Review

Liest man die Prämisse zu "Ein riskanter Plan", so klingt das Konzept eigentlich recht reizvoll.
Liest man eine Inhaltsangabe - nach Möglichkeit spoilerfrei - dann haben wir eine hübsche Mischung aus Heist-Movie und Gegen-die-Zeit-Thriller, in der ein Subjekt seine Unschuld und Integrität wieder herstellen muß.
Sieht man den ganzen Film, muß man sicherheitshalber dann doch die Hose festhalten.

"Man on a Ledge" hat anfangs so ziemlich alles, was einen dichten, hintergründigen Thriller mit einigen Twists so ausmachen sollte: eine griffige Ausgangssituation, eine dramatische Backstory und eine Geschichte, die sich nach und nach immer mehr in die Tiefe entwickelt.
Nick Cassidy, der besagte Mauervorsprungssteher im 21.Stock eines New Yorker Hotels scheint erst normal lebensmüde, dann informiert uns der unvermeidbare Rückblick darüber, daß er mal Polizist war, daß er 25 Jahre absitzen soll und daß er dann bei der Beerdigung seines Vaters entflieht, noch dazu unter Einsatz seines Lebens.
Doch damit sind die Rahmenbedingungen nur scheinbar gesetzt, denn schon in dieser Rückblende sind die ersten Twists versteckt, täuscht der Film von Asger Leth auf Teufel komm raus vor. Oder verschweigt noch wichtige Details.
Die ergeben sich erst nach und nach, wenn während dieser beängstigenden Aktion, die auf der Straße erst Hunderte Schaulustige und dann diverse Teams der Polizei sich versammeln läßt, gleichzeitig sein Bruder und dessen Freundin in das Gebäude nebenan einbrechen, um den Beweis für Nicks Unschuld zu bergen, bzw. den Gegenstand seiner angeblichen Schuld überhaupt zum ersten Mal zu klauen, denn Nick ist von dem raffinierten Geschäftsmann Englander reingelegt worden, der eine nette Versicherungssumme kassieren wollte, um seine Verluste aus der Wirtschaftskrise zu decken - Lehman Brothers, dieser Film ist euch gewidmet.

Natürlich war es das noch nicht, Twist und Turns fordern die ungeteilte Aufmerksamkeit über den ganzen Film, der auch noch eine Polizeipsychologin, einen Cop-Kollegen, die interne Ermittlung und einige korrupte Uniformträger mit hinein vermengt. Und natürlich läuft nicht immer alles so, wie sich das ein Superhirn zuvor zurecht gelegt hat.
Es klingt wie eine sichere Sache, das ewige Rennen gegen die Zeit, gegen eine unbekannte Bedrohung, die vorzeitige Entdeckung der echten Identität Cassidys und parallel dazu der überkomplizierte Einbruch in ein hochklassig gesichertes Bürogebäude samt Tresoraufbruch der Marke Panzerknacker 5000!

Jedoch...ich will es mal so sagen: sofern man ein solider Actionfan ist, der auf Adrenalin und Spannung steht, aber sich einen flotten Scheiß um Logik, erzählerische Löcher, halbwegs nachvollziehbare Machbarkeit und unglaubliche Zufälle schert, hat man vermutlich einen echt coolen Film gesehen, bei dem für jeden "Mann" was dabei sein sollte.
Wer nicht ganz so stählern daherkommt, rollt vermutlich ab der Filmmitte schon schmerzerfüllt über die Auslegeware oder lehnt sich mit einem entspannten "Ja nee, is klar..." zum vierten Bier ganz weit zurück.

"Ein riskanter Plan" pusht zwar schön konstant den Druck, den man aus dem Plot destillieren kann, konstruiert daraus aber logische Bombentrichter von enormer Größe. Den ultra-aufwändigen Plan etwa, in das supergesicherte Gebäude einzudringen, hat sich etwa wer ausgedacht? Der relativ normale Cop im Knast, den Sam Worthington mit angenehmer Zurückhaltung gibt. Sein etwas schusseliger Bruder, den Jamie Bell mit Ecken, Kanten und leichter Schusseligkeit mimt oder die Mops-Granate Angie, von der wir Männer zwar als Latina träumen, aber nicht glauben, daß sie a) die ganzen Schritte des Einbruchs durchziehen kann und b) ausgerechnet mit dem mager-spitzmäusigen Bell in die Kiste geht.
Wie man überhaupt an die Sicherheitsdetails des Gebäudes gekommen ist, ist genauso unklar wie die Übermittlung der Einbruchplanungen in wohl absoluter Rekordzeit.

Und wer das noch unter "vertretbar" ablegt, daß zwei handwerklich mittelprächtig begabte Laien sich aufführen wie Oceans' 15, der darf dann im letzten Drittel die unzähligen putzigen Zufälle genießen, die es überhaupt möglich mache, daß bei Pleiten, Pech und Pannen am Ende doch die Bösen ihr Fett wegkriegen. Dazu muß etwa der knallharte Bösewicht zwangsläufig ein Beweisstück aus dem absolut sicheren Tresor nehmen und in die Tasche stecken. Dazu müssen SWAT-Teams auf einfachen Zuruf einer angeblichen Bombe sofort alle lammfromm einen finalen Rettungsschußbefehl nachgeben. Da arbeiten sich zum Showdown die korrupten Cops mit einer Brachialität sondergleichen durch das aufgeschreckte Hotel, um wenig schlüssige Anweisungen zu geben, die auch ein Kindergartenkind durchschauen könnte und machen sich nicht verdächtig, sondern belasten sich gleich selbst.
Und wenn der Balanceakt samt Höhenangst dann endlich zu Lasten des Plots zu gehen beginnt, zaubern wir daraus im alten Actionland einfach mal eine Tarzannummer, bei der Gleichgewicht und Wind einfach mal keine Rolle spielen, weil sie es nicht dürfen.

Wem es gefällt, der darf sich einem munteren Hin und Her erfreuen, bei dem das Glück ständig die Seiten wechselt und die Begradigung der Vorgänge immer unwahrscheinlicher ausfällt, bis schlußendlich...naja, was könnte denn ein passender Abschluß für so einen Film sein, in dem ein Mann auf einem Sims steht?

Aber um es wirklich zu glauben - das es tatsächlich so in ein Drehbuch geschrieben wurde - muß man es selbst sehen und die Herden polternd und fasziniert vor sich hin lachender Männer im Kinosaal, die nicht eben wegen der erzählerischen Qualitäten im Saal waren, sondern wegen Knarren, Autojagden und den Hupen von Genesis Rodriguez im hautengen Lederanzug, zeugen davon, daß die Ansprüche eben doch sehr weiträumig gestreut sind.
Tatsächlich macht der Film Druck und das macht Spaß und wer den Käse nicht glaubt, kann sich immer noch an den immer größeren Unwahrscheinlichkeiten erfreuen, die das alles jede dritte Filmminute noch etwas absurder machen.
Pablo Fenjves, der diesen irre hochgebackenen Käsekuchen im Alleingang geschreibselt hat, ist zuvor nur durch mäßige TV-Filme aufgefallen und wollte mit dieser Wunderkerze mal so richtig auf die Kacke hauen und das ist ihm auch gelungen, vor allem weil er eine Produktionsfirma gefunden hat, die das allen Ernstes auch inszeniert.

Wer auf Thriller mit etwas Action steht, der sondert vermutlich auch sieben Punkte hierfür ab, ich treff mich lieber in der goldenen Mitte, weil das Amüsement zwar groß geschrieben wird, aber irgendwann außer Kopfschütteln im Falle versehentlichen Nachdenkens nichts mehr bleibt.
John McClanes Erbe dürfte nach so einem Film jedenfalls noch nicht verteilt sein, zwischen übertrieben und absurd besteht immer noch ein Unterschied. Mit Bier 5/10!

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