Ein gutes Näschen
„Edler Charakter, bisschen frech… fruchtiges Schwänzchen!“
Der siebte, am 25. März 1984 erstausgestrahlte „Tatort“ des Duisburger Ermittlungsduos Horst Schimanski (Götz George) und Christian Thanner (Eberhard Feik) war eine weitere Zusammenarbeit des klassischen Teams: Das Drehbuch stammte von Hänschen-Darsteller Chiem van Houweninge, Regie führte Schimanski-Miterfinder Hajo Gies.
„Die einen gebrauchen ihren Verstand, die anderen ihre Fäuste.“ – „Jemand, der seinen Verstand gebraucht, der sagt so was nicht zu einem, der seine Fäuste gebraucht!“
Der Allgemeinmediziner Dr. Waldorf (Felix von Manteuffel, „Tatort: Maria im Elend“) platzt auf dem Polizeirevier mitten in Schimanskis und Thanner Vernehmungen mutmaßlicher Mitglieder des Drogenkonsumentenmilieus und beschuldigt den Industriellen Harry Baumgarten (Hermann Treusch, „Tatort: Flieder für Jaczek“), wissentlich den Tod eines Mitarbeiters in Kauf genommen zu haben, indem er ihn illegal hochgiftige Abwässer aus seinem Chemiewerk im Rhein verklappen lassen habe. Schimanski und Thanner fühlen sich nicht zuständig und nehmen den Arzt auch nicht sonderlich ernst, doch am nächsten ist ein waschechter Mordfall daraus geworden: Dr. Waldorf wird tot aufgefunden, angeblich Selbstmord – doch die Obduktion ergibt, dass man ihm offenbar das Genick gebrochen hatte und mittels postmortalen Schusswaffengebrauchs einen Suizid vortäuschen wollte. Als Schimanski Dr. Waldorfs Arztpraxis untersucht, lernt er dessen Sprechstundenhilfe Jacky Ruhl (Franziska Oehme, „Immer Ärger mit den Paukern“) kennen. U.a. findet der Ermittler einen Schlüssel zu einem Banktresor, den Frau Ruhl am liebsten nicht ausgehändigt hätte. Im Tresor stößt Schimanski auf ein Dossier über denjenigen, dessen Krebstod Dr. Waldorf im Polizeirevier beklagt und Baumgarten dafür verantwortlich gemacht hatte. Tatsächlich ertappt Schimanski einen Binnenschiffer (Franz Boehm, „Nach Mitternacht“) auf frischer Tat beim Verklappen von Giftmüll. Er gibt zu, in Baumgartens Auftrag zu handeln, doch mit den Vorwürfen konfrontiert gibt sich dieser aalglatt und weist jegliche Schuld von sich…
„Sie sind wahnsinnig, Schimanski!“
Die Eröffnung führt zunächst auf eine falsche Fährte den eigentlichen Inhalt dieses „Tatorts“ betreffend: Schimanski, Thanner & Co. führen eine Razzia in einem besetzten Haus wegen eines drogentoten Transvestiten durch. Ein früher Höhepunkt ist die Verwechslung Thanners eines Tortenboten der lokalen Konditorei mit einem Tatverdächtigen aus der Rauschgiftszene, den er entsprechend behandelt. Die Torte wiederum gilt Königsberg (Ulrich Matschoss), der 58 wird. All dies verliert jedoch schnell an Bedeutung, als Dr. Waldorf tot aufgefunden wird. Von nun an legt dieser „Tatort“ seinen Finger in die Wunde der illegalen Abwasserentsorgung durch die Chemieindustrie, die seinerzeit auch in der Realität den Rhein verseuchte und zur reinsten Chemie-Kloake machten. Ein damals brandaktuelles und brisantes Thema von gesellschaftlicher Relevanz also, das van Houweninge und Gies hier aufgegriffen haben.
So wird die Macht der Industrie mit ihren Kontakten zur Politik und ihrem Totschlagargument der Arbeitsplatzsicherung ebenso thematisiert wie der aus Bequemlichkeit gestiegene Chemiebedarf der Bevölkerung, die größtenteils von den dadurch entstehenden und zu entsorgenden Giftstoffen am liebsten nichts wissen will. Luftaufnahmen zeigen die Chemieanlagen, die das Stadtbild entschieden mitprägen. Famos wird all dies mit einem gut erzählten Fall verknüpft, der sich als vertrackter als zunächst angenommen herausstellt. Baumgarten ist ein herrliches „blasiertes Arschloch“ (Zitat Schimanski) und somit ein perfekter Antipol zu Schimmi. Dieser schmeißt sich zum Essengehen mit Fräulein Ruhl voll in Schale, springt ansonsten aber spektakulär aus einem Hubschrauber auf ein Schiff und haut Thanner beim Boxtraining eine rein. Um den Fall zu lösen, helfen diesmal jedoch weder Actioneinlagen noch Faustkampf – Schimmi muss im wahrsten Sinne des Wortes ein gutes Näschen beweisen. Eine überraschende Wendung gegen Ende gibt diesem „Tatort“ seinen letzten Kniff, während der Soundtrack u.a. der Synthie-Pop-Gruppe Panarama inklusive gelegentlicher Saxophon-Einlagen auch musikalisch perfekt ins Entstehungsjahr entführt.