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Justin Bieber, die Kardashians oder Lindsay Lohan – auch wenn man noch so sehr Yellow Press und RTL II zu meiden versucht, früher oder später wünscht selbst der philanthropischste Mensch all diesen aus seltsamen Gründen bekannten Personen die sprichwörtliche Pest an den Hals. Ein Schelm, der nun vermutet, dass genau das Steven Soderberghs wahre Intention hinter „Contagion“ war. Denn hier geht gleich eine ganze Reihe bekannter Schauspieler schnell und unspektakulär über den Jordan.

Soderbergh selbst hat ja auch eine recht seltsame Karriere hinter sich. Zwischen anspruchsvollem („Traffic“) und absolutem Popcorn Kino („Oceans Eleven“, „Out of sight“) lässt sich kaum eine klare Linie feststellen. „Contagion“ erinnert von Inszenierung und Spannungsbogen dann doch eher an den Oscarkandidaten aus dem Jahr 2000 (also „Traffic“), ist er doch wieder eher eine Dokumentardrama das sehr auf Realismus und inszenatorische Kühle setzt. Denn auch wenn das Ganze hier unter dem Genre „Thriller“ eingeordnet wird, so trifft es doch „dokumentarisch anmutendes Drama“ um einiges besser.

Geschildert wird der Verlauf einer schnell verbreitenden, globalen Epidemie in deren Verlauf viele millionen Menschen das Zeitliche segnen. Die Auswirkungen, ebenso wie die Suche nach dem Patient 0 und einer möglichen Heilung werden dabei aus der Sicht vieler kleiner Einzelschicksale dargestellt. Vom  schicksalsgebeutelten Familienvater, der plötzlich ziemlich alleine dasteht, zum Regierungsbeamten der zwischen privaten und beruflichen Konflikten aufgerieben wird, vom pseudoinvestigativen Blogger zur aufopfernden Medizinerin. Diese Personen mögen alle etwas klischeehaft skizziert sein, dennoch wird Ihr Schicksal bis auf die ein oder andere kleine Ausnahme so teilnahmslos geschildert, dass der Film zu keiner Zeit Gefahr läuft im üblichen Katastrophenfilmkitsch zu versinken – ganz im Gegensatz zu einem reanimierten Schiff, welches einem eher mittelmäßigen Regisseur mal wieder ordentlich das Portemonnaie stopfen wird.

Stattdessen wird endlich mal gezeigt wie eine solche Seuche in Zeiten von Globalisierung ablaufen könnte. Gut, vielleicht bin ich etwas voreingenommen, waren doch Seuchenfilme und ihre miteinhergehenden Szenarien von ausgestorbenen Städten, der Auflösung geordneter Strukturen und dem Rückfall in beinahe unzivilisierte Verhaltensmuster schon immer mein Ding. Deswegen mag ich auch den zigtausendsten Zombiefilm, wenn er nicht gerade auf irgendwelchen Fulci-mäßigen Voodoomythen fußt.

Manch einer mag sich bei der Geschichte latent an Wolfgang Petersons („Das Boot“) Virenheuler „Outbreak“ erinnert fühlen, die sich aber in den entscheidenden Punkten wohltuend voneinander unterscheiden. Im Gegensatz zum Dustin Hoffmann-Film verzichtet „Contagion“ nämlich dankenswerter Weise auf den unerträglichen US-Patriotismus und die Tränendrüsendrücker (denken wir nur an Rene Russos tragische Momente). Ausserdem beging ich damals den Fehler „Outbreak“ mit meiner Kusine anzusehen, die sich mit dem Thema Virologie berufsbedingt sehr gut auskannte und mir im Minutentakt die Fehler des Films aufzählte (in dem tatsächlich mal von Bakterien und mal von Viren gesprochen wird, großartig!). Daher dauert bei „Contagion“ die Herstellung eines Impfstoffes um einiges länger als ein paar Stunden.

Viele Kritiker bemängeln, Soderberghs Film mangele es an Spannung – eine Ansicht die ich nicht wirklich teilen kann. Klar, durch die vielen Einzelschicksale, die teilweise leider etwas kurz kommen, fehlt einfach eine richtige Bezugsperson mit der man – im wahrsten Sinne des Wortes – mitfiebern kann, aber gerade die etwas globalere Perspektive, die nebenbei und eher beiläufig aufgezeigten Grausamkeiten des Wolfes Mensch fand ich bedrückend und sehr viel aufregender und nachdenklich stimmender als der tausendste Versuch eines Di Caprio von einem kenternden Schiff zu flüchten.

Das alles mag ein wenig entgegen der üblichen Hollywoodregeln  stehen, macht aber für mich den ungemeinen Reiz des Films aus. Das man auf eine große Riege bekannter Stars aus allen Herren Ländern setzte (slebst in in Nebenrollen bekannte gesichter, etwa Josie Ho aus „Dream Home“, Armin Rohde aus „Die Bluthochzeit“ oder Bryan Cranston aus „Breaking Bad“) wiederspricht ein wenig der Intention des Filmes, denn dadurch kommt natürlich nie der Gedanke auf, es könne sich dabei nicht um reine Fiktion handeln, spricht andererseits aber auch für die Risikobereitschaft der Damen und Herren. Denn dass es sich beim Thema ebenso wie bei Inszenierung um typisches Kassengift handelt sollte allen Beteiligten klar gewesen sein.

Ich jedenfalls war positiv angetan und spreche hiermit meine Empfehlung aus.

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