Review

[Vorsicht! Spoilerwarnung!]

„I don't understand.“ [„Ich verstehe das alles nicht .“]

Mit „Hellraiser: Inferno“ begann eine gänzlich neue Ära für das Hellraiser-Franchise, denn dies war der erste Titel der Reihe, der nicht im Kino vorgeführt wurde, sondern direkt auf DVD erschien. Und auch erzählerisch unterscheidet sich der fünfte Teil sehr stark von seinen Vorgängern. Pinhead hat nach „Hell on Earth“ und „Bloodline“ hier erneut einen absoluten Sinneswandel und tatsächlich ist „Inferno“ eher ein psychologischer Mystery-Horrorfilm mit Film noir-Einstich. Eigentlich muss man annehmen, dass die gesamte Handlung in einem anderen Universum spielt als die der bisherigen Filme. Besonders der charakterliche Wandel von Pinhead, der hier vollzogen wird, ist ansonsten unerklärbar und auch die Darstellung der Hölle entfernt sich von allem, was wir aus den Teilen 1 bis 4 kennen. Es wird vielmals behauptet, dass dieser Film ursprünglich nicht als Hellraiser-Film geplant war, was angesichts der Erzählung und der spärlichen Auftritte Pinheads durchaus plausibel erscheint. Dem Film wird auch oft nachgesagt, er sei eine schlechte Kopie von „Jacob's Ladder“ - ein Vergleich, der ebenfalls nicht unnachvollziehbar ist, da er diesem Film in seiner Machart zumindest ähnelt, doch leider an dessen Qualität nicht heranreichen kann.

Die Handlung dreht sich um den Kriminalpolizisten Joseph, der am Tatort eines Mordfalls in den Besitz des Zauberwürfels kommt. Außerdem findet er dort den Finger eines Kindes. Joseph wird von Anfang an als ultimativer Widerling dargestellt, der so ziemlich die volle Bandbreite unrühmlichen Verhaltens an den Tag legt: Er mobbte das Todesopfer einst aus dem Sportteam, begeht Diebstahl von am Tatort sichergestelltem Bargeld, hintergeht seine Frau mit leichten Damen, vernachlässigt seine Tochter und besucht nicht einmal seine Eltern im Altersheim. Also, so sehr wie sich dieser Film bemüht, mir diesen Typ madig zu machen, umso mehr wird er mir dadurch schmackhaft gemacht. Joseph öffnet den magischen Würfel, nachdem er mit einer Prostituierten die ganze Nacht durchgekokst hat – diese wird am nächsten Tag tot im Hotelzimmer aufgefunden. Eigentlich aber – und der Clou wird am Ende des Films offenbart – ist Joseph hier bereits tot und befindet sich in seiner eigenen, persönlichen Hölle, die er von jetzt an immer wieder durchleben muss: Immer mehr Menschen aus seinem Umfeld sterben und jedes Mal wird ein weiterer Kinderfinger hinterlegt – von dem sogenannten „Ingenieur“, der aber eigentlich Joseph selbst in Gestalt eines schwarzzüngigen Cenobiten ist. Die Kinderfinger stammen ebenfalls von Joseph selbst, als er noch ein Junge war. Eigentlich bricht die Handlung sich gleich zu Beginn des Films selbst das Genick, denn noch bevor Joseph den Würfel öffnete, fand der bereits den ersten Kinderfinger. Wer zur HÖLLE hat dann bitte das erste Opfer getötet und den Finger dort platziert!? Man könnte sich jetzt weit herleiten, dass Pinhead sich bereits von vornherein Joseph als „Opfer“ ausgeschaut hat und den Finger sowie den Würfel zurückließ, wohlwissend, dass Joseph ihn öffnen würde. Das gibt die Erzählung des Films allerdings nicht her, weshalb hier ein glasklares, eklatantes Logikloch vorliegt, das nur sehr schwer zu ignorieren ist.

Joseph versucht verbissen, den Fall aufzuklären und wird währenddessen von albtraumhaften Erlebnissen geplagt. Alsdann sucht er Dr. Gregory auf – ein psychologischer Berater, der sich später als Pinhead entpuppt und Joseph am Ende offiziell in der Hölle willkommen heißt – wofür genau? Diebstahl, Untreue und Vernachlässigung? Nicht mal einen Mord hat er begangen und abgesehen davon, dass er eben sehr viel Zeit für seine Arbeit aufwendet, liebt er Frau und Tochter scheinbar sehr, was sein Schicksal für mich genauso unbegreifbar macht wie für ihn selbst. Pinhead tritt in diesem Film als eine Art Pontius Pilatus auf; als moralisch erhabener, urteilender Richter, der sich dazu berufen fühlt, das Verhalten eines Mannes zu bewerten, der eigentlich keine derart verwerflichen Dinge getan hat, die einen ewigen Verbleib in seiner persönlichen Hölle rechtfertigen würden. Pinhead kann ja gerne wieder der schmerzlüsterne Sadist werden, der er in früheren Filmen war, aber dieses perfide Spiel mit seiner Verkleidung als hilfsdienlicher Psychotherapeut ist empörend für Fans und jemand, der Joseph als Bestrafung mitansehen lässt, wie seine Frau und Tochter in kleine Stücke zerbröseln und der dafür noch ein mieses Grinsen übrig hat, der möge sich bitte kein Urteil über jemand anders erlauben. Mir bleibt am Ende nur Mitleid für Joseph übrig.

Für „Hellraiser: Inferno“ gibt es von mir trotz aller Kritik 6/10 Punkte! Der Film ist bis zu seiner „Offenbarung“ rundum genießbar, was seine unbefriedigende Konklusion nicht auszuhebeln vermag. Die Neo-noir-Ästhetik à la „Sieben“ wirkt in diesem Film fantastisch. Die Sets sind düster, surreal und beklemmend. Für eine Direct-to-DVD-Produktion hat der Film eine sehr fesselnde Atmosphäre, welche die eines üblichen TV-Films übersteigt. Leider kann die Story, so wie sie erzählt wird, eigentlich nicht erzählt werden. Zumindest ist sie nur mit größerer Fantasie erklärbar. Dafür machen die rar gezeigten Cenobiten in diesem Film endlich mal wieder was her: Diese nasty „Twin Cenobites“ und der „Torso“ stellen so ziemlich alle Kreaturen in den Schatten, die wir in Teil 3 und 4 zugemutet bekommen haben, sind endlich mal wieder originell und gruselig. Leider sieht man hier den schlechtesten, unverfrorensten Pinhead aller Zeiten, dem man eigentlich die Bibel ans Herz legen möchte: „Und richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet.“



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