Review

Nennen wir es doch "Preboot"!
Es gibt so viele bemühte Versuche, bestehenden Werken der Filmgeschichte durch Erweiterung, Verbesserung oder Voranstellung etwas Signifikantes hinzuzufügen, daß etwas so Simples wie eine Neuverfilmung schon fast zu banal zu nennen wäre. Im Falle der neuesten Verfilmung von John W. Campbells Novelle "Wo goes there?" von 1938 ist eine neue Wortschöpfung also durchaus angebracht.
Einerseits handelt es sich nämlich um eine Hommage an das 1982er-Remake von John Carpenter, dann ist es eine Form von Neuerzählung und gleichzeitig auch die Vorgeschichte zum Carpenter-Film, die praktisch mit den letzten Szenen dieses Films beginnt.
Tendenziell ist das natürlich immerhin ein halbwegs ein kreatives Vorhaben, denn obwohl die Existenz von Prequels dramaturgisch fragwürdig ist (siehe auch: Star Wars!), weil schlußendlich alle erzählerischen Bemühung dadurch torpediert werden, daß man das finale Ergebnis zu einem gewissen Teil bereits kennt, erweist man hier einem intensiven und relativ zeitlosen Filmerlebnis seine Ergebenheit, indem man der Geschichte in Stil und Bild weitere Daten hinzufügt und den rätselhaften Beginn eines anderen Films aufschlüsselt.
Im Umkehrschluß kann man natürlich trotzdem als Kritik anfügen, daß dabei nicht wirklich Erhellendes bei herauskommen kann, außer gewisse Details in voller Bandbreite zu zeigen, die man in Carpenters Werk nur mittels Videoaufnahmen zusammenreimte.

Matthijs van Heijningen Jr. und sein Team haben, und das will ich erwähnt wissen, aber der Versuchung widerstanden, mit dreißig Jahre später zur Verfügung stehenden technischen Mittel eine komplette Überarbeitung zu versuchen, die man eben nicht mit den nötigen Anschlüssen an den Carpenter-Film als Doppelvorstellung hätte laufen lassen können.
Mit einer ehrenhaften Verbeugung (altes Universal-Logo, gleiches Vortiteldesign) startet man in die Geschichte der norwegischen Entdecker des außerirdischen Raumschiffs in der Antarktis mit dem gleichen Look, demselben Design und weitestgehend auch dem Stil der Trickaufnahmen.
Konzessionen mußten offenbar gemacht werden, weil man der Welt einen Film voller norwegisch sprechender Darsteller nicht zutraute, also mischte man noch diverse amerikanische, englische oder zumindest englisch sprechende Figuren in die Gruppe, so daß nicht allzuviel untertitelt werden mußte. Man verzichtete auf die Kopie des Konzepts von der frauenlosen Gruppe des Vorgängers und baute mit der Paläontologin Kate Lloyd eine weibliche Zentralfigur ein, die eher von den "alienesken" Frauenfiguren a la Sigourney Weaver beeinflußt war, anstatt einen grimmig-wortkargen Antihelden wie Kurt Russell zu kopieren. Dazu schuf man einen wissenschaftlichen Assistenten (Eric Christian Olsen, "NCIS L.A.") und einen obergärigen Wissenschaftler (Ulrich Thomsen in der klischeehaften Arschlochrolle), die zusammen mit zwei US-Helicopterpiloten das Feld ein bißchen auflockerten.

Auch erzählerisch mußten Konzessionen gemacht werden, um nicht als bloße und blasse Kopie zu gelten. Also mußte man die klaustrophobische Grundstimmung, die Carpenters Film zu einem Großteil durchzieht, ein wenig eindampfen. Das hieß weniger rote Heringe, dafür mehr (modernes) Tempo bei der Bedrohung durch das Alien und bei einer größeren Anzahl potentieller Infizierter auch eine drastischere Opferung anwesender Figuren. Mit hoher Geschwindigkeit umschleicht man sich seltener, stattdessen läßt man die Metamorphosen des zellulären Monstrums einfach öfter und drastischer auf die Insassen los und meuchelt so schneller mehrere Figuren. Damit vermeidet man offensichtliche Kopien und läßt noch Zeit, um den Showdown endlich mit dem zu verbringen, was dem Publikum in Carpenters Film verwehrt blieb: dem Blick ins Innere des Raumschiffs.

Natürlich gibt es dennoch verschiedene Parallelen, doch die erweisen sich meistens als eine Art variierende Hommage, wie die neue Version der berühmten "Wire in the Blood"-Sequenz, die nun mittels der Überprüfung von Zahnfüllungen stattfindet.
Ganz ohne den Einsatz von computergestützten Trickeffekten kommt dann aber auch diese Version nicht aus, denn soviel Geduld und Retro-Chic, ausschließlich auf handgemachte Puppen- und Figureneffekte zu setzen, hatte man dann doch nicht. Dennoch sollte man die sorgfältige Arbeit der Effektkünstler hier loben, denn die Schwächen moderner CGI-Morphologie treten hier eher selten zutage, zumeist, wenn man das Wesen in all seiner Scheußlichkeit zu Beginn (beinahe sieht) oder im Hintergrund Mutationen auftreten. Ansonsten wirken die monströsen Menschenbaukastenmutationen verstörend und irritierend genug, um das Fanpublikum bei der Stange zu halten und mit erhöhtem Ekel- und Gewalteinsatz den Schauanreiz zu konservieren. Nur das Finale im Raumschiff ist dann ziemlich deutlich aus dem Computer entfleucht und kommt nach dem inflationären Monstereinsatz zuvor dann auch nicht mehr ganz so spektakulär daher.

Während man am Ende zumindest fast alle Anschlüsse zum Carpenter-Film abgerundet hinbekommt und erzählerisch sogar noch Platz für ein Sequel läßt, mangelt es dem Film aber gerade wegen seines Bemühens etwas "anders" zu sein als der 82er--Film an dramaturgischer Überzeugungskraft.
Sind die Effekte sehr graphisch und überzeugend, überdecken sie jedoch manchmal, daß dem Skript echte Mittel zur Spannungserzeugung etwas abgehen. Tempo und Action halten das (moderne) Publikum sicher bei Laune, doch das führt zum Fehlen des nötigen Suspense, der wiederum für die Charakterbildung sehr notwendig war.
Zwar kann man hier die Figuren recht gut auseinander halten (auch wenn sich die Norweger als Kanonenfutter alle ziemlich ähnlich sind), aber Hintergründe und Geschichten haben in diesem "Thing" keine Platz. Kate Lloyds Erfahrungen bleiben nebulös, ihre Qualifikationen kommen nur in einer Blutanalyse zum Einsatz; Olsens Können bleibt total im Hintergrund, Thomsen darf zumeist nur arrogant sein und die übrigen Wissenschaftler sind meistens Statisten, die zwar tatkräftig den Flammenwerfer schwingen (der hier übrigens sensationell schnell wie aus dem Nichts auftaucht), aber sonst keine Hintergründe haben. Und auch die Helikopterpiloten als männliches Gegenstück zur toughen Kate treiben maximal die Handlung voran, kommen aber sonst ohne Geschichte aus.

Dennoch ist "The Thing 2011" kein schlechter Film, er unterstreicht aber, wie gut ausbalanciert und klassisch gestrickt Carpenters Film tatsächlich ist, für den man sich Ruhe und Zeit nehmen muß, um seine Qualitäten alle wertschätzen zu können. Matthijs van Heijningen Jrs. Werk hat mehr Schauwerte, mehr Tricks, mehr Tempo und verbeugt sich trotzdem vor dem großen Vorbild, ohne die eigene Kreativität zu vergessen.
Vielleicht ist es ja ein Kompliment, wenn man von einem Prequel-meets-Reboot sagen kann, er könnte problemlos als erster Film einer Autokinodoppelvorstellung die Bude füllen, ohne daß sich die Fans allzusehr über Vor- und Nachteile in die Haare bekommen.
Man sieht diesen Film und denkt sich, immerhin haben sie es sorgfältig gemacht und vermieden, die schönen Erinnerungen komplett in die Luft zu sprengen. Und das ist 2011 aus meiner Sicht eine ganze Menge. (7/10)

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