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Marcos arbeitet als Schlachter, als Beleg dafür eröffnen ekelerregende authentische Schlachthausszenen dieses Mörderdrama. Trotz finanzieller Armut blüht die Liebe zu seiner Freundin, bis bei einer Auseinandersetzung mit einem reaktionären Taxifahrer dieser ums Leben kommt. Trotz Notwehr plagt das Gewissen und je mehr er die Tat zu vertuschen sucht, desto weiter gerät er in einen Strudel, der ihn in einen blutigen Schlund hinabzieht... Entgegen dem reißerischen deutschen Titel, der einen Splatterhorror vermuten lässt, handelt es sich hierbei um ein Serienkillerdrama, das sich mit der Person beschäftigt, angefangen von der kargen Wohnsituation des Underdogs bis hin zu kritischen Gesellschaftsbetrachtungen im Spanien unter Franco. Marco fühlt sich in einem Unrechtsstaat als Unterprivilegierter abklassifiziert, die Angst vor der Polizei lässt ihn sogar zum Serienkiller werden, dessen Hemmschwelle immer weiter sinkt. Die sexuellen Beziehungen, die geheim geführt werden, sind schräg, seine Freundin ist halb so alt wie er, seinen neuen Bekannten Nestor aus dem Nobelappartmentblock verbindet eine neugierige und gleichzeitig gefährliche Beziehung zu Marcos, auf seine Art gehört auch der Homosexuelle zu den Außenseitern der Gesellschaft, auch wenn er zur wohlhabenden Oberschicht gehört. Das Drehbuch macht den Unterschied zwischen den beiden klar, bei einer Polizeikontrolle z.B., der Proletarier wird argwöhnisch überprüft, der schick Gekleidete hingegen nur freundlich gegrüßt. Dennoch verlässt man sich nicht auf einen einfachen, plakativen Abriß über ein totalitäres System, sondern konfrontiert auch mit dem Unverstand von Marcos und dessen Verbohrtheit in seiner Sicht der Dinge, die ihn letztlich in eine Katastrophe führt und mehrere Menschenleben kostet. Die Entsorgung der Leichen ist ein weiterer zentraler Punkt, denn durch die Hitze sind die menschlichen Überreste in der Wohnung schwer geruchsbildend, auch die Fleischverwertung an seinem Arbeitsplatz ändert daran nichts, als bliebe die Schuld trotz oberflächlicher Bereinigung stinkend in seinem Heim. Der interessante Ansatz der Beziehung zwischen der in die Ecke gedrängten, etwas naiven Hauptfigur und dem gelangweilten, todessehnsüchtigen Bohemen (dessen Hund wohl nicht zufällig Trotzki heißt) wird leider zum Ende hin nicht weiter vertieft, sondern findet ein simples Ende, das zumindest die melancholische Stimmung unterstützt, die über diesem Film liegt. Schmutzig wie die Story ist auch der Look des Films, es ist eine dieser kleinen, unbekannten Perlen, denen das geringe Budget zum Vorteil gereicht, um das raue Flair jenseits von glatter Mainstreamoptik zu transportieren. Gleichzeitig dürfte das auch vielen missfallen, denn die Atmosphäre ist dementsprechend wenig Popcorn kompatibel, einfach unschön und stellenweise morbide. Damit ist "Cannibal Man" nur einem kleinen Publikum zugängig, etwas ähnlich wie "Mosquito - Der Schänder" oder noch entfernter "Sado - Stoß Das Tor Zur Hölle Auf". Dennoch ist dieser Film kein wirkliches Psychogramm und schon gar kein Kannibalenschocker, die Mordszenen, sofern sie denn grafisch dargestellt werden, sind für damalige Verhältnisse sicher schockierend, wirken nur heute etwas antiquiert. Die Schauspieler sind hingegen gut, besonders Vicente Parra, der noch weitere Filme mit dem Regisseur Eloy de la Iglesia drehte, und Eusebio Poncela ("Intacto") können in den männlichen Hauptrollen überzeugen.

Fazit: Wer sich nicht an dem schlicht irreführenden deutschen Titel orientiert, sollte hier ein sperriges, ruppiges und überwiegend ruhig erzähltes Kleinod des unterschlagenen Films vorfinden. 6/10 Punkten

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