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Am 29.12.1991 endete die Ära Schimanski innerhalb der TV-Krimireihe: In seinem 29. Fall, den er (Götz George) zusammen mit Kollege Thanner (Eberhard Feik) durchzustehen hatte, quittierte er den Dienst. Schimanski-Erfinder Hajo Gies, der den Großteil der „Tatorte“ mit Götz George gedreht hatte, ließ es sich nicht nehmen, auch diesmal Regie zu führen. Und das Drehbuch Axel Götz‘ und Thomas Wesskamps sagt bestimmt nicht leise Servus, sondern lässt es noch mal krachen:

Schimanski liegt auf der Straße, möglicherweise betrunken, eine weiße Katze im Arm. Offenbar hat er die Nacht unter freiem Himmel verbracht. Schimanskis Erwachen leitet eine ausgedehnte Rückblende ein. Er erzählt von seiner neuen Freundin Corinna alias Nora (Maja Maranow, „Starkes Team“) – einer verheirateten Frau, genauer: der Gattin des Staatssekretärs Zech (Alexander Radszun, „Kaminsky - Ein Bulle dreht durch“), einer Feier am Flussufer mit seinen italienischen Freunden und Corinnas von ihm beobachtetes Aufeinandertreffen mit dem windigen Autolackierer Pfeiffer (Armin Rohde, „Lola rennt“), der sie bedrohte. Es kam zum Handgemenge zwischen den Männern, wobei Pfeiffer Schimanskis Jacke zerriss. Als er diesen am nächsten Tag in der Werkstatt aufsuchte und 200,- DM für die Jacke forderte, wurde er unwissentlich in ein mafiöses Komplott verwickelt: Die Scheine waren präpariert und dienten als Aufhänger, Schimanski einen ausgeklügelten Bestechungsskandal anzuhängen, um ihn loszuwerden. Schimmis Vorgesetzter Jahnke (Peter Fitz, „23“) wittert seine Chance, den unliebsamen „Ruhrpott-Rambo“ und „Anarchisten“ loszuwerden und bietet eine Versetzung nach Frankfurt/Oder an, doch dieser versucht, seine Ehre wiederherzustellen. Im Korruptionsskandal um Bauland, der dahintersteckt und Todesopfer fordern wird, muss er fortan so gut wie auf sich allein gestellt ermitteln, denn seine Kollegen scheinen ihm zu misstrauen – erklären ihn gar mittels eine Psychologin für unzurechnungsfähig…

Die relativ komplexe Geschichte wird spannend und stets gut nachvollziehbar erzählt und enthält dabei noch einmal viele typische Duisburg-„Tatort“-Versatzstücke: Schimmis ihn in die Bredouille bringende Frauenaffären, sein – trotz Thanner – Einzelkämpfer-Image, das Unverständnis konservativer Vorgesetzter für seinen unkonventionellen Lebens- und Ermittlungsstil, seine Geldprobleme usw. All das fügt sich keinesfalls erzwungen wirkend in die Handlung ein, in der man ihn nach seiner Kündigung sogar auf dem Arbeitsamtsgang sitzen und später im Einzelhandel in weißen Kittel gewandet arbeiten sieht. Sogar einen homosexuellen Mitbewohner bekommt der ewig und nun erst recht Klamme, seinerzeit bewusst als Statement gegen Homophobie und Diskriminierung eingesetzt. Alte Freunde jedoch eilen ihm alsbald zur Hilfe und treten immer dann Erscheinung, wenn es für ihn nicht weiterzugehen droht. Dadurch bekommt dieser „Tatort“ dann doch einen konstruierten Touch, der ihm jedoch als Letztem seiner Art verziehen sei – immerhin ist dies Anlass für Gastauftritte wie die von Kriminalrat a.D. Karl Königsberg (Ulrich Matschoss) und Saarbrücken-Kommissar Max Palu (Jochen Senf).

Durch ein paar Actionszenen und Schusswaffeneinsatz muss Schimanski ebenso durch wie durch akute Lebensgefahr und den totalen Verlust seiner Reputation, bis er letztlich alles auf eine Karte setzt und hoch pokert, doch alles gewinnt. Denn als Gewinn empfindet Schimmi am Ende, wenn die Rückblende längst wieder von der filmischen Gegenwart abgelöst wurde, seine neugewonnene Freiheit – in den Polizeidienst wird er nämlich nicht mehr zurückkehren. Etwas sehr zur Übertreibung neigt man, wenn man Schimanski von einer Rocker-Delegation in Empfang nehmen und feiern lässt oder wenn er sich in einem Paraglider vom Dach stürzt. Klar, diese Szene soll noch einmal den Freiheitsaspekt symbolisieren und unterstreichen und man nimmt es ihm durchaus ab, wenn er befreit lachend über die Dächer Duisburgs gleitet. Ein anderer Song als ausgerechnet die von Dieter Bohlen komponierte (jedoch glücklicherweise nicht von ihm, sondern von Bonnie Tyler gesungene) Luftnummer „Against the Wind“ hätte Schimanski in seiner letzten „Tatort“-Szene indes weitaus besser zu Gesicht gestanden.

Alles in allem ist „Der Fall Schimanski“ aber ein gelungener, bisweilen augenzwinkernd humorvoller, auch etwas wehmütiger Abschied – vom „Anarcho-Ruhrpott-Rambo“ und von den 1980ern. 1997 jedoch kehrte Götz George in seiner Paraderolle für eine neue Serie, das Spin-Off „Schimanski“, zurück. Deshalb an dieser Stelle kein „Mach’s gut!“, sondern ein „Schönen Urlaub und bis später!“

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