Review

Es beginnt mit traumartigen Rückschau-Sequenzen und die suggestiven Bilder fangen den Zuschauer sofort ein. Diese dramatischen Bilder und die daran anschließende zauberhafte und zugleich brachiale Bildsprache der Naturaufnahmen Neukaledoniens signalisieren keine einfache Filmkost. Dieser Eindruck wird sich mehr als bestätigen. Getragen von einem sehr durchgängig immer wieder hypnotisch wummernden Soundtrack, erleben wir eine unglaubliche packende Mischung aus Geiseldrama, Polit- und Militär-Thriller die noch lange nachwirkt, und in Bezug auf unsere westliche (Ex-) Kolonialpolitik nachdenklich macht. REBELLION ist für mich bisher die überraschendste deutsche Veröffentlichung des noch jungen Filmjahres 2013.

Es ist die authentische Story (OHNE SPOILER!) des Chefverhändlungsführers Philippe (Mathieu Kassovitz) der 1988 im französischen Stützpunkt in Neukaledonien versucht, zwischen geiselnehmenden "Rebellen“ und dem Militär/der franz. Regierung zu vermitteln. Es schafft es, ein Vertrauensverhältnis zu den Aufständigen aufzubauen, doch die anstehenden Präsidentschaftswahlen zwischen Mitterand und Chirac in Frankreich beeinflussen die Entscheidungen vor Ort….Der unpassende deutsche Titel REBELLION trifft in mehreren Belangen nicht den feinsinnigeren Originaltitel L’ORDRE ET LA MORALE (in etwa vereinfachend: Befehl und Moral), da es sich im engeren Sinne überhaupt nicht um eine Rebellion handelt.

Ich schaffe es kaum die emotional aufwühlenden Bilder von REBELLION hier in adäquate Worte zu fassen. Es ist ein Polit-Thriller bei dem die Handlung nicht am schicken New Yorker Büroschreibtisch stattfindet, sondern hart, unerbittlich und ungefiltert im Neukaledonischen Dschungel. Ohne für mich deutlich fühlbare Klischees, versteht es der Film hervorragend, die nach außen sehr unerbittlich und unmenschlich wirkenden Mechanismen und Verstrickungen zwischen Militär, Diplomatie und Politik zu transportieren.

Gleichzeitig werden die historischen Ereignisse angeprangert und als Europäer – und sicher noch mehr als französischer Staatsbürger – wird man durch ein starkes Gefühl der eigenen Verantwortung für den Imperialismus und begleitenden Kolonialismus - auch sonstwo in der Welt - eingeholt. REBELLION fordert auf Stellung zu bekennen. Man kann den Ereignissen nur schwer neutral gegenübertreten. Aufgrund dieser starken erzählerischen und dramaturgischen Komponente des Films empfände ich das kritisieren ggfs. vorhandener formaler filmischer Mängel als nicht angemessen.

Ich konnte auch keine wirklich groben feststellen. Hauptdarsteller Mathieu Kassovitz, bekannt als Darsteller vieler guter Filme der letzten Jahre, der als Philippe eine intensive Performance abliefert und dem die Doppelbelastung als Regisseur (!) nicht anzumerken ist, hat mit REBELLION sein Regie-Meisterwerk (ja, hier möchte ich dieses Unwort verwenden) abgeliefert. Es steht weit über seinen bisherigen Arbeiten wie u.a. BABYLON A.D, GOTHIKA und DIE PURPURNEN FLÜSSE, wobei letzterer auch schon beeindruckend war. Die Szenen im dichten Grün der Pflanzenwelt werden von der Kamera in atemberaubender und hypnotischer Weise eingefangen.

Eine zentrale Kampfszene des Films wird uns - über gefühlt viele Minuten - in so direkter und ungeschönter Weise und mit unglaublicher Dramatik ausgebreitet, man vergisst dabei fast zu atmen. Sound, Kamera, die Bildausschnitte und die Darsteller harmonieren dabei in einer Einheit wie man es selten erlebt hat und sind so intensiv, wie ich dies vielleicht noch einem APOCALPYSE NOW bescheinigen könnte, ohne natürlich mit dessen großer Pose und Budget gleichziehen zu wollen und zu müssen.

Man könnte noch sehr viel über diesen so gelungenen Film erzählen, doch ich hoffe meine Begeisterung ist auch so spürbar. Der authentisch-historische Kontext des Ereignisse, welcher nur rund 25 Jahre her ist, verstärkt die emotionale Komponente ungemein. Sprachlos aufgrund der starken Bilder erhöhen diese Dramatik noch die abschließenden Bildtafeln im Abspann. Man erfährt u.a., dass es 2014 in Neukaledonien ein Referendum über dessen Unabhängigkeit geben wird. Man kann nur hoffen, dass damit von und für die Bewohner nachhaltig richtige und lebenssituationsverbesserte Entscheidungen getroffen werden.

8/10 Punkten

Details
Ähnliche Filme