Der Alternativtitel zu Ivan Passers Drama “Cutter’s Way” lautet “Cutter and Bone”, was in Anbetracht der Order of Appearance eine durchaus verlockende Bezeichnung ist. Denn tatsächlich verbringt nicht der Kriegsveteran Alex Cutter (John Heard) die meiste Zeit auf dem Bildschirm, sondern sein bester Freund Richard Bone (Jeff Bridges), der auch das erlebt, was die folgenden Ereignisse ins Rollen bringt: die Entsorgung einer Frauenleiche.
Richard Bone ist es auch, der daraufhin handelt und die ganze Zeit über aktiv ist. Sollte es dann nicht eher “Bone’s Way” heißen? Aber gerade darin liegt die Aussage des Films. Es ist die passive Geschichte des Alex Cutter.
Regisseur Passer wollte einen vielschichtigen Film machen, der sich um mehrere Themen dreht, die ineinander übergreifen: Freundschaft, soziale Ausgrenzung, Liebe, Rache, Wut. Ausgangspunkt ist, wie man nach einem Blick auf den Inhalt schon vermuten wird, Cutters gegenwärtige Lage als vom Krieg gezeichneter Krüppel, und damit sein Verlust dessen, was ihn zum vollwertigen Menschen gemacht hat. Dementsprechend verbittert tritt Cutter-Darsteller John Heard auch auf: langes, fettiges Haar, ungepflegter Drei-Tage-Bart, in Lumpen gehüllt, sich hinter einer Maske aus Sarkasmus und Zynismus versteckend, ständig betrunken, selbstmitleidig, Hilfe ablehnend. Äußerlich wie innerlich wird man unweigerlich an den 13 Jahre später von Gary Sinise verkörperten Lt. Dan Taylor aus “Forrest Gump” erinnert, der dem Leben nach seiner unfreiwilligen Rettung vor dem sicheren Tod ähnlich gleichgültig entgegenstand. In diesem beinahe einzigen Weg, die Kriegsveteranenthematik in ein Drama einzubauen, läuft man nun stets Gefahr, sich in Klischees zu verlieren. Vorweg sei gesagt, dass dies hier nicht passiert; weder Cutter noch die übrigen Figuren sind Schablonen, was aber auch mit dem größten Problem des Films zusammenhängt, auf das ich gleich noch kommen werde.
Nun aber zunächst zum ausschlaggebenden Punkt, den Cutter sich zu eigen macht, um sein Leben zu verändern: Sein Freund Richard wird Zeuge der Entsorgung einer Leiche.
An diesem Punkt wird klar, worauf der Film hinaus will. Bezeichnend ist es, dass Cutter nicht selbst Zeuge des Verbrechens wird, sondern lediglich über Bone in den Fall hineingezogen wird. Dadurch wird Bone zur Körperverlängerung von Cutter. Er wird Cutters Instrument, und damit auch Cutters Chance, sein Invalidendasein zumindest für den Moment zu überbrücken und endlich wieder handeln zu können.
Dieses Handeln ergibt sich in dem Vorhaben, das Verbrechen aufzuklären. Nachdem Bone zunächst als Verdächtiger bei der Polizei festgehalten wird, lernt er die Schwester des Opfers, Valerie Duran (Ann Dusenberry) kennen. Wieder auf freiem Fuß, verbünden sich Cutter, Bone und Valerie, um den von Bone identifizierten Täter, einen Ölmagnaten namens J.J. Cord (Stephen Elliott) auf eigene Faust aufzusuchen und ihn zu erpressen, um so seine Schuld beweisen zu können.
Nun ist Cutter auf seinen Freund angewiesen, da er selbst nicht in der Lage ist, das Vorhaben alleine durchzuziehen. Die Idee ist durchaus interessant und die Möglichkeiten vielversprechend, beinahe mit philosophischem Potenzial. In Ansätzen wird auch alles richtig gemacht, denn das Verhältnis zwischen den beiden Freunden ist klar. Sogar die Namenssymbolik kann mit etwas Fantasie angestrengt werden: “Cutter” ist derjenige, der sich den Plan “zurechtschneidet” wie ein Regisseur, während “Bone” das greifbare Gerüst verkörpert, mit dem der Plan durchgesetzt wird.
Hier ergibt sich für den Regisseur nun erstmals die Gelegenheit, abseits der üblichen thematischen Umsetzung die Gitterstäbe aufzuzeigen, die Cutter in seinen Handlungen einschränken. Leider vermag es Ivan Passer nicht, dies wirklich eindringlich klarzumachen; ein Problem, das den ganzen Film durchzieht. “Cutter’s Way” ist durch und durch spartanisch, kann niemals visuelle Akzente setzen und leidet dadurch an akuter Durchschnittlichkeit, was die reine Inszenierung betrifft. Das ist sicherlich vor allem dem Regisseur anzuhaften. Während nämlich das Drehbuch von Jeffrey Alan Fiskin nicht zuletzt durch den Einbezug des Verhältnisses zwischen Bone und Cutters Frau sehr interessante Ansätze beinhaltet, ist die Regie ausgesprochen bieder und kann weder erinnerungswürdige Momente bieten noch Struktur erzeugen. Ein Drama muss sich nicht vor lauter Action überschlagen, aber zumindest sollten Szenen möglichst vor Intensität sprühen. Obwohl, wie gesagt, durch diese gräuliche Kompromisshaftigkeit Klischees bei der Figurenzeichnung weitgehend vermieden werden, bleiben auch viele Möglichkeiten, die das Skript bot, ungenutzt.
Dazu gehört sicherlich auch die angesprochene Beziehung zwischen Bone und Maureen Cutter, und damit verbunden auch die komplette Charakterisierung des Richard Bone. Denn dieser ist zwar in Bezug auf die Erpressung nur Cutters Werkzeug, abseits dieses Vorhabens jedoch eine eigenmächtige Person, die nicht minder schwer mit eigenen Problemen kämpft und damit auch Einfluss auf Cutters Pläne nimmt. Was hier wiederum fehlt, ist die intensivere Beschäftigung mit Bones Frauenproblem. Bezüglich seiner Beziehung zu Maureen scheint es eine Vorgeschichte zu geben, die aber im Film nicht aufgerollt wird; zu Filmbeginn sehen wir Bone bei einer Frau, die nicht, wie man zuerst erwartet hätte, seine eigene ist. Aber sonst wird diese Problematik viel zu schwach beleuchtet. Passer geht einfach nicht weit genug, traut sich nicht, mal etwas von seiner vorgebackenen Struktur abzuweichen. Folglich erlaubt er sich keine schweren Fehler; die Dramaturgie bleibt einwandfrei. Aber eben auch langweilig.
Das Tragische daran ist, dass die Qualität des Plots dennoch durchschimmert. Nie ist “Cutter’s Way” ein wirklich schlechter Film. Solange man sich wirklich konzentriert und am Ball bleibt, entwickelt sich die Erpressung des J.J. Cord auf allen Ebenen weiter. Cutter, Bone und Maureen erleben alle eine Entwicklung, bei der die anfangs angesprochenen Filmmotive Freundschaft, soziale Ausgrenzung, Liebe, Rache und Wut interdisziplinär aufeinander einwirken, wodurch das sehr abrupte Ende deutlich an Effektivität gewinnt. Jedoch bleibt all dies zu subtil, um wirklich als gelungen gewertet zu werden.
Einzig aus der Entwicklung heraus hält sich ausgerechnet die Schwester des Opfers, die sich absolut teilnahmslos durch die Story quält. Sollte doch gerade sie ob des Verlustes eines Familienmitglieds vor lauter Rachsucht brennen und damit deutlich Einfluss auf das passive Handeln des Alex Cutter nehmen, fungiert sie bloß als Stichwortgeberin und kann der Gruppe keine weiteren Facetten verleihen - und das, obwohl sie eindeutig zu den Hauptdarstellern zählt.
Ansonsten jedoch gibt es in diesem Bereich wenig zu meckern. Jeff Bridges ist hinter einem Schnauzer versteckt solide, hält jedoch nicht als Identifikationsfigur her, was seinem bloßen Handeln nach Plan zuzuschreiben ist. Wird er dann doch einmal aus eigenem Antrieb heraus aktiv, so handelt es sich meist um dumme Handlungen wie das Verhältnis zu Maureen. Auch John Heard bleibt identifikationsfrei, ist der Drang seiner Figur nach Vergeltung für das Mordopfer doch eher als selbstzweckhaft und verbohrt zu bezeichnen anstatt als ehrenhaft. Seine Motive sind nicht ehrlich, stattdessen sogar irrational und psychologisch irreführend. Auch hier stellt sich wieder ein Kritikpunkt an den Regisseur, denn das blinde Handeln des Cutter nach eigenen Motiven wird nie kritisch hinterfragt, sondern einfach neutral dargestellt. Auch da wäre es sinnvoll gewesen, subjektiver einzuschreiten, hätte man seinem Film einen Sinn zuschreiben wollen.
Zuletzt überträgt sich all diese Durchschnittlichkeit auch auf die Atmosphäre. “Cutter’s Way” ist auf dem Papier eindeutig ein Drama, bisweilen aber einfach nicht dramatisch genug. Mitunter schummelt sich gar ein wenig Humor ein, ohne dass der das Geschehen jedoch wirklich aufpeppen würde. So trägt man sich durch einen Film, dem man nicht so recht ansieht, was er nun sein will.
Was “Cutter’s Way” letztendlich eben doch noch ins Mittelfeld trägt, ist der Plot, der einiges an Potenzial in sich vereint, welches jedoch durch die unspektakuläre Inszenierung von Ivan Passer größtenteils verschenkt wird. In dem Beziehungsgeflecht zwischen dem Vietnamveteranen, seiner Frau und seinem besten Freund eröffnen sich menschliche Abgründe, die in einem effektiv und kurz gehaltenen Finale aufbersten. Der Film begnügt sich nicht damit, das Charakterprofil eines Kriegskrüppels zu zeichnen, sondern verwendet er dieses nur als Ausgangsbasis für die folgenden Geschehnisse. Sehr gelungen ist vor allem der Ansatz, nicht Heard, sondern Bridges zum Protagonisten zu machen, womit einerseits Cutters Unfähigkeit dargestellt wird, eigenmächtig zu handeln, und andererseits Bones Unfähigkeit, eigenmächtig zu denken. Insofern ist es dann doch das Drama zweier Menschen, die um sich selbst zu finden Selbstjustiz ausüben, und der Alternativtitel “Cutter and Bone” würde wieder an Signifikanz gewinnen. Zwischen Potenzial und Resultat liegen jedoch Welten, und so bietet uns Passer lediglich ein Durchschnittsdrama, hinter dem mehr steckt, als wirklich daraus geworden ist.
4,5/10
Diese Kritik erscheint auch bei www.filmbesprechungen.de