Der deutsche Regisseur Dominik Graf trug bis dato vier Epsioden zur öffentlich-rechtlichen „Tatort“-TV-Krimireihe bei. Für seinen ersten „Tatort“ konnte er mit Götz George in seiner Paraderolle als Kommissar Schimanski zusammenarbeiten, der seinerzeit half, etwas mehr Dreck und Schnoddrigkeit einzubringen – wohlgemerkt auf Ermittlerseite. Das populärste Elaborat ihrer Zusammenarbeit, „Die Katze“, war noch nicht gedreht, als „Schwarzes Wochenende“ mit zwei Jahren Verspätung 1986 als dreizehnter Fall des Ermittlerduos Schimanski/Thanner (Eberhard Feik) über die Mattscheiben flimmerte – ein aus dem „Tatort“-Allerlei herausragender Kriminalfilm, um dessen Drehbuch Graf und Co-Autor Bernd Schwamm kämpfen mussten und der bereits 1984 abgedreht war, in den Archiven des WDR jedoch erst reifen musste…
Schimanski liegt verkatert in der Koje, weil er mittels Alkohol versucht hatte, die schrecklichen Bilder des Vortags zu vergessen, die ihn bis in seine Träume verfolgen: Er hatte nicht verhindern können, dass sich ein Täter mittels einer Handgranate selbst richtet. Just in diesem Moment wird unter dem Fenster seines Schlafzimmers ein weiterer Mord verübt: Der Möbelunternehmer Heinrich Hencken wird erschossen. Dessen Sohn Siggi (Jochen Striebeck, „Schwarz-Rot-Gold - Alles in Butter“) verdächtigt den Erzrivalen Heinz Möhlmann (Siegfried Wischnewski, „Der letzte Zeuge“), mit dem die Familie seit frühen Nachkriegszeiten im Clinch liegt, bzw. dessen Filius Hubert (Dieter Pfaff, „Der Dicke“) oder dessen Tochter Reinhild (Barbara Freier, „Neonstadt“), die ausgerechnet mit Siggi Hencken einst ein amouröses Verhältnis pflegte. Ferner eine Rolle spielt Journalist Engelbrecht (Michael Wittenborn, „Drei gegen Drei“), der seit längerem an Möhlmann dran ist und in brisanten Angelegenheiten recherchiert. Und je tiefer Schimanski. Thanner & Co. in den Fall eintauchen, desto mehr Verflechtungen offenbaren sich und desto mehr Figuren erhält das mörderische Spiel, das auch weitere Opfer fordert…
Graf und Schwamm entwickelten eine hochkomplexe Geschichte, die die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers einfordert, sich diese aber auch zu sichern versteht. Dies geschieht durch eine Dramaturgie, die sich erst gar keine Zeit für Durchhänger erlaubt, aber jeder Szene den Raum gibt, den sie zur Entfaltung benötigt. Spannung ergibt sich sowohl aus dem Spiel mit der Erwartungshaltung des Publikums sowie der Verquickung aus Whodunit? und Motiv, denn die Zusammenhänge werden immer komplexer. Ausgehend von einer erbitterten Konkurrenz zweier Möbelunternehmensdynastien gräbt man sich immer tiefer in einen Sumpf aus Niedertracht und abgrundtiefer Feindschaft, die endlich ihre Entladung fand. Damit erzählt „Schwarzes Wochenende“ auch einiges übers Nachkriegsdeutschland, über herrische ehemalige Nazischergen und ihre Rolle in der Gesellschaft, einen Moral- und Sittenverfall, der keiner ist, da nie etwas war, was hätte verfallen können, sowie eine Selbstherrlichkeit, die erst ein Kommissar vom Typ und Schneid eines Schimanskis dem einen oder anderen Delinquenten austreiben muss – was zu einigen der stärksten Szenen des Films führt. Wer am Ende wirklich geschossen hat, ist letztlich dann fast egal, denn die Schuld an einem derartigen jahrzehntelang unter der Oberfläche gebrodelt habenden Zerwürfnis ist längst nicht mehr an einem Individuum festzumachen.
Grafs „Tatort“ spielt tatsächlich lediglich an einem einzigen ereignisreichen Wochenende, was sporadische Datumseinblendungen betonen. Bei allem findet Graf dennoch Zeit, an Schimanskis Profil zu feilen, indem er ihn mit seiner aktuellen Liebschaft streiten und das Thema Körperpflege im Dialog mit dem sich im Auto rasierenden Thanner diskutieren lässt. Dass es schließlich auch akustische Versatzstücke aus Schimanskis vernebelter Erinnerung sind, die zur Aufklärung führen, darf sicherlich als Hinweis auf Grafs Kenntnis des italienischen Giallo-Genres gedeutet werden – man denke beispielsweise an „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“, dessen Protagonist es ähnlich ergeht. Möglicherweise kamen hier auch die Funksprüche, die aus dem Off über den natürlichen Filmton gelegt wurden und später zu einem Markenzeichen Grafs wurden, erstmals zum Einsatz. Ein besonderes Vergnügen sind neben den generell für „Tatort“-Niveau überdurchschnittlichen schauspielerischen Leistungen besonders aus heutiger Sicht die Wiedersehen mit dem viel zu früh verstorbenen Dieter Pfaff sowie der jungen Mariele Millowitsch („Nikola“).
Dass ausgerechnet dieser „Tatort“ zwei Jahre lang vom WDR zurückgehalten wurde, weil man fürchtete, das Publikum abzuschrecken oder zu überfordern, mutet angesichts aktueller experimenteller, häufig bewusst aus der Reihe fallender Beiträge kurios an und ist ein nicht nur fernsehwissenschaftlich interessantes Indiz dafür, welch Beharrlichkeit es seinerzeit erforderte, Qualität und Innovation in Formaten wie diesem durchzusetzen.