Man schreibt das Jahr 1971. Ein Jahr zuvor bewies Wang Yu, in Personalunion als Regisseur und Hauptdarsteller, mit seinem Fim "The Chinese Boxer", das Filme mit waffenlosen Kämpfen durchaus Potenzial an der Kinokasse hatte.
Bruce Lee war zu diesem Zeitpunkt am Scheideweg seiner Karriere. Der Erfolg in den USA wollte sich nicht so recht einstellen. Und so befolgte er den Rat seines Freundes James Coburn und unterzeichnete ein "Zwei Filme" Deal mit der aufstrebenden Produktionsfirma "Golden Harvest.
Lee war kein Unbekannter in Hongkong, im Gegenteil war er unter seinem Künstlernamen, Lee Siu Lung, bis 1958 ein Kinderstar gewesen.
So flog er im Hochsommer 1971 nach Pak Chong, Thailand, wo unter widrigsten Bedingungen, bei einem Budget von 100.000 Dollar, der Film "The Big Boss" enstand.
Nach einem Regisseurswechsel hieß der neue Mann am Ruder Lo Wei, der sofort das Potenzial Bruce Lees erkannte.
So war die Verpflichtung Lees für Golden Harvest eine "Gemeinschaftproduktion" der Lo-Familie. Der Sohnemann hatte Bruce Lee bei einer Demo im Hongkong-TV gesehen und sofort "Golden Harvest" Chef Raymond Chow darüber informiert; die Frau von Lo Wei flog nach L.A., um den Vertrag mit Lee zu unterzeichnen.
Der Film beginnt mit dem fetzigen Titel-Thema von Peter Thomas, das in der HK-Fassung nicht zu hören war.
Die ersten 45 Minuten des Films beschreiben die Zustände, unter denen die chinesischen Gastarbeiter in Thailand leben und arbeiten. Dieses ist keineswegs langweilig, da zwischendurch, die ein und die andere Fight-Sequenz eingebaut wurde.
Die Fights zeigen hauptsächlich James Tien, ein durchaus respektabler Kämpfer und später in vielen "Golden Harvest" Produktionen zu sehen.
Die Rolle des "Big Boss" wird von Han Ying Chieh gespielt, der auch die Fight-Choreographie übernomen hat.
Der Sohn des "Big Boss" wird gespielt von Tony Liu Yung aka Lau Wing. Er ist der einzige mir bekannte Darsteller, der in allen vier Bruce Lee Filmen mitspielt. In "Fist" spielt er einen der Angehörigen der chinesischen Kampfschule, in "Way" einen der Kellner und in "Enter" uncredited den Gegner von John Saxon in einem Turnierkampf.
Wenn Bruce Lee nach 45 Minuten das erste Mal in Aktion tritt, kommt das einer Offenbarung gleich.Mit seiner unglaublichen Schnelligkeit, seinen superben Kicks und seinem Charisma ist er allen Konkurrenten im Martial Arts-Film haushoch überlegen.
Der absolute Höhepunkt des Films kommt dann, als Lee in einer atmosphärischen Szene die Leichenteile seiner toten Freunde in Eisblöcken findet. Er wird entdeckt und was dann folgt, ist für mich die wahre Geburtsstunde der Legende.
Anders als in den Eastern dieser Zeit, nimmt er nicht irgendeine "Tigerstellung" ein, sondern kämpft mit allen was er in die Hände kriegen kann, um sein Leben.
Leider sind da von Lo Wei ein paar cartoonhafte Gimmicks eingebaut wurden, wie z.B. die Szene als Lee einen Gegner durch eine Wand schlägt, und die Umrisse des Mannes in der Wand zu sehen sind.
Die Intensität Bruce Lees kommt zum Höhepunkt, als er Tony Liu seine Fäuste in den Solarplexus rammt. Angespannt, fast ungläubig über die verheerende Kraft seiner Faust, betrachtet Lee ein paar Sekunden seine "Todesfaust"...die beste Szene des Films !
Sehr atmosphärisch auch die Szene, als Bruce Lee seine toten Freunde findet. Hier zeigt sich auch, das Lee ein guter Schauspieler war.
Der sonst ausgezeichnete Endkampf zwischen Bruce Lee und Han Ying Chieh, quasi neuer gegen alten Kampfstil, wird leider von einem blöden Reverse-Shot beendet.
Der Film hat am 31.10.1971 Premiere, schlägt ein wie eine Bombe und bricht alle Rekorde im Mandarin-Film Circiut.
Der Film spielt 3,1 Millionen HK Dollar ein...ein kleiner Vergleich:
"Das Schwert des gelben Tigers" im selben Jahr aufgeführt, belegt den dritten Platz mit 1,6 Millionen HK Dollar...
Eine Legende war geboren...