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„Du denkst auch nur ans Saufen, Schimanski!“

Mit der Episode „Doppelspiel“ konnte die Duisburger „Tatort“-Reihe um die Kommissare Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) ein kleines Jubiläum feiern: Der im Frühjahr 1984 gedrehte und ein knappes Jahr später erstausgestrahlte Fall war ihr zehnter. Die Regie ließ sich Schimanski-Miterfinder Hajo Gies abermals nicht nehmen, das Drehbuch stammte diesmal von Christoph Fromm.

„Wir sind Soldaten der Liebe.“

Jutta Stark wird tot vor ihrem Wohnblock aufgefunden. Die psychisch kranke Frau hatte sich anscheinend in selbstmörderischer Absicht heruntergestürzt, nachdem ihr Mann (Wolf-Dietrich Sprenger, „Kiez – Aufstieg und Fall eines Luden“) sie aus dem Krankenhaus geholt hatte, in dem sie sich nach einem Zusammenbruch hatte behandeln lassen. Zum Zeitpunkt ihres Todes habe Herr Stark einen Termin mit Paul Gassmann (Franz Buchrieser, „Heller Wahn“), einem Sektenguru der „Kirche der Gemeinschaft“, gehabt, die u.a. damit wirbt, Drogensüchtige heilen zu können. Es stellt sich heraus, dass die Starks Angehörige der Sekte waren bzw. sind. Jutta hatte dort ihre Kokainabhängigkeit behandeln lassen, sei jedoch tablettensüchtig geworden. Die Duisburger Kripo schaut sich die radikal antikommunistische Sekte genauer an und befragt Gassmann, der Herrn Starks Alibi nicht bestätigt. Es stellt sich heraus, dass Stark seine Frau zusammen mit der Therapeutin Ann Silenski (Angelika Bartsch, „Eisenhans“), ebenfalls Mitglied der Sekte, gegen den ausdrücklichen Rat des behandelnden Arztes aus dem Krankenhaus geholt hatte. Als die Spurensicherung feststellt, dass Jutta Stark gar nicht selbst gesprungen sein kann, erhärtet sich der Verdacht, es hier mit einem Mordfall zu tun zu haben, bei dem die Sekte eine Rolle spielt…

„Satan hat sie wieder süchtig gemacht…“

Die Sekte präsentiert sich als ebenso „spirituelle“ wie wehrhafte „Religionsgemeinschaft“, trainieren ihre Mitglieder doch fleißig Kampfsport. Ansonsten wirken sie sediert, wie in Trance, beinahe roboterhaft. Ihr wahres Ziel scheint sehr weltlichen Charakters zu sein, mutmaßlich die Unterstützung des bewaffneten Kampfs gegen Nordkorea. Dahinter steckt mindestens ein finanzstarkes Unternehmen, und die politische Ausrichtung dürfte, so mutmaßt man bei der Kripo, der Grund dafür sein, weshalb die Sekte Anerkennung und Unterstützung durch Staaten wie die BRD bekommt. Ihre hirngewaschenen gefügigen Mitglieder hat sie jedenfalls bestens im Griff: Nach seiner Verhaftung stürzt sich Herr Stark spektakulär aus einem Fenster durch ein Glasvordach und flieht verletzt per Kfz, woraus eine schöne Verfolgungsjagd entbrennt – was den Reigen der Actionszenen dieses „Tatorts“ eröffnet.

„Sie sollten mal so richtig auf die Schnauze fallen!“

Schimmi ermittelt tanzend in der Disco „Black Jack“, die ebenfalls mit der Disco verbandelt ist, Thanner und Hänschen (Chiem van Houweninge) durchwühlen derweil Silenskis Praxis und finden eine weitere Spur, die zum Schiff „Linda Horn“ führt. Und während Silenski an der Sekte zu zweifeln beginnt, als sie erkennt, wie sehr sie in Drogenhandel und Waffengeschäfte verstrickt ist, liefern sich Andere tödliche Schießereien mit der Polizei, woraufhin die Kommissare zu Königsberg (Ulrich Matschoss) zum Rapport müssen. Damit ist natürlich nicht Schluss, Schimmi hechtet in den Kofferraum eines fahrenden Busses, eine weitere Schießerei sorgt für akute Lebensgefahr auf allen Seiten und ein inszenatorisch starkes Ende, das die Schizophrenie und Verlogenheit der Sekte noch einmal versinnbildlicht, bringt zumindest diesen Fall zu einem Ende – nachdem Schimanskis Berufsauffassung manch Spießbürger einmal mehr Schnappatmung beschert haben dürfte.

Realer Hintergrund dieser fiktionalen Handlung dürfte die Moon-Sekte, die sich selbst „Vereinigungskirche“ nennt, gewesen sein, die noch immer ihr Unwesen treibt und beschämenderweise tatsächlich (nicht nur) in der BRD als Religionsgemeinschaft anerkannt wurde und dementsprechende Freiheiten genießt. Ob sie, wie natürlich etwas überzeichnet in diesem „Tatort“ dargestellt, ihre Mitglieder erst drogenabhängig macht und sie dann zu heilen vorgibt, um sie zu einer willenlosen Herde zu formen, weiß ich nicht. Die Moon-Sekte jedenfalls ist „exemplarisch für die Instrumentalisierung der Religion für die Durchsetzung politischer Ziele“, wie die baden-württembergische Landesregierung einst zu Protokoll gab.

Die vielen miteinander verwobenen Ereignisse und Personalien dieses „Tatorts“ hätten durchaus einem Mehrteiler zur Ehre gereicht. Relativ konzentriert am Ball zu bleiben erweist sich als sinnvoll, die gelungenen Actionszenen lockern die Komplexität des Falls aber ebenso auf wie die verspielte Kamera des späteren „Stalingrad“-Regisseurs Joseph Vilsmaier, die in Kombination mit David Knopflers Rocksongs „Double Dealing“ und „Heart to Heart“ diesen „Tatort“ auch zu einem audiovisuellen Erlebnis macht (wenn nicht gerade der bisweilen etwas arg verhallte Dialogton dominiert, da wäre etwas Nachjustierung wünschenswert gewesen). Für diese offene Auseinandersetzung mit miesen Sekten und den Gefahren, die von ihnen ausgehen, vergebe ich 7,5 von 10 Ohrfeigen an New-Age-Spinner(innen), Esoterik-Schwubler(innen) und andere weltfremde Naivlinge, zeige Sektengründer Sun Myung Moon und all seinen Kolleginnen und Kollegen den Stinkefinger und sende beste Grüße nach Duisburg.

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