Baise-Moi ist ein moderner Exploitationfilm mit einem gewissen künstlerischen Anspruch, intellektuell will der Film in keiner Minute sein. Der Skandalfilm des Jahres 2000 ist sicherlich nicht so schlecht wie viele Kritiker propagieren, zwiespältig muss man das Ergebnis dieser Verquickung aus explizitem Ex und Gewalt allerdings schon betrachten.
Virginie Despantes verfilmte ihr eigenes Buch, welches in Frankreich schon für Aufruhr gesorgt hatte, gemeinsam mit Co-Regisseurin Coralie Trinh Thi. Da beide noch keine Regie-Erfahrungen vorweisen konnten fällt die Inszenierung etwas unbedarft aus. Wenn man aber bedenkt das Coralie eine (begabte) Pornodarstellerin ist und Despantes eine Autorin kann man von einem gelungenen Film sprechen.
Die Atmosphäre ist richtig dreckig und nihilistisch ausgefallen, passend zur aggressiven Story und den allesamt negativen Charakterzeichnungen. Und der Vorwurf es handele sich um einen männerfeindlichen Feministen-Film ist nicht haltbar, nur aufgrund zweier starker weiblicher Hauptcharaktere handelt es sich nicht um die Hardcore-Version von „Thelma and Louis“.
Beide Hauptdarstellerinnen, Raffaela Anderson und Karen Lancaume, sind erfahrene Pornodarstellerinnen und machen ihre Sache relativ gut. Man sollte keine schauspielerische Höchstleistung erwarten, ein wenig Talent kann man den beiden zugestehen denn sie geben sich wirklich Mühe in ihren Rollen.
Das Menschenbild der Macherinnen scheint nicht das allerbeste zu sein, die raue Sozialkritik des französischen Kinos kommt hier sehr stark zum Vorschein. Natürlich sind andere Skandalfilme, die ebenfalls mit explitizen Szenen schocken, oftmals intensiver in ihrer Wirkung und vor allem weniger voyeuristisch. „Baise-Moi“ erhebt aber auch keinen Anspruch die Tiefe eines „Irreversible“ zu erreichen, es handelt sich hierbei bloß um einen bewusst polarisierenden Exploitation-Film.
Zu den Hardcore-Sequenzen: Genauso wie die Gewalttätigkeiten ruhig häufiger sein könnten, hätten auch die Pornoszenen mehr Präsenz verdient, denn diese sind versiert gefilmt und der beabsichtigt sleazige look ist vollauf gelungen. Das Aussehen der Hauptdarstellerinnen ist selbstverständlich Geschmackssache und ich denke das absichtlich Frauen gewählt wurden die durchschnittlich aussehen.
Leider funktioniert das Drehbuch nicht halb so gut wie der aufwühlende Roman und durch den inkonsequenten Erzählstil kommt schnell Langeweile auf. Nach dem schockierenden und brutalen Anfang verschießt der Film sein Pulver zu schnell und nach einem unterhaltsamen Mittelteil zieht sich das Ende grauenvoll langatmig dahin. Letztlich kommt einem der Film deutlich länger vor als knapp 80 Minuten.
Durch mangelnde Identifikationspersonen oder richtige Sympathieträger fällt es schwer eine emotionale Bindung zum Zuschauer aufzubauen. Das gelingt nur in den schockierenden Vergewaltigungsszenen am Anfang des Films. Die größte Schwäche von "Baise-Moi" sind die teilweise unerträglich banalen und pseudo-coolen Dialoge, welche wohl kultig sein sollen.
Fazit: Durchwachsener Skandalfilm, welcher angesichts der Unerfahrenheit der Macher und der Besetzung, sowie durch die gelungene Atmosphäre nicht zu dem Reinfall wird für den ihn viele halten. Fans moderner Exploitation dürften begeistert sein, wer politische Korrektheit oder tiefgründige Psycho-Analysen erwartet ist im falschen Film.
5,5 / 10