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Vielleicht ist es nicht fair ALBERT NOBBS zu besprechen, wenn man weder Glenn Close Fan ist, noch Filme bevorzugt, in denen Männer in Frauenkleidern oder umgekehrt agieren, denn meist artet dies in oberflächlichem Klamauk aus um es einem breiten Publikum mental überhaupt zugänglich zu machen. Aber die ersten Eindrücke von ALBERT NOBBS schon haben dieses Vorurteil wie erwartet nicht bestätigt. Die Literaturverfilmung des irischen Autors George Moore von 1918 ist ein sehr intensiver Film über eine Frau, die ein selbstbestimmtes Leben in einer patriarchalischen Gesellschaft führen will und dazu außergewöhnliche und gefährliche Wege bestreitet um glücklich zu sein. Glenn Close hat für die bewegende und glaubhafte Darstellung von Albert Nobbs zu Recht eine Oskarnominierung erhalten.

Die Ausgangssituation der Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts in Irland ist alles andere als günstig. Frauen dürfen nicht arbeiten und Albert Nobbs (Glenn Close), der eigentlich eine Frau ist, hat schon 30 Jahre als Butler in Dublin gearbeitet. Ihr Ziel ist es, sich mit dem Ersparten selbstständig zu machen, und dies droht zu scheitern, als sie sich in eine ebenfalls interessante Person, Maler Hubert Page (Janet McTeer) verliebt….schon in den ersten Szenen gibt ALBERT NOBBS eine Visitenkarte ab und die langsamen Kamerafahrten und die bedächtige Musik ergeben eine sehr gute Einheit. Gleich in der ersten Szene bereitet sich Albert Nobbs mental auf die Arbeit vor und streicht sich durch das kurze Haupthaar. Danach liefert er in der Bedienung seiner Herrschaften die erwartete Perfektion in Bewegung, Körperhaltung, Gestik und Sprache ab.

Der Trailer des Films suggeriert durch seine etwas einseitige Auswahl der durchaus vorhandenen komödiantischen Szenen eine gewisse Gagdichte die ALBERT NOBBS nicht wirklich gerecht wird. Von Anfang an ist die Grundstimmung eine deutlich melancholische und man leidet in dem Schicksal von Albert Nobbs sofort mit. Die dramaturgischen Highlights werden eben nicht mit dem Dampfhammer präsentiert, sondern ALBERT NOBBS lässt sich viel Zeit die Geschichte Stück für Stück aufzubauen und gibt auch seinen vielfältigen Nebenfiguren genügend Raum um sich sichtbar zu entfalten. Dies gilt insbesondere für Mia Wasikowska als Helen, aber im Besonderen für die Leistung der äußerst charmanten Janet McTeer, die dafür auch mit einer Oskarnominierung belohnt wurde.

In einer schönen Szene am Schluss ist sie sogar mindestens auf Augenhöhe mit Glenn Close wenn nicht sogar darüber. Über allem schwebt natürlich die Leistung des Alt-Stars Close und ihrer einmaligen Physiognomie als Mann mit unschätzbarem Alter. Man erkennt Clenn Close jederzeit, erlebt aber als Zuschauer mit diesem Wissensvorsprung trotzdem das Handeln ihrer Figur des Albert Knobbs. Diese Figur hat eine eigene Aura und eine Art positiver Künstlichkeit mit einem guten Schuss "Nicht von dieser Welt" mit ihrer steifen Haltung und übertriebenen Korrektheit in Gestus und Sprache. Alles Sexuelle ist eher auf eine Phantasie, ein Idealbild reduziert und bewegt sich damit in fast infantilem Kontext.

Man denkt oft Nobbs wünscht sich unsichtbar zu sein, und mit den manchmal gleichfarbigen Hintergründen verschwimmt ihre Erscheinung tatsächlich fast und bildet damit eine deutungsreiche Metapher zu der Stellung der Frau in der Zeit, in der die Geschichte spielt. In einer anfänglichen Szene, in der sie kurz enttarnt wird, scheut sie sich auch nicht vor sehr unvorteilhaften Einstellungen und ist alles andere als eine Diva. Sie hat die Rolle ja auch schon am Theater gespielt und es war stets ihr Wunsch die Geschichte anspruchsvoll zu verfilmen. Das kann man von der äußerst stilsicheren Ausstattung bei nur 8 Mio. Dollar Budget durchaus so feststellen.

Sie tritt auch als Produzentin auf und arbeitete auch an der Adaption des Drehbuchs von ALBERT NOBBS mit. Der kolumbianische Regisseur Rodrigo Garcia hat sich mit diesem Werk deutlich in die Aufmerksamkeit des Filmgeschäfts gespielt, was von seinem sonstigen Schaffen, dass mehr aus bei uns nicht sehr bekannten TV-Serien stammt, nicht wirklich behaupten kann. Für Glenn Close Fans ist der Film ein Muss und eine Augenweide. Freunde anspruchsvoller Dramen sollten ebenfalls einen Blick darauf werfen. Das wichtige und unstützenswerte Thema der Nichtbenachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung und Themen wie Transgender sind auch heute aktueller denn je und fest in der öffentlichen Diskussion verankert.

6,5/10 Punkten (in der Kategorie "Melodram")

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