"The life is short
I'm running faster all the time."
Killing Joke - Love Like Blood
D.O.A. könnte man mit düster.originell.atemlos übersetzen, während "Dead on Arrival" für den geneigten Filmfreund erst einmal nach "film noir" klingt.
Formal liegt man damit zwar richtig: Der Thriller wird von Innenaufnahmen dominiert, wenn man sich dann doch vor die Tür traut, ist es bereits Nacht geworden. Doch der temporeiche Film wurde viel rauher und direkter inszeniert als viele seiner schwarzen Genrekollegen.
Die Hauptfigur Frank Bigelow geistert nicht durch schwarzweiße Bildgemälde sondern ist permanent in Bewegung. Seine Aussage auf der Polizeistation, daß er tödlich vergiftet worden ist, sind die ersten Worte des Films und zugleich Franks letzte. Der großartige Startschuß für einen grandiosen Wettlauf mit der Zeit ist gefallen, der sich in der nun folgenden Rückblende entwickelt.
Wenn D.O.A. leider nicht die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil wird, liegt dies sicherlich daran, daß er sehr minimal und schlicht umgesetzt wurde. Es stimmt, daß er manchmal eher nach einer Fernseh- als einer Kinoproduktion aussieht. Dies ist hier aber ausnahmsweise kein Nachteil. Frank ist auf der Suche nach dem unbekannten Mörder, der ihn wegen der Mitwisserschaft eines kriminellen Deals aus der Welt schaffen will, und sucht deswegen eine ganze Reihe von zwielichtigen Gestalten auf, um sie zur Rede zu stellen. Diese Begegnungen werden eigentlich immer identisch inszeniert: Er betritt einen Raum, um diesen anschließend mit noch größerer Verwirrung und Verzweiflung wieder zu verlassen, also so wie man es von einer Theateraufführung kennt: enter Frank Bigelow, exit Frank Bigelow.
Was möglicherweise für manchem zurecht nach einem geringen Budget aussieht, entpuppt sich als formaler Glücksgriff: Konsequenterweise befindet Frank sich trotz allem inneren Aufbäumen äußerlich in einer absurden Situtation der Ausweglosigkeit und der Zuschauer wird in andauernder Spannung gehalten. Viele dieser Szenen sind zugleich unnachahmlich und dezent komisch geworden, ohne daß man dazu lapidare oneliner bemühen müßte: also die Art, geistreich witzig zu sein, die man sie auch bei den Coens wiederfindet.
Filmwissenschaftler deuten D.O.A. gerne als (symbolische) Strafe für Ehebruch: Frank macht sich am Anfang der Handlung aus dem Staub, um in San Francisco Spaß zu haben und läßt seine Geliebte Paula dafür lieber zu Hause. Auch wenn es auf der Handlungsebene dazu keine unmittelbare Verbindung gibt, erscheint seine Vergiftung dennoch als gerechte Strafe für seine vermeintliche Untreue.
Es wäre sinnlos, diese Lesart abzustreiten, meiner Meinung nach ist jedoch das Gegenteil der Fall. Denn, wenn D.O.A sich an eine Regel des film noir hält, dann ist es diese: Achte und liebe deine Hauptfigur, egal ob sie ein Verbrechen begangen hat oder nicht, wenn sie schon eine Ehebrecherin ist, dann laß sie jedenfalls intelligent, liebenswert und sexy sein, und auch wenn sie wie hier so komplett durchschnittlich aussieht wie Frank Bigelow (und seine Verkörperung Edmond O'Brien) und dies zu allem Überfluß sein Leben lang auch gewesen ist!
Er habe doch nur Verträge beglaubigt! bemerkt Frank gegenüber seiner Geliebten Paula und bringt in diesem Satz wundervoll auf den Punkt, was "Opfer der Unterwelt" genauso erzählt: Wie man ein unerfülltes Leben führt, und dies zu spät realisiert. Denn D.O.A. funktioniert nicht nur als raffinierter, dichter Kriminalfilm sondern auch als unaufdringliche Meditation über eines der schwierigsten Filmthemen, das man sich denken kann: Was macht man, wenn man weiß, daß man nur noch einen Tag zu leben hat?
Und hier entwickelt der Film seine tragische Größe, indem er gnädig seinen Glanz auf eines der unscheinbarsten Paare der Filmgeschichte wirft und eine hemmunglose Liebe zur Romantik enthüllt, die mich komplett kapitulieren läßt: Paula, nichts ahnend von Franks nahendem Tod, möchte sich eine Dauerwelle machen lassen, um ihm zu gefallen, leider kann man die Tiefe von "Dauerwelle" ("permanent") nicht übersetzen. Und Franks Bemerkung, als er bereits todgeweiht ist, und Paula zum letzten Mal sieht, ("Oh, du trägst ein neues Kleid!"), ist so entwaffnend unprätentios und ehrlich, so unendlich viel mehr "Film" und mehr "Liebe" als alles, was an "Liebesfilmen" in den letzten Jahrzehnten aus Hollywood kam.
Jedem, der dem Rätsel auf die Spur kommen möchte, warum die Zeit des Film Noir gerne als das goldene Zeitalter des Films bezeichnet wird und bisher nur an leicht angestaubte Ikonen wie Humphrey Bogart geraten ist, sei D.O.A als erste Fährte empfohlen.