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„Wie im Libanon!“

Der Südtiroler TV-Serien-Regisseur Werner Masten („Straßen von Berlin“, „Der Bulle von Tölz“) debütierte im Jahre 1989 innerhalb der „Tatort“-Reihe mit gleich zwei Beiträgen: „Schmutzarbeit“ sowie dem hier besprochenen „Blutspur“, dem nach einem Drehbuch Peter Steinbuchs entstandenen 22. Fall der Duisburger Kripo um die Kommissare Horst Schimanksi (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik). Das passte insofern gut, als Masten bereits 1984 einen Film namens „Schimmi“ inszeniert hatte. „Tatort: Blutspur“ wurde am 20. August 1989 erstausgestrahlt und landete aufgrund seiner Gewaltdarstellungen anschließend bis 1999 im Giftschrank.

„Wer kricht’n um die Zeit schon einen hoch?“

Eine Gruppe arabischer Terroristen verübt abends einen Anschlag auf das Büro zur Befreiung Palästinas in Essen-Steele. Am nächsten Morgen werden Schimanski und Thanner in aller Herrgottsfrühe damit beauftragt, einen drachenfliegenden Exhibitionisten zu stellen, was weder zu ihrem eigentlichen Aufgabengebiet noch zu ihren bevorzugten Tätigkeiten gehört. Entsprechend schlecht ist die Stimmung. Der Einsatz führt zu einem Lager für polnische Fernfahrer, dessen Betreiber der polnischstämmige Kripo-Informant Leszek (Vadim Glowna, „Wo immer du bist“) ist. Kurz nach dem Gespräch mit Leszek taucht das Terrorkommando ebenfalls dort auf schießt wild um sich, wobei Schimanskis Wagen zerstört wird. In einem Lkw entdecken die Kripobeamten eine riesige Blutlache, die sie untersuchen lassen. Leszek ist derweil verschwunden, kann aber in einem Duisburger Hotel ausfindig gemacht werden. Schimanski belauscht in einem Lüftungssacht Leszeks Gespräch mit einem gewissen Samara (Kostas Papanastasiou, „Morena“), als die Terroristen plötzlich Handbrandsprengsätze durchs Fenster werfen und Samara sowie einen stummen Passfälscher töten. Leszek jedoch kann entkommen, wird von Schimanski aber für ebenfalls tot gehalten. Leszeks Freundin Ela (Marita Marschall, „War Zone – Todeszone“) aber greift er vorm Hotel auf und verhört sie. Daraufhin taucht sie bei der Bauchtänzerin Roswitha (Michaela Wolko, „Das Nürnberger Bett“) unter. Ihren just aus der Haft entlassenen Zuhälter Freddie (Rolf Zacher, „Der Formel Eins Film“) zwingen Schimanski und Thanner zur Zusammenarbeit, um Ela zu finden. Feststeht: Ela und Leszek sind in tödliche Geschäfte verwickelt – doch welcher Art? Und welche Rolle spielen die Terroristen in diesem mörderischen Spiel?

„Es geht alles seinen gewohnten Dienstweg!“

Mit „Blutspur“ greift die Reihe die damals aktuellen blutigen Konflikte zwischen Palästinensern und Schiiten im Libanon auf. Der Prolog zeigt den Anschlag aufs Bürogebäude, inklusive Explosionen, Schüssen und brennenden Menschen. Ein herber Einstieg in diesen Action-Krimi, der sich gar nicht mit Erklärungen dahingehend aufhält, weshalb Thanner nach den Ereignissen im vorausgegangenen Duisburger „Tatort“ wieder mir nichts, dir nichts bei der Kripo arbeitet. Dieser reitet permanent darauf herum, dass libanesische Verhältnisse herrschen würden, und Schimmi wirkt durchgehend gehetzt, genervt und aggressiv – analog zur hochbrisanten, gefährlichen Lage durch die Ausweitung eines Nahostkonflikts auf deutsches Territorium. „Wer kämpft hier gegen wen… und warum?“ wird wortwörtlich als Frage in den Raum geworfen und beschreibt exakt, worum es in dieser unübersichtlichen Gemengelage geht, die Masten und Co. hier etablieren.

„Handbrandsprengsätze, verdammt noch mal!“

Vermengt wird das Nahost-Motiv mit Ausflügen ins Nachtleben und Rotlichtmilieu. Bei einer schön gefilmten nächtlichen Autofahrt Thanners und Schimanskis durch den Essener Kiez kennt Thanner fast alle Bordsteinschwalben beim Namen. Roswitha liefert eine Bauchtanzeinlage und die Figur des Freddie (Zachers zweiter Einsatz in einem Duisburger „Tatort“) als kleiner Zuhälter gerät im weiteren Verlauf immer mehr zum amüsanten Comic Relief. Zum Running Gag avanciert Thanners ständige Sorge um sein neues Auto, einen weißen Subaru. Es wird diesen Fall nicht überleben. Auf den Straßen liefert man sich ein packendes Duell Lkw versus Pkw und in einem Großteil der weniger actionreichen Szenen dominiert erneut eine prima realisierte, bisweilen vielleicht etwas dick aufgetragene Neo-Noir-Ästhetik. Veronica Ferres („Schtonk!“) gibt sich als Imbisswirtin ein Stelldichein, Dieter Pfaff ist als Kripo-Kollege Geiger wieder mit von der Partie und statt mit Königsberg müssen sich Schimanski und Thanner mit dem von Gerhard Olschewski gespielten Ossmann herumplagen.

„Steckt euch die Schiiten in euren BKA-Arsch!“

„Blutspur“ wollte etwas viel auf einmal – oder man streckte ein im Prinzip fertiges Skriptkonstrukt bemüht mit Ruhrpott- bzw Kiez-Folklore, denn so richtig möchte sich hier nicht immer ein Teil ins andere fügen. Daraus resultieren ein paar Ungereimtheiten und eine überkomplizierte Erzählweise, bei der die Übersicht schon mal verloren geht. Die gute Unterhaltung überwiegt aber zweifelsohne, denn Schimmi und Thanner gehen einmal mehr voll in ihren Rollen auf. Zudem kracht’s und scheppert es ordentlich und angesichts vieler Toter und Blutlachen geht der Fall durchaus an die Nieren. Der reale Hintergrund macht zudem ein interessantes Zeitdokument aus diesem „Tatort“, der sich inhaltlich jeglicher klarer Positionierung verweigert und stattdessen die Bilder eindrucksvoll sprechen lässt.

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