„Schimanski, du hast wohl lange keine mehr auf die Schnauze gekriegt!“
Der sechste Fall des Duisburger Kripo-Duos Schimanski (Götz George) und Thanner (Eberhard Feik) wurde am 04.04.1983 erstausgestrahlt und stammt von Regisseur Peter Adam, der zuvor bereits den vierten Duisburger „Tatort: Das Mädchen auf der Treppe“ inszeniert hatte und 1980 mit „Der Zeuge“ für die Krimireihe debütiert hatte. Für Adam sollten noch vier weitere „Tatort“-Episoden folgen. Das Drehbuch verfasste er zusammen mit Horst Vocks und Thomas Wittenburg.
„Ich warte auf den Tag, an dem die Vögel tot vom Himmel fallen!“
Virks, ein Mitarbeiter des Privatdetektivs Heinz Scholl (Will Danin, „Deep End“), wird ermordet aufgefunden. Erste Ermittlungen ergeben, dass Scholl und Virks sich mit zwei Diebstählen beschäftigten – dabei scheinen sie auf brisante Informationen gestoßen zu sein. Doch Scholl ist untergetaucht und weder die mit Virks in Kontakt gestanden habende Miriam Schultheiß (Sunnyi Melles, „Wer spinnt denn da, Herr Doktor?“) noch ihr Vater (Paul Albert Krumm, „Jonathan“), ein vermögender Industrieller, sind eine große Hilfe. Immerhin kann Schimanski in Erfahrung bringen, dass Miriams Mutter vor 20 Jahren einen tödlichen Verkehrsunfall erlitten haben soll, nachdem sie zuvor einen Spieler erstach. Schultheiß ehelichte danach seine Geliebte, weshalb Miriam seither nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Offenbar hatte sie Virks mit Nachforschungen in dieser Angelegenheit betraut. Wer hat so viel zu verbergen, dass er bereit ist, Virks umzubringen?
Der „Tatort“ beginnt humorvoll, denn nachdem Thanner von seiner Freundin Sylvia vor die Tür gesetzt wurde, wohnt er bei Schimanski, schmeißt den Haushalt und geriert sich immer mehr wie eine Ehefrau. Geht jedoch sein Liebeskummer mit ihm durch, betrinkt er sich. Sylvia scheint etwas mit einem Surflehrer angefangen zu haben, den man jedoch nicht zu Gesicht bekommt – im Gegensatz zur Wunde, die er Thanner offenbar im Zuge einer nonverbalen Auseinandersetzung zugefügt hat. Eine tragikomische Rahmenhandlung, in der nun Thanner den emotionalen Part übernimmt. Dadurch braucht George hier nicht mehr den Krawallero mimen, sondern bekommt verstärkt die Möglichkeit, seiner Rolle differenziertere Facetten zu verleihen, was er mit Bravour meistert.
Die Kriminal- bzw. Ermittlungshandlung liefert eine reichlich undurchsichtige und fintenreiche Geschichte, die in mühsamer Polizeiarbeit entwirrt wird und damit zunächst einmal relativ glaubwürdig erscheint. Durch den komplett fehlenden Bezug des Publikums zum Opfer und dessen Umfeld hält sich die Spannung jedoch lange Zeit sehr in Grenzen. Erschwerend hinzu kommt, dass die titelgebende Miriam Schultheiß eisig unterkühlt von Sunnyi Melles gespielt wird, einer richtigen, etwas an die 1920er-Jahre erinnernden Filmschönheit, die die Unnahbarkeit ihrer Rolle perfekt verkörpert. Hat sich erst einmal herausgestellt, dass am Tode Miriams Mutter etwas faul zu sein scheint, gewinnt diese Episode an Spannung, bleibt jedoch ungewöhnlich ruhig erzählt. Umso effektiver wirkt es dafür, wenn es Scholl plötzlich an den Kragen geht und es zum Schusswaffeneinsatz kommt. Ein paar kleinere Autostunts hat man auch untergebracht und leitet schließlich eine Wendung ein, die die Ereignisse auf den Kopf stellt. Die Geduld wird also belohnt.
In schöner urbaner Atmosphäre voller zeitgenössischer Filialketten und Reklame, befeuert auch durch die nach „Das Mädchen auf der Treppe“ erneute Verpflichtung der visionären Synthie-Progger Tangerine Dream (ihr insgesamt dritter „Tatort“, zu dem sie die Musik beisteuerten), erhält man außerdem Einblicke in die Versicherungsbranche, erlebt einen kooperativen Kripokollegen Dr. Born (Christoph Hofrichter), darf über Schimmi beim Anstecken einer Roth Händle (ohne Filter!) schmunzeln – und fassungslos einmal mehr bestätigt sehen, wie die Oberschicht das einfache Volk nicht nur mit Füßen tritt, sondern auch über Leichen geht und dabei nicht einmal Rücksicht auf die eigene Familie nimmt, wenn es gilt, einen persönlichen Vorteil zu erzielen. So gibt es dann auch kein Happy End, wenngleich der Fall gelöst wird. Dazu passt die Gefühlskälte dieses „Tatorts“, die nicht nur auf Seiten der Kriminellen zu finden ist, ganz hervorragend.
Bedächtig, aber fortwährend entwickelt dieser „Tatort“ seinen Anspruch und spielt seine Qualitäten aus, die erneut gerade auch in klugen gesellschaftlichen Beobachtungen und einem sozialen Gewissen zu finden sind. Trivium zum Schluss: Schultheiß-Schauspieler Paul Albert Krumm spielte bereits im allersten „Tatort: Taxi nach Leipzig“ mit!