Bevor ich „The Truth About Charlie“ einer Betrachtung unterzog, hatte ich mir fest vorgenommen, ihn schlecht zu finden (ja, öfter mal was Neues), denn wenn ich von einem Film bestimmt kein Remake sehen wollte, dann von „Charade“, einem meiner persönlichen Lieblingsfilme - und siehe da: Ich wurde nicht enttäuscht. Sicherlich ist es ohne weiteres möglich, den Stoff ins 21. Jahrhundert zu übertragen, gar kein Problem, der ist zeitlos, aber dennoch frage ich mich ununterbrochen, ob das wirklich nötig war. Aus meiner Sicht gab es an „Charade“ nicht einen Aspekt, den man hätte übertrumpfen können, da stimmte einfach alles. Außerdem strahlt er genügend Kraft aus, um auch dieses Jahrzehnt unbeschadet zu überstehen. Folglich unterliegt die Neuauflage dem Original in allen, ausnahmslos allen Punkten, und das deutlich. Aber gehen wir das Desaster doch einmal einzeln durch.
Die Vorlage von Peter Stone (der in den Credits übrigens unter dem Pseudonym „Peter Joshua“ auftaucht, weil er das Skript ablehnte - schon kein gutes Zeichen) wurde im großen und ganzen beibehalten, allerdings erlaubt man sich vor allem im zweiten Teil die eine oder andere Abweichung: Regina Lambert kehrt von ihrem Urlaub nach Paris zurück und muß feststellen, daß ihr Mann Charles während ihrer Abwesenheit ermordet wurde. Der Grund ist ein gehöriger Batzen Geld, den er sich unter den Nagel gerissen hat, aber keiner weiß, wo er die sechs Millionen versteckt, auch drei Gauner nicht, die ihren Anteil einfordern und Regina fortan auf die Pelle rücken. Ihr hilfreich zur Seite steht der nette, aber undurchsichtige Joshua Peters, der, wie sich bald herausstellt, nicht der ist, der er zu sein vorgibt. Und im Hintergrund mischt noch der CIA-Mann Bartholomew mit...
So weit, so „Charade“. Doch was einst ein abwechselnd heiteres, temporeich-spannendes und makabres, dabei jederzeit herrlich verwirrendes Ratespiel voller doppelter Böden und von höchstem Unterhaltungswert war, verkommt in „The Truth About Charlie“ zu einer seltsam kalten Angelegenheit ohne Pfeffer, die keinen Spaß macht, den Kennern des Originals wahrscheinlich noch weniger. Wo sind die spritzigen Wortgefechte zwischen Regina und Joshua geblieben, die es in „Charade“ so zahlreich zu hören gab? Man hat sie gestrichen, wie überhaupt Dialogwitz weitgehend ein Fremdwort für diesen Film ist, obwohl sich ab und zu Originalzitate aus dem Stone-Drehbuch hierher verirren, was dann umso befremdlicher wirkt.
Von den skurrilen Gauner-Gestalten (ein fortwährend niesender Zwerg, ein Zyniker aus dem Bilderbuch und ein gemein-gefährlicher Grobian mit Hakenhand), die hinter dem Geld her sind, ist nur noch der gemein-gefährliche Grobian (ohne Hakenhand) übriggeblieben, der Rest setzt sich zusammen aus einer Schwarzen und - klaro - einem Japaner (immerhin schreiben wir das Jahr 2002, da ist Multikulti in), die bei weitem nicht die Bedrohlichkeit ihrer Vorgänger ausstrahlen. Weiterhin ärgerlich: In „Charade“ stand die Frage, wer Charles umbrachte, im Mittelpunkt, der große Kreis der Verdächtigen, zu denen u.a. besagtes Verbrecher-Trio gehörte, machte den enormen Reiz des Films aus, während das Drehbuch hier zu keinem Zeitpunkt auch nur einen von den dreien jemals als Mörder in Betracht zieht. Umso mehr macht sich dafür Reginas Beschützer Joshua verdächtig, im weiteren Verlauf immer stärker, und auch Bartholomew von der CIA erscheint von Anfang an zwielichtig. Letzteres war im Original nicht der Fall und ich hätte es begrüßt, wenn die Autoren des Remakes sich an Stones Vorlage gehalten hätten.
Wie viele Lichtjahre Stones Vorlage über dem steht, was die Autoren von „The Truth About Charlie“ sich zusammengeschrieben haben, kann man auch daran sehen, wie ausgewogen und gut er die verschiedenen Genres auf die Handlung verteilte. Da folgte unmittelbar auf eine spannende Sequenz eine lustige, auf eine romantische eine aufregende - oder er paarte Thrill geschickt mit Humor, wie es Hitchcock in „Der unsichtbare Dritte“ so meisterhaft praktizierte. Das funktionierte fantastisch. Und hier? Überhaupt nicht. Den mangelnden Witz habe ich angeprangert, auch wenn der Film gern eine Komödie wäre. Eine Thriller-Komödie, um genau zu sein. Aber wo, bitte schön, ist die Spannung? Exakt, sie fehlt ebenfalls. Tatsächlich plätschert „The Truth About Charlie“ höhepunktlos vor sich hin, hakt die wesentlichen Punkte der Vorlage ab und vergißt dabei glatt, spannend zu werden (darüber kann auch so manche Wendung und so manche Leiche nicht hinwegtäuschen). Das muß man erstmal schaffen, ich meine, wie viel Potential steckt in einer Story, in der es um einen rätselhaften Mord, viel Geld, das nicht auffindbar ist, eine Witwe, die von drei Gangstern bedroht wird, und einen ihr seine Hilfe anbietenden Mann, der sich wenig vertrauenswürdig aufführt, geht? Ausgesprochen viel, oder? Und daraus so wenig zu machen, besonders, wenn es ein anderer Regisseur vierzig Jahre zuvor schon hervorragend vorgemacht hat, das ist eine Leistung, eine erbärmlich schwache noch dazu.
Zu den größeren Abweichungen des Skripts: Die Rahmenhandlung rund um Charles’ Mutter, die glaubt, Regina habe etwas mit dem Tod ihres Sohns zu tun, ist herzhaft überflüssig, gestaltet den ohnehin ziemlich komplizierten Plot noch unübersichtlicher und bringt letzten Endes gar nichts, genauso wenig wie die während des Abspanns laufende Schlußszene, bei der ich mich nur fragte, was das jetzt wieder sollte. Wenigstens eine Änderung, mit der ich ganz gut leben kann, ist die, daß ein Großteil des Gangstertrios, ohne daß der geheimnisvolle Mörder selbst Hand anlegen muß, durch puren Zufall aus dem Leben scheidet. Warum nicht? Das war’s dann allerdings auch schon an einigermaßen Positivem, schließlich haben wir noch das Finale vor uns, und das macht alles kaputt: Der ohnehin an Highlights arme Thriller versagt dem Zuschauer, der sich so tapfer durch die entsetzlich lahme Geschichte gekämpft hat, nämlich sogar den fälligen würdigen Abschluß. Anstatt der ellenlangen und verdammt wendungsreichen Verfolgungsjagd, die „Charade“ lieferte, bietet Jonathan Demme uns ein grauenhaft flaues, kurzes und dermaßen unspannendes Ende an, daß man entweder resigniert mit den Achseln zuckt oder vor Wut den Fernseher umkippt, weil man seine Zeit mit diesem Kram verschwendet hat. Nicht nur hält sich der Film mit viel zu vielen rückblickenden Erklärungen auf, auch befindet sich nicht etwa Hauptfigur Regina, mit der wir eigentlich mitzittern sollten, in Lebensgefahr, sondern eine uns völlig gleichgültige Ermittlerin, die zuvor dennoch massig Leinwandauftritte geschenkt bekommen hat. Ach, und muß ich erwähnen, daß die urkomische Schlußüberraschung aus „Charade“ zugunsten eines ungefähr tausendmal drögeren und obendrein absolut witzfreien Endes ausgelassen wurde? Nein? Gut.
Oh ja, die Schauspieler. Ebenfalls ein Griff ins Klo, zumindest hinsichtlich der Hauptrollen. Offensichtlich waren die Verantwortlichen beim Casting nicht Herr ihrer Sinne. Um Thandie Newton und Mark Wahlberg als auch nur zehntelwertigen Ersatz für Audrey Hepburn und Cary Grant anzusehen, muß man schon eine Menge Alkohol intus haben. Zwischen Hepburn und Grant sprühten - trotz eines Altersunterschieds von 25 Jahren - die Funken, es knisterte, da war Spielfreude dabei, Leidenschaft. Dies zu toppen, eine schier unüberwindliche Hürde. Wenn man sich trotzdem an einer Neuauflage versucht, sollte man sich allerdings wenigstens Topleute des Schauspielfachs aussuchen, die ansatzweise in der Lage sind, den beiden Legenden das Wasser zu reichen. Die Auserwählten gehören eindeutig nicht in diese Kategorie. Zum einen hat Audrey Hepburn etwas, was Thandie Newton vollkommen fehlt: eine angeborene Niedlichkeit. Ihr zartes Erscheinungsbild weckt sofort und auf der Stelle alle vorhandenen Beschützerinstinkte, die man zur Verfügung hat. Mit Newton wird man hingegen einfach nicht warm, womit sie sich nahtlos der kalten Grundstimmung des Films anpaßt, und das Schlimmste: Ich finde die Dame noch nicht einmal sonderlich sympathisch. Newtons bemühte, aber blasse Vorstellung trägt ihren Teil dazu bei. (Man schaue sich nur die „Wissen Sie, was ich an Ihnen vermisse? - Gar nichts!“-Zeile an, mit der die Reginas in beiden Filmen die Joshuas becircen. Der Unterschied ist frappierend: auf der einen Seite Hingabe, auf der anderen Seite hölzerne Begeisterungslosigkeit.) Zum anderen ist Mark Wahlberg nichtssagend und kommt wie so oft milchbubihaft rüber. Mehr als fünf Gesichtsausdrücke hat er nicht auf Lager und sein Charisma hat sich wahrscheinlich die ganze Zeit hinter der Kamera versteckt, um ja nicht gefilmt zu werden. Offenkundig: Grant besaß im linken kleinen Finger mehr Talent als Wahlberg in seinem ganzen Körper. Daß in den gemeinsamen Newton/Wahlberg-Szenen tote Hose herrscht, brauche ich wohl nicht weiter zu erwähnen. Gewohnt grundsolide immerhin Tim Robbins, im direkten Vergleich mit Knautschgesicht Walter Matthau aber ganz klar den Kürzeren ziehend, und Ted Levine sozusagen als George-Kennedy-Ersatz geht auch in Ordnung, er hat halt nur eine (zu) kleine Rolle.
Für die meisten „Charade“-Kenner mit ziemlicher Sicherheit ein miserables und alles falsch machendes Remake eines Klassikers der Krimikomödie, das fassungslos macht, wie man eine perfekte Vorlage derart verhunzen kann (da wäre mir sogar eine 1:1-Kopie im Stil der ungeliebten farbigen „Psycho“-Neuauflage mit talentierteren Hauptdarstellern lieber gewesen, als mit Graus hilflos mitansehen zu müssen, was Jonathan Demme und seine Crew aus dem Stoff gemacht haben), für „Charade“-Nichtkenner eventuell noch einigermaßen interessant, aber gewiß auch nicht spannend und humorvoll genug. So dürfte keine der beiden Gruppen am Ende zufriedengestellt sein. Etwas Gutes hat der Film jedoch: Ich habe wieder richtig Lust auf „Charade“. 3/10.