Headhunters(2011)
Der Werktreue einer Romaverfilmung ist ja immer so eine Sache. Welcher Harry Potter Fan hatte nichts zu mäkeln an den knapp bemessen Verfilmungen? Wer saß nicht bei Hannibal Rising im Kino und schlug die Hände wie wild um sich? Herr der Ringe? American Pscho? Fight Club? Die Liste könnte noch ewig so weitergehen. Der beinharte Literatur Liebhaber vernächlässigt eine Sache ganz gerne. Man kann den geneigten Zuschauer keine fünf oder sechs Stunden ins Kino setzen. Die Essenz ist wichtig. Die Note des Schriftstellers muss erkennbar sein. Der Filmemacher hat nur die zwei Stunden. Regisseur Morton Tyldum und seine Autoren schaffen das...
Roger Brown(Aksel Hennie) ist ein Headhunter...also ein Personalvermittler. Er gilt als einer der besten. Er horcht seine Klienten aus, gibt ihnen Anweisungen und weiß wie er, trotz seiner knapp 1,68m Körpergröße, gewinnt. Er ist ein rethorischer Profi, getrieben von einem unheimlich eklehaftem Ego. Seine wunderschöne und deutlich größere Frau Diana(Synnove Macody Lund) hat Bedürfnisse. Sie möchte Kinder. Er aber nicht. Also beschenkt er sie mit allerlei teurem Kram, hält ein prunkvolles Haus und eine kostspielige Kunstgalerie seiner Frau am laufen. Das lässt sich natürlich nicht alles durch seinen Job halten. Nein. Roger(europäische Aussprache) ist nebenher Kunstdieb. Durch seine Klienten gehobener Klasse kommt er regelmäßig an preisintensive Ware und vertickt diese relativ geschickt. Als seine Frau Diana ihm Clas Greve(Nikolai Cosater-Waldau) vorstellt durchlebt Roger's Leben eine 732 Grad Wende...
732 Grad? Das klingt ziemlich unplausibel. Ja. Aber genau diese Auf- und Abfahrt macht der groteske Krimi durch. Von einem flotten Wirtschaftsfilmchen, über verstrickte Heist Aktionen über ein durchkomponiertes Liebesdrama und weiter in allerlei möglich Plot Twist. Headhunters, basierend auf den genialen Roman von Jo Nesbo, ist wirklich ein Erlebnis. Eine Achterbahnfahrt mit vollem Magen. Eine Affäre mit allem drum und dran und ein Toast mit Käse und Holunder Marmelade. Konfus, wild und unheimlich packend. So erzählt man eine coole Story. Jede Figur erhält ihre Momente. Gefühlvolle, perverse, gierige und myteriöse Seiten kommen so elegant wie seit den 90ern nicht mehr zum tragen. Trantino a la Norsk. Bitte mehr davon.
Inszenatorisch gibt man sich, trotz des bescheiden Budgets keinerlei blöße. Dynamischer Soundtrack, stilvolle Kameraeinstellungen, kinetische Actionszene, ein grandioser Schnitt und ein Drehbuch, das den Wert der literarischen Vorlage vollends einfängt. Auch die Darsteller sind großartig. Auch wenn die psychologische Teife des Roman's zumindest bei den Nebfiguren einbüßt, sind sie doch alle klasse gespielt. Sowohl Synnove Macody Lund als hin und her gerissene Frau Roger's, als auch dessen unmittelbarer Gegenspieler Nikolaj Coster-Waldau, der weit mehr beherrscht als die schleimige "Game of Thrones" Variation auf HBO. Aksel Hennie ist natürlich DAS Highlight diese Filmes. Seine Präsenz als intelligenter Headhunter ist eine wahre Freude. Seine Leuterung umso greibarer. Mut zur Hässlichkeit inklusive.
Man sollte natürlich eine gewisse Distanz mitbringen. Vieles in Headhunters wirkt sehr weit hergeholt. Über weite strecken formt sich ein so überstrapaziertes Konstrukt, dass zuweilem wahrlich an der Glaubwürdigkeit des Ganzen hadert. Hier würde der Erbsenzähler nach mindestens 10min mehr Film verlangen. Natürlich haben Nesbo und Tyldum zum Schluss alles im Giff. Gerade wo der Roman in sich äußerst schlüssig wirkt, gelingt dem Film das Kunststück einen gewissen Wiederschauwert zu kreieren. Als Fan der Vorlage(schon sehr oft gelesen) schimmerte trotzdem eines durch...dieses filmische durchdachte Werk möchte gerne zwei- oder dreimal gesehen werden. Hier hat man es deffinitv nicht mit Fastfood zu tun.
Fazit...wer gerne mal einen Ritchie oder Tarantino der etwas kälteren Sorte sehen möchte, liegt hier genau richtig. Man muss zwar akzeptieren, dass die Szenerie weit hergeholt ist, dafür umso intelligenter aufgeschüsselt wird. Ein höchst seltenes Filmjuwel, das den Weg in Köpfe der Zuschauer finden wird. Auch das Buch wird sie heimholen. Vielleicht sogar das gelungene Hörbuch für Unterwegs. Wenn die Gestirne günstig stehen wird Headhunter(s) vielleicht sogar für eine Oscar nominiert. Ob die Auszeichnung, angesichts eines gewissen Michael Haneke("Liebe"), als bester fremdsprachiger Film möglich ist, sei mal dahin gestellt...verdient hätten es die Norweger allemal. Aber soviel Kot und Hoden hat die Academy nicht. Da wette ich einen Rubens drauf.
10/10