„Ich kann dich ja mal in die Geheimnisse der freien Marktwirtschaft einweihen!“
Der bereits siebzehnte „Tatort“ der Duisburger Kripo-Beamten um Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) – der erste nach dem zweiten Kino-„Tatort“ „Zabou“ – war Regisseur Pete Ariels vierter Beitrag zur öffentlich-rechtliche Krimireihe, zugleich sein Debüt in Duisburg. Insgesamt brachte er es bis ins Jahr 2000 auf neun Regiearbeiten für den „Tatort“. Das Drehbuch stammt von den bewährten Autoren Felix Huby und Hartmut Grund. Im Juni 1987 wurde „Spielverderber“ erstausgestrahlt, dessen Titel sich auf ein am Rande vorkommendes, jedoch zu doppeldeutigen Dialogen einladendes Backgammon-Spiel bezieht.
„Aus dir wird doch noch mal ‘n Kriminalist…“
Die Prostituierte Ulla, genannt „Die Gräfin“, wird ermordet aufgefunden. Kommissar Schimanskis Informant Mottenpaule (Erich Will, „Fabian“) meint von einem Erpressungsversuch Ullas gegenüber einem ihrer Freier zu wissen und verweist ihn an den Zuhälter und Nachtclubbetreiber Luden-Toni (Guntbert Warns, „Versteckt“), der jedoch, von Schimanski mit Ullas Tod konfrontiert, von nichts Dergleichen wissen will. Ullas Wohnung wurde durchwühlt, auf ihrem Anrufbeantworter findet sich jedoch die Nachricht eines Herrn Grüber (Lutz Reichert, Stoever/Brockmöller-Hamburg-„Tatort“), einem Import-Export-Händler. Der BKA-Ermittler Tumler (Wolfgang Wahl, „Schwarzwaldklinik“) aus Wiesbaden ist nach Duisburg gereist und ermittelt im illegalen Waffenhandel, weshalb Schimanski ihn bei Grüber antrifft. An eine Verbindung zwischen dem Mordfall und Waffengeschäften glaubt Tumler jedoch nicht. Nachdem auch Mottenpaule ermordet wurde (er plauderte zu viel…), knöpft sich Schimanski noch einmal Toni vor, bei dem er schließlich die Tatwaffe findet. Doch welches Motiv sollte Toni haben, mit Ulla sein „bestes Pferd im Stall“ zu töten?
„Ich glaub‘, ich steh‘ im Alkohol…“
Bei Informant Mottenpaule gibt’s erst mal ‘nen Schuss Schnaps in den Frühstückskaffee, Schimmi kann seine Sympathie für diesen abgerissenen Typen kaum verbergen – womit auch dieser Duisburger „Tatort“ einmal mehr sein Herz für Unterschicht und Prekariat beweist. Schimanski ermittelt mal wieder im Rotlichtmilieu, wo man ihn auch als Kunden kennt, schließlich schuf „die Gräfin“ für Luden-Toni an. Vom Auftauchen des BKA-Kollegen Tumler ist Königsberg (Ulrich Matschoss) genervt, fürs Publikum hingegen ist es ein Glücksfall: Wie man ihm das Polizeirevier vorstellt, wie man Tumlers Perspektive auf die eigentlich vertrauten Figuren einnimmt – das ist mit viel Humor gespickt. Besonders interessant zu beobachten ist es, wie sich die Chemie zwischen Schimanski und Tumler entwickelt, zumal dies im weiteren Verlauf des Falls (oder der Fälle?) auch von gewisser Bedeutung sein wird.
„Hast du ein paar Leute erledigen können?“
So wenig Tumler an eine Verbindung von Prostituiertenmord und Waffenschmuggel glaubt, so existent ist diese natürlich – einen entsprechenden Wissensvorsprung gewährt den Zuschauerinnen und Zuschauern bereits der Prolog. Doch Schimmi lässt sich zwischenzeitlich Honig um den Schnäuzer schmieren, als Tumler ihn gen Wiesbaden abzuwerben versucht. Zwischen Randale bei Toni, einem Kooperationsangebot eines vermeintlichen Zuhälterkollegen (Heinz Wanitschek, „Treffer“) Tonis, der dessen Nachfolge antreten will, und Bussibussi bei der divenhaften Musikbarbesitzerin Jenny (Jenny Evans, „Twin Town - Pretty Shitty City“), die auch selbst zum Mikro greift, liefert sich Schimmi spitzzüngige Dialoge mit Thanner und Hänschen (Chiem van Houweninge), die wiederum beinahe romantisch miteinander zu Abend essen. Als Hänschen mundharmonikaspielend auf einem Mauervorsprung sitzt, während Schimmi und Thanner observieren, bekommt Duisburg regelrecht Western-Atmosphäre.
„Du gehst zu viel ins Kino, Toni!“
„Spielverderber“ verfügt über eine ganze Reihe bemerkenswerter Einzelszenen und verspielter Details, wie zum Beispiel den Zauberwürfel und die Bogart-Hommage in Form eines Wandplakats. Und nicht jeder ist der, der er zu sein vorgibt, oder so sympathisch, wie er zunächst scheint. Diesmal scheint Thanner das Spiel zu durchschauen und Schimanski etwas naiv – oder zu sehr gebauchpinselt. Im letzten Drittel lässt man es sich nichtsdestotrotz nicht nehmen, einige Actionszenen und Stunts sowie schöne Nachtszenen mit ihren fast schon typischen Neo-Noir-Anleihen unterzubringen. Problematisch sind hingegen die Folterungen Tonis durch Schimanski, der damit verzweifelt und wutentbrannt voranzukommen versucht. Dafür übt das desillusionierende Ende angebrachte Kritik an Polizeibehördenstrukturen und Politik. Thanner zählt mit, wie oft Schimanski „Scheiße“ sagt, ein vergnüglicher Seitenhieb auf konservative Mediensittenwächter, die mit Schimanskis unbehauener Art im Fernsehen nie warmgeworden sind. Das niederländische Pop-Produzenten-Duo Bolland & Bolland schmettert mit „Tears of Ice“ einen kleinen Synthiehit und sorgt neben Jenny Evans, die auch im echten Leben Besitzerin der Musikbar „Jenny’s Place“, allerdings in München, war, für die musikalische Untermalung dieses doch ziemlich unterhaltsamen und gut gemachten „Tatorts“, der dramaturgisch lediglich bisweilen damit irritiert, seine actionarmen Spannungsszenen nicht mit entsprechender Musik zu unterlegen, wodurch leicht erhöhte Konzentration des Publikums abverlangt wird. Schimmi als Folterknecht ist pfui, ansonsten aber punktet „Spielverderber“ derart häufig, dass er sich mit 7,5 von 10 gewonnenen Backgammon-Partien in die Highscores eintragen kann.
Kurios: 2015 wurde ein weiterer „Tatort“ mit demselben Titel, aber ohne inhaltlichen Bezug ausgestrahlt. Wer hat da in der Redaktion gepennt?