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„The Big Boss“ (in Deutschland bekannt als “Die Todesfaust des Cheng Li) gilt heute als Meilenstein des Martial Arts Kinos. Ein Film der nicht nur ein ganzes Genre revolutionierte, sondern auch Lees Karriere maßgeblich beeinflusste.

Lees Erstlingswerk entstand zu einer Zeit als seine Karriere in Film und Fernsehen scheinbar keine Zukunft hatte. Seine Fähigkeiten standen außer Frage, aber die Hautfarbe war für Amerikaner jener Zeit ein entscheidender Faktor für die Wahl ihrer Titelhelden. Neben vielen Gastauftritten in der „Batman“-Serie oder auch „Longstreet“, bekam Lee 1969 Part des Co-Stars Kato in „The Green Hornet“. Der Erfolg blieb in den USA jedoch aus, in Hongkong entwickelte die Serie hingegen eine treue Anhängerschaft. Der Produzent Raymond Chow erkannte Lees Potential und versuchte ihn nach Hongkong zu locken. Lee war indes am Boden zerstört. Sein Konzept für eine Martial Arts-Serie wurde vom Studio schließlich mit David Carradine besetzt und wurde weltweit als „Kung Fu“ bekannt. Lees Chancen in Amerika erfolgreich zu werden sanken, weshalb sich Bruce für einen anderen Weg entschied: über Hongkong und die dortige Filmindustrie durch die Hintertür zurück auf den amerikanischen Markt.

„The Big Boss“ schlug 1971 ein wie eine Bombe, Lees athletische und kämpferische Fähigkeiten wurden nun auch von der breiten Öffentlichkeit bewundert und gelten bist in die Gegenwart als revolutionär. Der Grundstein, für eine phänomenale aber leider zu kurze Karriere war gelegt. Aus heutiger Sicht wirkt Bruce Lees Erstlingswerk nicht unbedingt wie ein Meilenstein, die Bedingungen unter denen damals in Pak Chong (Thailand) gedreht wurde, waren alles andere als ideal. Das Budget war gering und konnte keinesfalls mit amerikanischen Produktionen konkurrieren. Die finanziellen Engpässe sind im Film daher nicht zu übersehen, was schon bei den simplen Sets, zumeist nur thailändische Hinterhöfe, auffällt. Messereinstiche sind kaum zu sehen, meist erfolgt ein Cut und schon steckt das Messer im Gegner. Genauso unecht wirkt auch das oft eingesetzte Kunstblut, dessen Herkunft aus dem Farbtopf offensichtlich ist.

Bruce Lee selbst kommt in seinem ersten großen Film erst recht spät richtig zum Einsatz. Die erste Hälfte ist er zwar immer wieder im Bild, hat aber kaum Dialoganteil und auch die Kämpfe bestreiten andere. Die ersten größeren Gemenge haben daher auch mehr mit einer wilden Keilerei gemein als mit spektakulären Fight-Scenes, wobei Co-Star James Tien immerhin noch sehr professionell wirkt. Erst mit dem Arbeiteraufstand in der Eisfabrik rückt Lee durch eine Reihe blitzschneller Kicks auch kämpferisch in Erscheinung. Die folgenden Szenen sind allesamt genial und zeigen Lees Können eindrucksvoll. Es fehlt zwar noch eine ausgefeilte Choreographie wie später in „Way of the Dragon“, seine Form des Kämpfens, Schnelligkeit und Explosivität sind jedoch einmalig und unterscheiden sich grundlegend von allen anderen Kung Fu Filmen. Besonders gelungen ist der Endkampf gegen den Boss des Drogensyndikats. Bruce Lees Mimik und Gestik in „The Big Boss“ macht auch seinen Charakter sympathisch und gibt ihm obendrein eine gewisse Coolness - Ausstrahlung die vielen Actionhelden heute fehlt. Ich musste jedenfalls mehrmals herzlich lachen bei so viel Schlitzohrigkeit. Sehr passend und kultig ist auch die eingängige Titelmusik, welche irgendwie direkt ins Ohr geht.

Eine Anmerkung möchte ich an dieser Stelle noch loswerden. „The Big Boss“ gilt bis heute weltweit als Cut, da eine Szene seit Jahrzehnten unauffindbar ist. Es handelt sich dabei um die berüchtigte „Säge-Szene“, welche in einer Schlägerei entfernt wurde. Wenn man sich die betreffende Stelle im Schuppen gegen Ende des Films anschaut, wird der Schnitt schnell deutlich: Bruce greift zu einer Säge, der Rest fehlt. Es gibt Fotomaterial das beweist wie Lee die Säge dem Widersacher in den Kopf rammt (u.a. zu sehen in der Doku „Der Weg eines Kämpfers“).

Fazit:
„The Big Boss“ hat nachhaltig ein ganzes Genre revolutioniert und auch keinen unwesentlichen Einfluss auf die Gestaltung moderner Actionfilme, man denke beispielsweise nur an Jackie Chan oder Jet Li. Trotz seinen geringen Budgets versteht es dieser Film mitzureißen, was einzig und allein der Leinwandpräsenz von Bruce Lee zu verdanken ist. Sicher, einiges wirkt nach heutigen Maßstäben billig oder gar trashig, aber auch 30 Jahre nach Erscheinen haben die Kämpfe nichts von ihrer Faszination verloren.
Für Martial Arts Fans ist dieser Film Pflichtprogramm, aufgrund einiger Messerszenen leider in Deutschland immer noch geschnitten weshalb ich zu ausländischen Fassungen rate. Kultfilm!

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