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„Kennen Sie meine Akte?“

Der neunzehnte Fall der Duisburger-„Tatort“-Kripo um Kommissar Horst Schimanksi (Götz George) und seinen Kompagnon Christian Thanner (Eberhard Feik) wurde im Herbst 1987 und Januar 1988 unter Regie Theodor Kotullas, der bereits 1977 mit George für den Film „Aus einem deutschen Leben“ zusammengearbeitet hatte, nach einem Drehbuch Frank Göhres gedreht. „Einzelhaft“ blieb bis dato Kotullas einziger Beitrag zur öffentlich-rechtlichen Krimireihe, die Erstausstrahlung erfolgte am 21.08.1988.

„Hier in Duisburg haben wir längst die Mafiosis am Wirken!“

Rolf Vogtlaender (Franz Boehm, „Wallers letzter Gang“) sitzt wegen Mordes an seiner Frau Eva im Gefängnis, doch seine Tochter Ilona (Brigitte Karner, „Das zweite Gesicht“) ist von der Unschuld ihres Vaters überzeugt. Ihre privaten Nachforschungen bereiten Rolf Vogtlaender aber Bauchschmerzen, weshalb er Kommissar Schimanski bittet, auf seine Tochter einzuwirken, den Fall ruhen zu lassen. Damit hat er jedoch Schimanski angefixt, den eigentlich abgeschlossenen Fall noch einmal aufzurollen. Derweil wird eine Prostituierte erdrosselt aufgefunden. Thanner übernimmt die Ermittlungen und reagiert mit Unverständnis darauf, dass Schimanski sich lieber einem vermeintlich erledigten Fall widmet. Doch es scheint Zusammenhänge zu geben: Ilona, die sich als Taxifahrerin verdingt, kannte die Tote – und Unbekannte versuchen, nun auch sie umzubringen…

„Sein Schwanz wird ihm noch mal das Genick brechen!“

Nach diversen starken Beiträgen muss die Duisburger „Tatort“-Reihe hier einige Federn lassen: Schimmi ist nicht mehr nur das ungehobelte Raubein, sondern gegenüber Ilonas offenbar lesbischer Partnerin Petra (Maria Hartmann, „Kommissarin Heller“) regelrecht unangenehm sexistisch. Gänzlich aus der Rolle gefallen scheint Thanner: Der sitzt plötzlich wie ein Asi am Daddelautomat und benimmt sich einem türkischen Imbisswirt gegenüber wie ein Kotzbrocken. Später liefert sich Schimmi einen albernen Kampf auf einer Mauer und lässt sich im Anschluss die Fresse polieren – auch das passt so gar nicht zu ihm. Unverständlich zudem, dass es schon wieder aufs Rotlichtmilieu hinausläuft – man sollte meinen, dieses Feld hätte man in „Tatort“-Duisburg mittlerweile zur Genüge beackert. Was ist mit all den anderen Ruhrpott-spezifischen Themen, die manch Schimmi/Thanner-Fall so sehenswert gemacht hatten? Das hier jedenfalls ist alles andere als eine kreative Meisterleistung des Autors.

„Nutten! Zuhälter! Verrückte! Getobe! Geschrei! Ich will hier Ordnung! Und Ruhe! RUHE!“

Beim Fund der Prostituiertenleiche ist man kurz zu sinnieren geneigt, welch hübsche Leiche Ilona abgibt, doch handelt es sich gar nicht um sie – man hat aus welchen Gründen auch immer schlicht eine Komparsin gleichen Typs verpflichtet. Dies verwirrt unnötig innerhalb einer Handlung, die sich vorrangig um die Machenschaften der Stiefmutter Ilonas drehen sollte. Die Dame war offenbar recht umtriebig im Milieu und scheint auch über ihren Tod hinaus zu wirken. Leider ist manch Dialog nicht sonderlich gut zu verstehen, da der Ton mitunter arg verhallt oder auch vernuschelt ist. Apropos: Eine Art Lauschangriff startet auch Schimanski, der einen Frauen-CB-Funk abhört, jedoch schnell enttarnt wird. Immerhin darf er sich bei der Verfolgung eines Verbrechers einem coolen Autostunt hingeben.

Thanner hingegen fällt rücklings mit der Tür in eine Wohnung, landet aber bäuchlings auf einer Prostituierten – dieser Anschlussfehler ruiniert diesen Gag. Besser gelungen sind da die Tumulte auf der Wache, als gleich mehrere Huren auf einen Verdächtigen einprügeln. Thanner, noch immer der reinste Stinkstiefel, der in einer Art Sinnkrise zu stecken scheint, reicht es daraufhin: Er macht sich in einer Wutrede Luft – eine großartige Feik-Szene und einer der Höhepunkte dieser Episode.

Ein weiteres Todesopfer pflastert den weg zum Finale, das in seiner Ambivalenz perfekt zu diesem „Tatort“ passt: Alle noch lebenden wichtigen Figuren finden zusammen und erklären sich nach Vorbild von Agatha-Christie-Verfilmungen, doch die Wendung hin zu einer Familientragödie, die überraschenderweise Rolf Vogtlaender keinesfalls entlastet, ist nicht von schlechten Eltern. Davor lieferte der mit Vogelperspektiven, einigen schönen Noir-Bildern, netter, jazziger musikalischer Untermalung ein paar dramatisierenden Zeitlupen angereicherte „Einzelhaft“ jedoch leider nur relativ uninspirierte Durchschnittskost, die bisweilen schluderig inszeniert wurde und in Bezug auf wiederkehrende Figuren zu wenig Sorgfalt walten ließ. Schon noch ein solider ‘80er-TV-Krimi, aber der bisherige Tiefpunkt der Herren Schimanski und Thanner (was keinesfalls an den schauspielerischen Leistungen liegt).

Tragisch: Während der Dreharbeiten erlitt Eberhard Feik einen Herzinfarkt und musste sich einen Bypass legen lassen. Von einem weiteren Infarkt 1994 erholte er sich leider nicht mehr. Franz Boehm verstarb gar nur ein knappes Jahr nach Ausstrahlung dieses „Tatorts“, der offenbar unter keinem guten Stern stand…

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