„Ich hasse Fußball!“
Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) zum Achten: Auch für die „Tatort“-Episode „Zweierlei Blut“, bereits im Frühjahr 1983 gedreht und am 22.07.1984 erstausgestrahlt, führte Schimanski-Miterfinder Hajo Gies Regie, das Drehbuch stammte diesmal von Felix Huby und Fred Breinersdorfer.
„Diese Punker, diese Rocker, die gehören doch alle ins Lager!“ (Toleranz im Ruhrpott, Teil 1)
Schimanski besucht das Wedaustadion, um einer Fußballpartie des MSV Duisburg beizuwohnen. Nach Abpfiff und Rangeleien unter den Fans bleibt jedoch einer zurück: Der Italiener Antonio wird mit einer Stichverletzung tot aufgefunden. Dieser war mit der Wäschereibesitzerin Frau Schobert (Brigitte Janner, „Kanakerbraut“) liiert und hatte sich als Platzwart im Stadion etwas dazuverdient. Ihre Söhne Kurt (Reiner Groß) und insbesondere der Thanner gegenüber sehr respektlos auftretende Fiete (Zacharias Preen, „Rosa Roth“) scheinen Antonios Tod nicht sonderlich zu bedauern und bezeichnen ihn als Schmarotzer. Untersuchungen ergeben, dass das Opfer nicht an seiner Stichverletzung starb, sondern durch einen Genickbruch, der mutmaßliche Täter aber ebenfalls eine Stichverletzung davongetragen hat. Kurt weist eine solche Verletzung auf, die ihn dringend tatverdächtig macht. Schimanski und Thanner ermitteln daraufhin in der Fanszene, der auch die Schobert-Söhne angehören. Schimanski schleust sich inkognito in die Clique ein und scheint nach und nach ihr Vertrauen zu gewinnen, doch Anführer Ernst (Dietmar Bär, „Treffer“) bleibt skeptisch. Als Thanner hinzustößt, droht Schimanskis Tarnung aufzufliegen, weshalb er sich gezwungen sieht, Thanner unsanft des Lokals zu verweisen. Dadurch kann jedoch Kurt Schobert entkommen. Thanner und Hänschen (Chiem van Houweninge) verhören schließlich Stadionleiter Ludwig (Gerhard Olschewski, „Eisenhans“), der ebenfalls am Tatort gesehen wurde…
„Rocker, Proleten, Punker, Ausländer, Arbeitslose, all das Gesocks – sollte man gar nicht reinlassen, so was!“ (Toleranz im Ruhrpott, Teil 2)
Thanner, noch immer von seiner ehemaligen Freundin getrenntlebend, hat es sich bei Schimanski häuslich eingerichtet und kümmert sich lieber um seine Schildkröte Eckardt, statt sich auf Wohnungssuche zu begeben – sehr zu Schimmis Leidwesen. Dessen Laune bessert sich jedoch, als er Bella Klein (Despina Pajanou, „Doppelter Einsatz“) vom Erkennungsdienst kennenlernt, die zur begehrten Adressatin von Flirtversuchen sowohl Schimmis als auch Thanners wird. Pajanou überzeugt in ihrer verführerischen Nebenrolle, die die Kontaktanbahnungsversuche der Herren mit Humor nimmt und feststellen muss, dass außer eine großen Klappe nicht viel mehr dahinter ist. Bei Schimanski zu Hause spielt Thanner ansonsten wieder das Hausmütterchen, beide vermitteln zeitweise einmal mehr den Eindruck eines alten Ehepaars – köstlich.
„Ich kenn‘ da ‘n paar gute Kneipen!“ – „Man riecht’s…“ (Kontaktanbahnung im Ruhrpott)
Dietmar Bär in Motörhead-Lederjacke glänzt in einer seiner ersten Fernsehrollen überhaupt als Anführer einer Halbstarken-Clique, die sich auf den MSV eingeschworen hat und gern einen pichelt. Unterschiedlicher als die Clique auf Schimanski und Thanner in der Kneipe kann man wohl kaum reagieren, und diese wunderbar zugleich raubeinige und herzliche Szene ist erst der Auftakt zu Schimanskis verdeckten Ermittlungen, in deren Zuge er den Jungs Unmengen Alkohol ausgeben – und selbst trinken – muss. Doch Ernst ist misstrauisch, sogar schlauer als Schimmi und enttarnt ihn schließlich, nachdem die Clique ihn abgefüllt hat. Vorgesetzter Königsberg (Ulrich Matschoss) liest Schimanski daraufhin nackt und blutend auf dem Anstoßpunkt im Stadion auf. Welch Eskalation, welche Schmach – und welch ein Bild eines „Tatort“-Kommissars!
„Haben Sie schon mal mit Türken gearbeitet?“ – „Nee, mir reichen die Holländer!“ (Völkerverständigung im Ruhrpott)
Das Stadion wird letztlich auch der Ort eines großen Showdowns zwischen drei Parteien sein, was jedoch mit Fußball nichts mehr zu tun hat. Dadurch, dass die Handlung eine Wendung hin zu Themen wie Schwarzarbeit und Erpressung nimmt, bricht dieser „Tatort“ eine Lanze für damals noch wesentlich stärker als heute als asozial verschriene proletarische Fußballfans, die in diesem Ermittlungsfall als Sündenbock und aufgrund ihres schlechten gesellschaftlichen Leumunds einfaches Opfer herhalten sollten – ein sympathisches soziales Anliegen, das der Subtext dieses schwer unterhaltsamen „Tatorts“ vermittelt, gerade auch, weil er die Sub- und Trinkkultur weder in den Himmel lobt noch in Grund und Boden verdammt. Statt eines hippiepädagogischen Sozialarbeiters schickt man hier Schimmi, der kräftig mitsäuft. Jawoll!
„‘n gewissen Humor kann man den Jungs ja nicht absprechen…“ (Sarkasmus im Ruhrpott)
Beachtlich und erstaunlich ist es, wie lässig und unmimosig die Beamten hier sind – kein Vergleich zur heutigen Realität, in dem man Fiete nach seinem Milchtütenwurf vermutlich gleich das SEK auf den Hals gehetzt hätte. Nicht unerwähnt bleiben sollte jedoch das Plädoyer für Videoüberwachung, das diesem Fall ebenfalls innewohnt und angesichts immer weiter ausgebauter Überwachungstechnik nicht auf ungeteilte Zustimmung stoßen dürfte. Zweifelsohne schön ist das Wiedersehen mit Schimanskis ostasiatischer Patentochter, überraschend hingegen der Umstand, dass Duisburger Straßenbahnen damals offenbar über Speisewagen verfügten. Was wurde da serviert? Currywurst? Der Soundtrack stammt übrigens von Spliff, die hier etwas schräg, aber geradezu proggig klingen. Ludwig-Darsteller Olschewski sollte man ein paar Jahre später in einer neuen Rolle als Schimanskis Vorgesetzten Ossmann erneut begegnen – und dass Dietmar Bär im Showdown Schimmis Mantel trägt, war eindeutig ein Omen: schließlich begann er später selbst höchst erfolgreich als Kölner „Tatort“-Kommissar Freddy Schenk zu ermitteln…