Seuchenschocker gibt es eigentlich im Kino zuhauf. Ein neuartiger, unbekannter, mutierter oder gar menschengezüchteter Mikroorganismus verbreitet sich rasend schnell lokal, kontinental oder global und löscht millionenfach Leben aus. Gewohnt sind wir derzeit allerdings eher, dass sich die Verstorbenen anschließend erheben oder doch zumindest die Erkrankten zu Monstern degenerieren, um nun auch dem verbliebenen Rest der Bevölkerung den Garaus zu machen. Einzig Wolfgang Petersens „Outbreak - Lautlose Killer" (1995) leistete hier in den vergangenen zwei Dekaden so etwas wie Pionierarbeit, wenn es um apokalyptische Seuchenszenarien geht, die nicht völlig der Realität entflohen sind. Das Adjektiv „völlig" sollte an dieser Stelle allerdings nicht unter den Tisch fallen, denn so rasant und intensiv Petersen vor inzwischen sechzehn Jahren seinen Reißer inszenierte und uns mit seinem Horrorvirus in den Kinosessel drückte, so irreal und unbedarft blieben seine Versuche, inhaltlich ernsthaft Fühler in die Wirklichkeit auszustrecken. Vom schablonenhaften General, der wieder einmal als Zielscheibe ausgelutschter Militärkritik herhalten musste, bis hin zum in Windeseile entdeckten und dann natürlich sofort in der Massenproduktion befindlichen Gegenmittel, war jeder echte Bezug zum wahren Leben abhandengekommen. Schade, denn ansonsten überzeugte Petersens Hollywoodbeitrag vor allem auch mit den hervorragenden Darstellern um Dustin Hoffman, Rene Russo, Morgan Freeman, Kevin Spacey und Donald Sutherland auf ganzer Linie. Ist man nun aber an einer professionelleren Herangehensweise an das Szenario einer weltweiten Pandemie interessiert, so ist Steven Soderberghs „Contagion" in seiner beklemmenden Authentizität womöglich das lang ersehnte Pendant zu Petersens Film.
Steven Soderbergh, der gewöhnlich Filme fürs etwas anspruchsvollere Publikum dreht, ist auch diesmal nicht vom Weg der doch etwas intellektuelleren Herangehensweise an sein Sujet abgewichen. „Contagion" zeigt nüchtern, sachlich und unvoreingenommen, was tatsächlich geschehen könnte, sollte eine neuartige Seuche rasend schnell weltweit um sich greifen. Er erzählt vom Leid der Feinen und der Kleinen, vom Individuum und vom Kollektiv, von Neid und gesellschaftlichen Vorteilen, von wahrer Aufopferung und vorgeblicher Größe. Ganz im Sinne Thomas Hobbes‘ ist der Mensch - besonders im Strudel einer apokalyptischen Abwärtsspirale der Gesellschaft - dem Menschen ein Wolf. Zivilisatorische Errungenschaften werden vorübergehend über Bord geworfen, und wie so oft werden Schuldige am Siechtum der breiten Masse gesucht. Dass Steven Soderberghs Film dabei keine Stellung bezieht, keine Vorwürfe erhebt und nicht zeigefingerwedelnd Botschaften versendet, ist eine Leistung, die angesichts des durchaus aktuellen Themas von Umsicht und Reife des Regisseurs zeugt und infolgedessen aufgrund des Fehlens von aufdringlichem Zeitgeist seinen Film letztendlich der Zeit entreißt. Hier gibt es keine Schuldigen, auch wenn es noch so bequem wäre. Weder ist das Virus die vom Menschen geöffnete Büchse der Pandora noch sind die Regierungen Katalysatoren des Untergangs. Hier ist der Mensch, so banal es klingt, Opfer der Natur und muss versuchen, damit zurecht zu kommen.
In ungewöhnlich trockenen, unaufgeregten Bildern werden wir in eine künstliche Wirklichkeit geworfen, die in den ersten Filmminuten ihre potentielle Echtheit deutlich macht. Eine Frau betritt ein Restaurant und infiziert sich. Sie steckt Stunden später eine weitere Person an. Beide infizieren kurz darauf unwissend zwei weitere Opfer. Etwas später stecken sie acht andere Menschen an. Das Ganze potenziert sich immer weiter und weiter, bis schließlich Millionen zugrunde gehen. Dass die nervige Quatschtante Gwyneth Paltrow die erste Tote in „Contagion" ist, mag ein ungewollt humoristisches Element des Films sein, erheitert aber letztendlich doch nicht genug, um dem Gezeigten die Ernsthaftigkeit zu nehmen. Vor allem Laurence Fishburne läuft hier als medizinischer Fachmann zur Hochform auf und verleiht dem heraufziehenden Unheil gleich zu Beginn überzeugende Katastrophenstimmung.
Doch Soderbergh wäre nicht der, der er ist, wenn er nicht dazu neigen würde, Politisches oder Aktuelles seinem Stoff unterzumischen. So auch hier. „Contagion" spielt mit der Globalisierungsangst vieler Menschen, beschreibt Gefahrenpotentiale und Lösungsansätze, ohne sie zu karikieren oder zu bewerben. Mitte des 14. Jahrhunderts brauchte die Pest ungefähr achtzehn Jahre, um vom tiefsten China nach Mitteleuropa zu gelangen. Sechshundertfünfzig Jahre später braucht ein Krankheitserreger - im Zeitalter von Massentourismus und Onlinebuchung - dafür nur noch einen Tag. Erneut ist China die Quelle des Unheils, was am Ende des Films rückblickend näher erläutert wird. So nimmt Soderberghs Thriller streckenweise den Charakter eines Kriminalfilms an, da man sich in der Folge fieberhaft daran macht, den Ursprung des Virus zu eruieren. Das ist zwar nettes Beiwerk, welches aber nicht unbedingt so ausgiebig präsentiert hätte werden müssen. Starke Momente besitzt Soderberghs Schocker hingegen in seinem dem Horrorfilm entlehnten Erzählduktus, der Tiefe seiner Charaktere und seiner vortrefflichen Auswahl an Einzelschicksalen. Eine darstellerische Glanzleistung bietet hier Jude Law, der den zwielichtigen Internet Blogger Alan Krumwiede gibt. Ist sein fanatischer Kreuzzug gegen die Mächtigen der Welt, die angeblich zuvorderst Vorteile aus der Misere der Masse ziehen würden, nun hilfreich oder schädlich? Ist er ein Menschenfreund oder ein Spinner? Dient er, wie ein bekannter Feuilletonist meint, gar als Schurkensurrogat des Plots, das ansonsten auf jede Schwarz-Weiß-Zeichnung verzichtet und damit ja keinen strahlenden Helden oder waschechten Spitzbuben präsentieren kann oder möchte? Wie im wahren Leben, muss das der Zuschauer selbst entscheiden. Und das ist es auch, was Soderberghs Film von vergleichbarer Konkurrenz abhebt. Der Schrecken liegt hier in der potentiellen Authentizität, die nicht durch Theaterkonventionen verwässert werden soll. Ob das Kinopublikum diese Subtilität goutiert, bleibt abzuwarten.
Steven Soderberghs „Contagion" ist ein überraschend realitätsnaher Thriller/Katastrophenfilm im quasi transparenten Horrorgewand geworden. Die Opfer sterben - und zwar ohne vorher genreüblich aus allen Körperöffnungen zu bluten oder lebendig zu verfaulen. Dennoch entlehnt Soderbergh einige Versatzstücke aus den derzeit kommerziell so erfolgreichen Endzeithorrorfilmen, wobei er allerdings nie den Bezug zur Wirklichkeit verliert. So ist auch die Suche nach der Lösung im Ergebnis nicht ein markiger Satz oder ein muskelbepackter Held mit Armanivisage, sondern das stoische Arbeiten eines bescheidenen Allerweltsgesichts. Dabei wird nicht von heute auf morgen gerettet, sondern langwierig und kompliziert verfahren, just so, wie es Otto Mustermann im Kino eigentlich gar nicht mag. Steven Soderbergh entscheidet sich mit „Contagion", die anspruchsvollere Thrillerschiene zu fahren statt den schnelleren Horrorzug zu nehmen. Das doch etwas kommerzielle Ende unterstreicht schließlich das zuvor - je nach persönlichem Gusto - Erhoffte oder Befürchtete. Fairerweise muss gesagt werden, dass angesichts der Marschrichtung des Films in Bezug auf seine Wirklichkeitsnähe das Ende nur folgerichtig ist. Daumen hoch für einen spannenden Thriller, der Wert auf Anspruch legt!