Die Mutter aller Weltraum-Blockbuster
Professor Manfeldt (Klaus Pohl) glaubt, dass sich auf der Schattenseite des Mondes Berge von Gold häufen. Mit seiner Theorie erntet er nur Spott bei seinen Kollegen. Sein Schüler Helius (Willy Fritsch) steht kurz davor, mit einer Rakete auf den Mond zu fliegen. Er will die Ehre seines Lehrers wiederherstellen. Eine Gesellschaft raffgieriger Unternehmer bekommt Wind davon – und schmiedet einen Plan, um sich das Mondgold unter den Nagel zu reissen. Die bösen Kapitalisten setzen den gerissenen Ganoven Turner (Fritz Rasp) auf Helius an. Mit fiesen Tricks schafft es Turner, den Tüftler Helius zu erpressen. Helius muss für die Unternehmer eine Mondreise planen. Dabei kann er auf die Unterstützung seines Kollegen Windegger (Gustav von Wangenheim) zählen. Und auch Windeggers Ehefrau Friede (Gerda Maurus) besteht darauf, mit zum Mond zu fliegen. Das macht die Sache nur noch komplizierter. Denn Helius ist heimlich in die hübsche Blondine verliebt …
Fritz Langs Frau im Mond (1929) ist ein früher Sci-Fi-Blockbuster aus Deutschland. Verglichen mit Langs dystopischem Meisterwerk Metropolis (1926) wirkt Frau im Mond fast naiv fortschrittsgläubig. Der Film bietet uns ein optimistisches und unterhaltsames Spektakel, vergleichbar mit Georges Méliès’ Über-Klassiker Le Voyage dans la Lune (1902), der vormachte, wie man dem Phantastischen zelebriert. Hier ist nur alles ein bisschen grösser, länger und bombastischer – fast drei Stunden dauert die epochale Reise zum Mond. Dabei nimmt Lang einige Konventionen des Science-Fiction-Abenteuers vorweg. Der verrückte Wissenschaftler als Comic Relief ist ebenso vorhanden, wie das kecke Kind als emotionales Zentrum. Der romantische Subplot fehlt ebenso wenig.
Ganz so breit hätte man das Geschehen dann doch nicht auswalzen müssen. Im Mittelteil vergisst Lang den Plot beinahe, so begeistert ist er vom Start der Helius-Rakete. Die praktischen Spezialeffekte sind erstaunlich. Da steckt einiges an Handwerk dahinter. Der Schnitt und die Kamera sind ästhetisch bemerkenswert. Etwa dann, wenn die Besatzung atemlos den Mond bestaunt. Lang zeigt die Crew-Mitglieder von hinten aus gebührender Distanz, wie sie fassungslos aus dem Fenster stieren. Das setzt einen unerwarteten Schwerpunkt, da es die Aufmerksamkeit des Publikums weg vom Mond hin zum Innenraum der Rakete verschiebt. Der Film ist voll solcher Kniffe. Wunderbar auch die lebendigen Texttafeln. Da erscheint ein „3 … 2 … 1“-Countdown, oder eine Explosion zersprengt förmlich die Lettern. Und wenn Professor Manfeldt auf dem Mond auf Gold stösst, hallt sein hysterischer Ausruf mit wilden Buchstaben durchs Bild. Wahrscheinlich hätte Lang an den Comic-Einwürfen in Edgar Wrights Scott Pilgrim vs. The World (2010) seine helle Freude gehabt.
Frau im Mond beginnt spannend und verwickelt, ist in der ersten Stunde eher Thriller als Science-Fiction. Die Einführung des schmierigen Bösewichts Turner ist genial, und Fritz Rasp (Metropolis) geniesst seine Rolle sichtlich. Je länger der Film dauert, desto vorhersehbarer wird er. Die Verwirrungen lösen sich schnell auf – und bald ist klar, wie der Hase läuft. Die zweite Hälfte ist dann pures Abenteuer und geradlinige Unterhaltung. Die Witze des Filmes zünden bis heute. Das liegt daran, dass sie allesamt visuell sind. Wenn Helius eine arme Topfpflanze malträtiert, während er ungeduldig darauf wartet, dass sein Freund Windegger das Telefon abnimmt, dann ist das wirklich lustig.
Die drei Hauptdarsteller machen ihre Sache gut. Gustav von Wangenheim (Nosferatu) als aufbrausender Ehemann schiesst manchmal übers Ziel hinaus, dafür gibt Willy Fritsch (Die Drei von der Tankstelle) einen standhaften Helden ab. Gerda Maurus (Spione) ist bezaubernd als sanftmütige und abenteuerlistige Friede – mit ihrer Aura überstrahlt sie alle anderen Protagonisten. Und Klaus Pohl (Das Testament des Dr. Mabuse) gibt einen grandiosen Prototyp für den zerstreuten Professor ab.
Mit Frau im Mond liefert Fritz Lang gepflegte Sci-Fi-Unterhaltung. Der Film ist das Gegenstück zum düsteren und vielschichtigen Metropolis – und eine Blaupause für zukünftige Weltraum-Abenteuer. Zuweilen wünscht man sich, Lang würde schneller zu Potte kommen. Nach dem Start der Rakete franst die Story arg aus, aber technisch und ästhetisch ist das Gezeigte über allen Zweifel erhaben. Ein Muss für Sci-Fi-HistorikerInnen.
8/10