Review

Die Vorfreude war nach Sichtung von Justin Russells Death Stop Holocaust und des ersten Trailers zu The Sleeper groß. So groß, daß sie eigentlich nur in eine handfeste Enttäuschung münden konnte. Doch, oh Wunder... die Enttäuschung blieb aus, statt dessen setzte bald echte Begeisterung ein.

Justin Russell ist neben Ti West (The House of the Devil), Joseph Guzman (Run! Bitch Run!) und Stuart Simpson (El Monstro del Mar!) die vielleicht stärkste Stimme des Independent-Grindhouse-Kinos (oder wie immer man die stilsicheren Low-Budget-Hommagen an das Exploitationkino der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre auch nennen mag). Death Stop Holocaust, 2009 entstanden, ist ein reinrassiger Terrorschocker im Gewand der ruppigen Siebziger, und diese alten, zerfledderten Klamotten stehen ihm verdammt gut zu Gesicht. Der preiswerte Streifen ist ein harter, fieser, kompromißloser Reißer, der den Zuseher ohne anbiederndes Augenzwinkern in eine Zeit zurückversetzt, als ein gewisser Leatherface in Texas seine Kettensäge erstmals anwarf und es nicht gerade ratsam war, das letzte Haus am Ende der Sackgasse zu betreten. Death Stop Holocaust hat mir sehr gemundet, und als ich von Russells nächstem Projekt hörte, wuchs die Vorfreude ins Unermeßliche.

Denn mit The Sleeper wechselt er das Jahrzehnt, springt quasi eine Dekade weiter. Mitten hinein in die Blütezeit des tumben, blutigen, kultigen Teenie-Slashers. Wir schreiben das Jahr 1981, und das hübsche College-Girl Amy (Brittany Belland) wird zu einer Party der Alpha Gamma Theta-Sorority eingeladen (bestehend u. a. aus Tiffany Arnold, Riana Ballo, Jessica Cameron sowie Jenna Fournier, die schon in Death Stop Holocaust positiv aufgefallen ist). Doch das Vergnügen wird durch unangenehme Telefonanrufe getrübt, und bald verschwinden einige Mädels spurlos...

The Sleeper funktioniert als astreiner Retro-Slasher. Er fühlt sich an, als hätten dreißig Jahre Slasherfilmgeschichte niemals stattgefunden und atmet aus jeder Pore laut und keuchend die unvergleichliche Atmosphäre der frühen Achtziger. Beinahe wähnt man sich in dieser Epoche, mittels einer Zeitmaschine sanft zurückversetzt. Eben erst wurden Filme wie Prom Night, Graduation Day, He Knows You're Alone, Don't Answer the Phone!, und The Prowler auf den Markt geworfen, The Slumber Party Massacre, Girls Nite Out und The House on Sorority Row stehen unruhig in den Startlöchern, und zwischendrin erscheint, heimlich, still und leise, The Sleeper.

Schlappe dreißigtausend Dollar hat der im Februar 2011 in Springfield, Ohio, abgedrehte Streifen gekostet, die Drehzeit betrug dreizehn Tage, und das Ergebnis ist eine liebevoll-stimmige Hommage an das beliebte Subgenre, die in fast allen Bereichen zu überzeugen weiß. Horrorfilmfan Justin Russell zitiert eifrig und spickt seinen Film mit Anspielungen an zahlreiche Genrevertreter der 80er, ohne auf die ganz großen Klassiker (Black Christmas, Halloween, Friday the 13th) zu vergessen. Man merkt einfach, wie viel Herzblut Russell (der neben Regie und Drehbuch auch die Kamera und den Schnitt besorgte) in dieses Projekt investiert hat.

Der weder ironisch noch selbstreflexiv angehauchte The Sleeper ist - in Anbetracht des Budgets - prächtig ausgestattet, schön photographiert, und punktet mit hübschen, unverbrauchten Schauspielerinnen, die ihre Sache mehr als nur gut machen. Auch wenn die Charakterisierung der Figuren stark zu wünschen übrig läßt, die Mädels sind sympathisch genug, um es ein wenig schade zu finden, wenn sie der Reihe nach abnibbeln. Aber es kann halt nur ein Final Girl geben, das es am Ende mit dem Mörder aufnimmt. Der titelgebende, schwarzgekleidete Killer, brillant gespielt von Jason Jay Crabtree mit gruseligen Augen, ist ein völlig gestörter Irrer, dessen Lieblingsspielzeug ein fieser Zimmermannshammer ist.

Das Salz in der gemeinen Slashersuppe sind bekanntlich die Morde, und diese sind hier abwechslungsreich, grausam und recht blutig (der Bodycount liegt bei knapp unter fünfzehn). Ein Messer bohrt sich seitlich in einen Kopf, die Klaue des Hammers reißt eine Kehle auf, ein Auge wird ebenso zermantscht wie ein Gesicht, und eine Enthauptung darf natürlich auch nicht fehlen. Leider können die ausnahmslos handgemachten Effekte von Jon Shroyer nicht ganz überzeugen; das ist jedoch wirklich der einzige Bereich, in dem sich das fehlende Budget schmerzhaft bemerkbar macht.

Doch das ist weit weniger dramatisch als befürchtet, da dieses Defizit durch andere Aspekte locker wieder wettgemacht wird. Als Beispiel seien die effektiven Anrufe des Killers genannt, die durch das laute, schrille Klingeln des Telefons angekündigt werden. Sein scheinbar zusammenhangloses Gestammel ist Psychoterror par excellence... so verstörend und enervierend, daß prompt die Gänsehaut aufmarschiert. Außerdem darf man sich an einer göttlich-schrägen Tanzszene erfreuen, und das bekannte Horror Host Hall of Fame-Mitglied John Bloom aka Joe Bob Briggs (Joe Bob's Drive-In Theater) hat ein nettes Cameo. Der manchmal an Goblin erinnernde Score der Band Gremlin ist ebenfalls erste Sahne.

Und je länger der Film dauert, desto besser wird er, wobei er im letzten Drittel sogar viele seiner Vorbilder beinahe spielerisch übertrumpft. Hauptgrund dafür ist - neben der wunderbar authentischen Stimmung und dem hohen Unterhaltungswert - die sich stetig steigernde Spannung, die sich in einem fesselnden Finale entlädt. Des Weiteren beeindruckt The Sleeper mit einigen ansehnlichen Suspense-Szenen, die weit gelungener sind als alles, was Filme wie Prom Night oder The Prowler bieten.

"Uncle Creepy" von Dread Central meint "Highly recommended!", Joe Bob sagt "Check it out!", und ich kann den beiden guten Gewissens beipflichten. The Sleeper ist ein fabelhaftes Stück Retrokino, das man keinesfalls verschlafen sollte.

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