„Das entwickelt sich zum Sex-Tourismus!“
Das deutsche Wendejahr 1990: Die SED-Herrschaft ist beendet, die Grenzen offen, positive (letztlich leider reichlich naive) Aufbruchstimmung greift um sich, neue Freiheiten werden genossen und genutzt. Dazu zählt auch dieses Novum deutscher Fernsehgeschichte, ein Crossover aus den Duisburger „Tatorten“ um die Kommissare Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) und dem DDR-Pendant, der Krimireihe „Polizeiruf 110“ um das Kommissarenduo Fuchs (Peter Borgelt) und Grawe (Andreas Schmidt-Schaller) . Die Erstausstrahlung dieser deutsch-deutschen Koproduktion erfolgte am 28.10.1990 und sollte das Zusammenwachsen beider Staaten anhand einer Kooperation der Kommissare symbolisieren. Das Drehbuch ist ein Gemeinschaftsprodukt des Ostdeutschen Helmut Krätzig und des Westdeutschen Veith von Fürstenberg; die Regie führte Krätzig, der zuvor bereits für zahlreiche „Polizeiruf 110“-Episoden verantwortlich zeichnete.
Eine unbekleidete Männerleiche im Duisburger Binnenhafen entpuppt sich als Stasi-Offizier, woraufhin die Kripo Duisburg DDR-Amtshilfe erbittet. Grawe und Fuchs sind gerade einer Stasi-Verwicklung in illegalen Kunsthandel auf der Spur und vermuten einen Zusammenhang. Sie reisen nach Duisburg, wo sie von der Kripo herzlich empfangen werden und man gemeinsam tiefer ins Kunsthandelsmillieu einzusteigen versucht. Die Ermittlungen führen sie nach Ost-Berlin, man lernt undurchsichtige und windige Gestalten kennen und begibt sich umso stärker in Gefahr, je mehr man Licht ins Dunkel bringt…
Nach einem kombinierten „Tatort“- und „Polizeiruf 110“-Vorspann lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer ein Auffanglager für DDR-Emigranten von innen kennen – und trinkfreudige Beamte: Als Kommissar Fuchs in Duisburg aus der Bahn steigt, ist er volltrunken. Doch damit nicht genug: Als erste Amtshandlung besucht man zu viert zunächst einmal exakt den „Saunaclub“, den Schimmi kurz zuvor ausgehoben hat, und lässt es sich gutgehen. Später muss Schimmi seinen geliebten Mantel gegen einen Anzug eintauschen und sich als reicher Schnösel verkleiden, wodurch er selbst wie ein Zuhälter aussieht. Herr Dörfler (Ulrich Thein, „Fünf Patronenhülsen“) von der LPG füllt Thanner ab und besorgt beiden Duisburgern Prostituierte. Sodom & Gomorrha bei der Polizei! Diese Spezialausgabe beider Krimireihen gibt sich recht komödiantisch, die Dialoge sind köstlich, der eigentliche Fall hingegen etwas undurchsichtig. Vor allem aber handelt es sich um einen Abgesang auf die Stasi, von der so gut wie jeder in der DDR seinerzeit die Schnauze gestrichen voll hatte und deren Machtmissbrauch abseits von Bespitzelungen u.ä. illustriert wird. Diverse DDR-Klischees werden aufgegriffen und thematisiert, manche dabei widerlegt, andere bestätigt.
Nachdem der Fall gelöst wurde, saufen einmal mehr alle miteinander – als feiere man nicht nur die Lösung und die gelungene Zusammenarbeit, sondern noch immer den Sieg über SED und Stasi. Diese Stimmung vermittelt diese schwer unterhaltsame und TV-historisch hochinteressante Kollaboration und erinnert mich damit an eine spannende Zeit, die letzte, bevor die ‘80er ad acta gelegt wurden, die Hoffnungen, die die Menschen mit der Wiedervereinigung verbanden, vielerorts wie Seifenblasen zerplatzten und sich Kapitalismus, Rechtsextremismus und Gewalt endgültig bahnbrachen. Klaus Lages drittes „Tatort“-Titellied „Hand in Hand“ beschwört eine Solidarität, der sich schließlich leider als allererstes entledigt wurde. „Unter Brüdern“ ist ein aufschlussreiches Zeitdokument mit Symbol- und Strahlkraft – und auch unabhängig davon ein trotz seines etwas zu verschachtelten Falls ein außergewöhnlicher, prima gelungener TV-Krimi mit sympathischem Humor und nur allzu menschlichen Ermittlern. 7,5 von10 gestohlenen Gemälden dafür!