher Opfer.
Und tatsächlich übertrifft er den Vorgänger in fast allen Belangen.

Martin (Laurence R. Harvey) arbeitet als Nachtwächter in einem Parkhaus. Während seiner Arbeit zieht er sich mit Vorliebe den Film „Human Centipede“ rein und ist besessen darauf, den Tausendfüßler Realität werden zu lassen. Nachdem er bereits einige Opfer in einer Lagerhalle beisammen hat, fehlt ihm nur noch eine Darstellerin aus dem Originalfilm, um endlich mit der Operation beginnen zu können…

Die überaus menschenverachtende Grundidee bleibt natürlich erhalten und bringt insofern keine neuen Aspekte mehr. Allerdings hat sich Six einen großen Gefallen mit der Besetzung getan, denn das Debüt des Hauptdarstellers Harvey punktet in jeder Hinsicht.
Er spielt den kleinen, dicken, offenbar stummen und asthmakranken Martin mit einer herrlich überzeichneten Hingabe, lichtet ihn in unausweichlichen Kameraperspektiven ab und fordert seinen Mut zur Hässlichkeit bis aufs Äußerste, - da kann man phasenweise froh sein, dass der Streifen lediglich Schwarzweiß ist und einem dadurch kleine Details entgehen können.

Die Handlung konzentriert sich indes aufs Wesentliche, zeichnet ein klischeebedingt trübes Umfeld von Martin, der bei seiner verhassten Muter lebt, vom Vater missbraucht wurde und vom Psychiater nicht ernst genommen wird. Zwischenzeitlich erhascht er einige Opfer im Parkhaus, was meist mit einer leichten Schussverletzung und einem nicht zu groben Schlag mit der Metallstange auf den Kopf einhergeht, während er nebenbei Tausendfüßler und diverse Möglichkeiten der Operation durchplant.
Dies geschieht nicht ohne leichtes Augenzwinkern und ein wenig Selbstironie, etwa, als die Darstellerin des ersten Teils von Hygienemaßnahmen vorm Dreh spricht oder bestimmte Szenen des Streifens offenbar zur Onanie anspornen, was sich anhand eines Vorgangs im Überwachungsraum Martins andeutet.

Allerdings dauert es bis zum letzten Drittel, bis explizite Gewalt zum Einsatz kommt.
So musste bereits die britische Filmbewertungsstelle mächtig schnippeln, um den Streifen überhaupt freizugeben, was sich insofern bemerkbar macht, als dass einige Szenenübergänge etwas holprig wirken, was bei einer Zahl von 32 Schnitten kaum wundert. Dennoch gibt es eine ganze Reihe sauber gestalteter Gewalteffekte zu bestaunen, welche vom zertrümmerten Schädel über herausgehauene Zähne, Kehlenschnitte und Kopfschüsse, bis hin zum geöffneten Bein und abgetrennter Kniescheibensehne gehen. Und da unser dicker Hustenmann dem Experiment des ersten Teils nacheifert, werden erneut Anus und Mund zweier Opfer aneinander getackert, wobei der Begriff „ass to mouth“ in gewisser Hinsicht neu definiert werden muss, spätestens bei einer Vergewaltigungsszene.

Krank ist und bleibt die Chose natürlich allemal und bietet, vor allem aufgrund der recht variablen Perspektiven zum Finale, ein nicht gerade ästhetisch erscheinendes Bild einer umfunktionierten menschlichen Kette.
Zudem wirkt sich der Schwarzweiß-Effekt positiv auf die bedrückende Stimmung aus, während sich Harvey als vortreffliche Besetzung für den kranken und besessenen Martin erweist.
Durch die straffe Inszenierung und der Reduktion der Dialoge aufs Nötigste wirkt die Handlung greifbarer als beim reichlich verspielten Vorgänger, kommt insofern besser auf den Punkt und überzeugt zudem mit grundsoliden Effekten.
Zwar bietet die Grundidee keine neuen Ansätze mehr, doch rein inszenatorisch schlägt er das Original um Längen.
6,5 von 10

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