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Anime verbinden wir oftmals mit bunten und flackernden Actionszenen, schrillen Triggern für eine Epilepsie. Das Studio Ghibli scheint vielleicht als wertiger Gegenentwurf heraus, muß entgegen seinen phantastischen Märchenstoffe aber im Bereich der Slice of Life Geschichten von melancholischer Ruhe gegebenenfalls erst aktiv erschlossen werden. So ging es mir jedenfalls lange mit einem Vorurteilsbeladenen Bild von fliegenden Festungen und lediglich einer Kenntnis des Meisterwerks DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN als mir eher liegendem Format.
DER MOHNBLUMENBERG, nach einem Manga von Tetsurô Sayama und Chizuru Takahashi aus den späten 70ern, sollte in dieser Richtung nun eine Emanzipation für den Regisseur Gorô Miyazaki werden, dessen berühmter Vater Hayao am Drehbuch mitwerkelte.

Innerhalb einer Handlung kurz vor den bevorstehenden Olympischen Spielen in Tokyo 1964 begegnen wir der Schülerin Umi, die in einem Haus auf dem Mohnblumenberg in Abwesenheit der in den USA arbeitenden Mutter den Haushalt für Geschwister, Großmutter und Untermieterinnen schmeisst und täglich Flaggen für den Vater hisst, welcher im Koreakrieg geblieben ist.
Es sind Gesten wie diese, die in der Alltäglichkeit dieser Coming of Age Geschichte aus der Hafenstadt Yokohama denen, die sich von den offensichtlichen Handlungsankern wie der Rettung eines Clubhauses und einer daraus erblühenden Liebe zwischen Umi und dem Schülerreporter Shun, dessen Vergangenheit zu einer hinderlichen Gemeinsamkeit führt, nicht abspeisen lassen, einen emotionalen Einblick in die Erlebniswelt der Bürger dieser Zeit erlaubt.

DER MOHNBLUMENBERG ist insofern ein fragiles Gebilde, wie ein traditionelles japanisches Gebäude aus Papier und etwas Holz sehr einfach wie zweckmässig errichtet und dennoch von einer nicht zu verleugnenden Eleganz in seiner einfachen Existenz und Funktion.
Der Film zeigt ein Japan zwischen den Spuren des Krieges, an einem Tor zur Welt und nach Jahren der amerikanischen Besatzung vor allem mit den Sommerspielen auf dem Weg zu einem Symbol für den Aufschwung, einen Neubeginn mit einem positiven Weltereignis in den Geschichtsbüchern. Das zum Abriß bestimmte Clubhaus wird zum Sinnbild einer vernachlässigten Tradition, deren Schicksal es in diesem Zuge zu besiegeln gilt.

Umi, schon früh unter den Folgen des Krieges in pedantischen Fleiß gedrängt, stößt mit ihrer Energie in die eingefahrenen, männlichen Strukturen vor, die für sich nicht zu einer Änderung in der Lage waren.
Obschon die Geschlechterrollen klar verteilt sind und Aussichten wie "unter die Haube" zu kommen legitime Perspektiven darzustellen scheinen, sind doch vor allem auch die Bildung und Karrieren zum Beispiel als Ärztin selbstverständlich. Gerade Umi, die quasi in einem reinen Frauenhaushalt aufwächst, beschreibt eine Nachkriegssituation der maskulinen Lücke, welche von der starken weiblichen Bevölkerung stets gefüllt werden musste, bis diese Leistungen von einem erstarkten Patriarchat leider zu oft wieder verdrängt worden sind.

Während das Potential zur studentischen Revolte, die Japan ebenfalls nicht ausgelassen hat, nur rudimentär angedeutet ist, birgt die etwas konstruierte Vergangenheitskonstellation zwischen Umi und Shun schließlich noch einmal Anlaß zu verdeutlichen, daß die Wirren der Kriegszeit außergewöhnliche Umstände verursachten, sei es aus der Not oder Priorität entstanden. Es ist der Echtheit der Figuren geschuldet, daß DER MOHNBLUMENBERG in seinem zaghaft vortreibenden Tempo hiermit keinesfalls ins Straucheln gerät, sondern einen leisen, jedoch erlösend schönen Moment zaubert, der diesen Ausschnitt aus dem Leben für ein Tränchen gut abrundet.
Es sind die gewohnt gekonnten Zeichnungen, ein unaufdringlich adäquater Soundtrack und viel Fingerspitzengefühl bei einer sich behäbig entfaltenden Geschichte, die zulässt, sich emotional ganz im Detail zu verlieren. Hat man diesen Zugang gefunden, ist es am Ende weniger die Erzählung für sich als vor allem der Abschiedsschmerz von diesem Zeitabschnitt und den Figuren, die einem einfach nahe gekommen sind.

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