Genau das haben wir ja noch gebraucht: den Film zum Vibrator!
Ein wichtiges Thema für alle Frauen und Frauenrechtlerinnen unter uns, denn nicht nur der Bauch gehört der Frau, sondern auch die unteren Regionen, die gemäß viktorianischer und hier kolportierter Ansichten überhaupt nicht in der Lage sind, so etwas wie Lust zu empfinden. Stattdessen neigt die gewöhnliche Frau zu "Hysterie", die vor 130 Jahren noch als fulminanter Sammelbegriff für alle möglichen sexuellen Frustrationen aufgeführt wurde, was beim Arzt mittels Handarbeit via Krämpfe (=manuelle herbeigeführte Orgasmen) gelöst wurde.
Für den idalistischen und modern angelegten Jungarzt, dem die Quacksalber und Kurpfuscher im Hospital immer Steine in den Weg legen natürlich die einzige Verdienstmöglichkeit, weil der Andrang verkrampfter (oder unbefriedigter) Frauen natürlich bei nur einer Praxis ganz enorm ist. Also mit britischem Augenzwinkern an die erleichternde "Handarbeit", immer nah am Fremdschämen entlang. Und weil zwanghaftes berufliches Masturbieren natürlich die Sehnscheiden leiden läßt (da gibt es wohl dann doch keine geschlechtlichen Unterschiede), sucht sich der "Mann" Erleichterung in technischer Erneuerung - und gestaltet einen motorisierten Staubwedel um.
Das ist es dann auch schon an wirklich aufsehenerregendem Plot in Tanya Wexlers "Hysteria", der nebenbei auch noch die unvermeidliche Liebesgeschichte einer typisch niedlichen Brit-Comedy durchhechelt. Statt einer wirklich ironisierten Auseinandersetzung mit leicht emanzipatorischen Untertönen, ist "In guten Händen" dann doch nur eine nette Feelgood-Komödie mit erstaunlich hohem "Hihi"-Faktor beim weiblichen Publikum geworden. Selbst der Frauenrechtler-und-Suffragetten-Subplot um Maggie Gyllenhaals enorm modern eingestellte Sozialarbeiterin kommt für die Spielzeit um 1880 ein bißchen zu früh, um wirkliches Umdenken oder andere soziale Umwälzungen auch nur anzudeuten, der Film nimmt die Idee mehr als nette Spielwiese, um ein bißchen die Männer der viktorianischen Gesellschaft und ihre modernen Nachkommen mit ihrer archaischen Ignoranz vorzuführen.
Gelungen ist der Film, weil er den Fremdschämreflex nie zur Vollendung kommen läßt, selbst wenn sich Hugh Dancy als fingerndes Jungerfolgsmodell mehr als eine Stunde an einer gesetzten Dame abmüht, bis diese auf spektakuläre Art und Weise unter großem Kichereinsatz der Zuschauer endlich der Krampflösung entgegenreitet. Dagegen arbeitet auch in einer (viel zu kleinen) Nebenrolle der große Rupert Everett als (vermeindlich schwuler) Technikfreak, der mit staubtrockenen Kommentaren seine wenigen Szenen mühelos an sich reißt, um sie unter sich zu begraben.
Ab anstatt sich der revolutionären und gesellschaftlich sicherlich verruchten technischen Novität ein wenig mehr hinzugeben, arbeitet sich der Film an der schwierigen Lovestory zwischen Dancy und Gyllenhaal ab, die darunter leidet, daß die sozialen Mißstände eigentlich nicht eben das Thema der Komödie sind und die zwei Figuren einfach nicht zusammen passen wollen.
Gyllenhaal hängt sich zwar an ihrem britischen Akzent auf und in die Rolle rein, ist aber ein emanzipatorischer Anachronismus, während Dancy eine weichgespülte Gutmenschenrolle bieten muß, der man die Probleme mit der Geschlechtererziehung einfach nicht abnimmt. Wie sein Mortimer sowieso meistens zwischen aufgeklärtem Mediziner, Hugh-Grant-Imitation und überfordertem Dussel hin- und herschwankt, kaum eine gut ausgearbeitete Sympathenrolle, die einen Entwicklungsprozeß durchmacht.
Immerhin scheinen fast alle einen gehörigen Spaß an diesen Standards zu haben, Jonathan Pryce zieht als masturbatorischer Mentor alle Register eines Gentlemans der alten Schule und Sherian Smith spielt die "chambermaid-turned-whore" mit sichtlichem Vergnügen. Nur Felicity Jones als "love interest" und Gyllenhaals Schwester (nichts könnte optisch weniger passen) hat so ihre Probleme mit ihrem marginal ausgearbeiteten Part einer Frau, die es sich dann schlußendlich doch lieber so besorgt, wie es paßt.
"Hysteria" ist ein kleiner, niedlicher und manchmal auch sehr lustiger Film, der wohl so ziemlich jedem gefallen wird, der ihn sich ansieht, aber er hinterläßt wenig Tiefenwirkung. Zu schematisch ist der Aufbau, zu gegensätzlich sind die Zutaten und wahrhaftig zu abgedroschen ist die Auflösung, die wieder mal eine unvermeidliche Gerichtsverhandlung zur Läuterung aller Beteiligten anführt. Für die Erinnerungswerte müssen Juwelen wie der (offensichtliche) Schlußgag während des Abspanns her oder die Entwicklung von Everetts launigem Erfinder, der sich als Zweiter in London ein Telefon besorgt und dann später vermutlich als Erster in London überhaupt davon genervt ist, wenn ständig seine Mutter anruft.
Der rechte Biß fehlt sowohl der Regie von Wexler wie auch dem Skript von Ehepaar Dyer, die zwar soziale Mißstände immer wieder als Basis erwähnen, sich mit ihnen jedoch nie recht auseinander setzen und ihre "Potential" zugunsten niedlicher Lacher vergeuden, während die Story von der engagierten mißverstandenen Tochter, die sich für die Armen aufopfert (allesamt natürlich Leute, die es wert sind, daß man sich um sie kümmert) und sich in den ignoranten Viktorianer verliebt ein von Beginn an feststehendes Tralala bleibt.
Ich runde den Film mal freundlich auf, jedoch halte ich es wie die eine oder andere Figur in diesem Film, die mit ihrem Manne nicht mehr zurecht kommt: bleibt doch beim nächsten Mal einfach gleich ganz bei den Vibratoren. (6,5/10)