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„Wozu diese Eile, meine Herren? Am Tatort ist man immer zu spät.“

Der fünfzehnte Einsatz des Duisburger Kult-„Tatort“-Ermittlungsduos Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik), wie üblich unterstützt von „Hänschen“ (Chiem van Houweninge), wurde kurz vor Jahresende 1986 erstausgestrahlt. Die Regie führte Klaus Emmerich („Die erste Polka“), der damit innerhalb der Reihe debütierte. Es wurde sein erster von bis dato drei „Tatorten“. Das Drehbuch stammte vom Duisburg-erfahrenen Team aus Horst Vocks und Thomas Wittenburg.

„Ich hab‘ dir nie getraut!“

Ein Geldtransporter wurde überfallen. Als Schimanski das Gebiet mit einem Helikopter umkreist, wird er mit schwerem Geschütz, u.a. einer Bazooka, angegriffen. Die Täter können entkommen. Die erste Spur führt zu Schimanskis Jugendfreund Frieder Schoen (Klaus Wennemann, „Der Fahnder“), der sich als kleiner Fisch, als harmloser Schmuggler, geriert. Doch die Kripo misstraut Schoen, nicht zuletzt, da erst kürzlich in dessen Wohnort Düsseldorf ein Geldtransporter auf ähnliche Weise ausgeraubt wurde. Jedoch: Schoen hat ein Alibi, befand er sich doch zum Zeitpunkt des Überfalls ausgerechnet zusammen mit Schimanski in einem niederländischen Bordell. Der als verdeckter Ermittler im Milieu des illegalen Glücksspiels ermittelnde Hänschen gibt Schimmi den Tipp, sich einmal den Taxifahrer Albino (Klaus Kelterborn, „Blue Moon“) vorzuknöpfen, der mutmaßlich den bei den Überfällen verwendeten Störsender gebastelt hat. Dies muss der schließlich eingestehen, es soll sich jedoch lediglich um eine Auftragsarbeit gehandelt haben. Die Ermittlung der Auftraggeber führt zu einer Gruppe von Fälschern antiquarischer Möbel, der auch Schoen angehört. Die Überfälle betreffend beteuert Schoen jedoch weiterhin seine Unschuld…

Der initiale Hubschrauberflug übers Industriegebiet zeigt Duisburg in all seiner „Pracht“, der Bazooka-Angriff sorgt bereits zum Auftakt für ordentlich Action. Die ersten gesprochenen Worte: „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ Ein guter Teil der Handlung definiert Schimmis Beziehung zu Frieder Schoen: Der Kommissar knobelt mit seinem alten Freund auf dem Polizeirevier und scheint ihm etwas schuldig zu sein, nachdem dieser ihn vor etlichen Jahren einmal gedeckt hatte. Dass Schimanski selbst kein Unschuldslamm ist, ist ebenso wenig überraschend wie sein Bordellbesuch mit dem Verdächtigen – im Gegensatz zum Umstand, dass Hänschen Schimanski zusammenschlägt, als dieser ihn bei seinem Inkognito-Einsatz überrascht. Schließlich gilt es, die Tarnung zu wahren! Als schlagkräftiger Pokerspieler in verqualmten Spelunken macht Hänschen eine gute Figur, und auch Thanner findet sich in eher ungewöhnlicher Rolle wieder: Dieser ist in dieser Episode mächtig auf Zinne und haut ständig irgendetwas kaputt.

Die Ermittlungen hindern Schimanski keineswegs daran, privat weiter mit Frieder zu verkehren, in einer Kneipe führt er gar Kunststücke auf und im Stadion schaut man sich gemeinsam einen Fußikick an. Weniger zimperlich geht man mit Albino im Verhör um, die Grenze zur Polizeigewalt wird überschritten. Die Kripo setzt schließlich alles daran, den nächsten mutmaßlichen Überfall zu vereiteln, wobei sie von der Polizeitrachtengruppe amüsanterweise selbst für Kriminelle gehalten wird. Es wird in diesem „Tatort“ also viel gehauen, außerdem viel gebrüllt und sich gegenseitig zu übertölpeln versucht, und in einer meiner Lieblingsszenen macht Thanner gar mit Schimmi Schluss. Doch Fall und Tätersuche bleiben irgendwie schwammig und undurchsichtig – ganz wie Frieder Schoen, insofern also durchaus passend. Dieser ist ein echter Hansdampf in allen Gassen, hängt auch beim Pokern mit drin, in dessen Zuge Hänschen Schimmis Ersparnisse verzockt.

Der gegen Ende sogar kurz in Hamburg spielende „Tatort: Freunde“ präsentiert auch Kriminalrat Königsberg (Ulrich Matschoss) in einer größeren Rolle – gottlob, denn Schimmi stellt sich bisweilen auch wirklich etwas dämlich an. Der spannende und wendungsreiche Fall kommt schließlich zu einem fast schon melodramatischen Ende, wenngleich mehr als die eigentlichen Verbrechen Schimanskis Beziehung zu Schoen im Vordergrund steht. Wennemann rief für seine ambivalente, zwielichtige und wandlungsreiche Rolle viele Facetten seines Könnens ab und schuf so eine bis zum Schluss faszinierend ungreifbare Figur. Ex-Can-Musiker Irmin Schmidt unterlegte diesen „Tatort“ unter anderem mit schönen jazzigen Saxofonklängen, allen in allem eine runde Sache. Aber: Aus dem Motiv möglicherweise auf die andere Seite des Gesetzes überlaufender Polizeibeamter – Hänschen beim Glücksspiel, Schimanski in Komplizenschaft mit einem alten Kumpel – hätte man mehr herausholen können. So bleibt es nur ein nie dominierender Aspekt von so vielen, die die Autoren hier in die Waagschale geworfen und den „Tatort“ damit reichlich überfrachtet haben, statt sich stärker auf diese spannende Frage nach polizeilicher Integrität und Käuflichkeit zu fokussieren.

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