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Eine Karriere über mehrere Jahrzehnte: J. Edgar Hoover, der berühmte Gründer und für mehrere Dekaden Leiter des amerikanischen FBI, ist die zentrale Figur in dieser Filmbiografie von Clint Eastwood, die den Werdegang Hoovers von jungen Jahren Anfang der 1920er-Jahre bis zu seinem Tod begleitet - und dabei weder Krisen, Erfolge, Rückschläge, Neurosen noch strittige Punkte verschweigt.

Nach Eastwoods Kriegs-Epen „Flags of our Fathers" und „Letters from Iwo Jima" widmete sich der Alt-Regisseur erneut einem historischen Setting, das die Gesellschaft der USA seinerzeit stark bewegte. Die wilden Gründerjahre des FBI mit kommunistischen und anarchistischen Gewaltaktionen, harten Zuständigkeitsstreitereien und brutalen Verbrechen, die dank der relativ neuen Massenmedien die ganze Nation erschütterten, werden im ersten Drittel des Films in ruhigen, aber zielgerichteten Bildfolgen nacherzählt. Überhaupt bleibt die stilistische Erzählweise durchgehend zurückhaltend, die Kamerafahrten langsam und bedächtig, die Schnittmontage gemessen - selbst in hektischsten Actionszenen, von denen es zugegebenermaßen nur eine Handvoll gibt. Diese gesetzte Inszenierung verleiht dem Film eine distanzierende Aura, die seinen biografischen, beinahe dokumentarischen Anspruch unterstreicht.

Die Story mäandert dabei von Anfang an zwischen verschiedenen Zeitebenen - der junge Hoover, der sich in den Behörden der USA hocharbeitet und schließlich mit Entschlusskraft und Radikalität das FBI mitbegründet, wird dem alten, selbstherrlichen und stark neurotischen Hoover gegenüber gestellt. Diese Zeitsprünge, die auch einen „mittelalten" Hoover mit einschließen, sorgen besonders am Anfang ein wenig für Verwirrung, vermitteln aber ein spannendes und kontrastreiches Bild einer sehr komplexen Persönlichkeit - und sind dramaturgisch so geschickt aufgebaut, dass einige späte Szenen frühere Situationen erklären oder mit pikanten Hintergründen untermauern. Insgesamt wird die Erzählung dadurch dynamischer und erhöht den Spannungsbogen (der trotzdem gerade im Schlussteil immer mal wieder ein wenig absackt).

Größter Clou - und seinerzeit wohl auch am heftigsten diskutiert - dürfte aber die Besetzung der Hauptrolle mit Leonardo DiCaprio sein. Und zwar über alle Jahrzehnte hinweg: Mit aufwendiger Maske und Ganzkörperanzug verkörpert er den alten, aufgedunsenen, nur noch bedingt bewegungsfähigen Hoover ebenso wie den jungen dynamischen. Das funktioniert hier nur bedingt: Spätestens seit Martin Lawrences „Big Mama"-Auftritten sind Fat Suits in Hollywood ebenso populär wie unglaubwürdig, und auch DiCaprio bleibt trotz Make-up und Anzug eben DiCaprio. Die Diskrepanz zwischen seinem üblichen Aussehen und seiner Maskierung wirkt mitunter zu absurd, um sich auf die rein schauspielerischen Aspekte zu konzentrieren. Die bleiben freilich so stark wie üblich bei ihm - Stimme, Sprechart, Mimik und Bewegungen wirken wahrhaft glaubwürdig und vermitteln ein eindringliches Bild einer ebenso charakterstarken wie von Neurosen geplagten Persönlichkeit (bis hin zu seinem schwierigen Verhältnis zur Mutter und verkappter homosexueller Neigungen).

Schauspielerisch trägt DiCaprio den ganzen Film, was auch an seiner enormen Screentime liegen dürfte; inszenatorisch bleibt „J. Edgar" mitunter etwas zu behäbig, vermittelt aber ein spannendes und psychologisch komplexes Abbild einer so berühmten wie berüchtigten Persönlichkeit. Allerdings hat Eastwood schon bedeutend intensivere historische Filme gedreht - man denke nur an „Der fremde Sohn" - sodass er mit dieser Biografie ein wenig hinter seinen sonstigen Möglichkeiten zurückbleibt. Sehenswert ist das Ganze aber trotzdem allemal.

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