„Cannibal Man“ des zumindest hierzulande eher unbekannten spanischen Regisseurs Eloy de la Iglesia aus dem Jahre 1971 ist kein Kannibalen-Schocker im eigentlichen Sinne, sondern ein im für das Entstehungsjahrzehnt typisch ruhigen Erzähltempo umgesetztes Drama mit einigen wenigen expliziten Gewaltszenen. Das mag aufgrund des reißerischen, missverständlichen Titels zu Irritationen beim Zuschauer sorgen. Wer seine Erwartungshaltung entsprechend anpasst, bekommt aber einen interessanten Film voll kritischer Anspielungen auf das Klassensystem des damaligen Spaniens geboten
Der Film wird größtenteils aus der Sicht Marcos’ (Vicente Parra) erzählt, der dadurch zur Identifikationsfigur für den Zuschauer wird. Dieser wird Zeuge, wie der eigentlich recht sympathische Marcos nach einem Notwehr-Akt mit Todesfolge seine Tat zu vertuschen versucht und dadurch zum Serienmörder wird. Seine Opfer entsorgt er in der Konservenfabrik und lässt sie zu Suppenfleisch verarbeiten. Das könnte grundsätzlich ebenso schwer im Magen liegen wie die echten Aufnahmen von Viehschlachtungen in der Fabrik, in der Marcos arbeitet, hätte man es geschafft, ihn genauer zu charakterisieren und seine Figur emotionaler gestaltet. Möglicherweise soll Marcos aber auch beispielhaft für die Abstumpfung der Menschen unter der Franco-Diktatur oder als täglich dem inustriellen Töten ausgesetzte Fabrikarbeiter stehen. Ohne Bezug zur spanischen Geschichte fällt es jüngeren Zuschauern aber sicherlich schwer, alle Metaphern und Allegorien wahrzunehmen, wovon auch ich mich nicht freisprechen möchte. Vordergründig funktioniert die Handlung daher nicht ganz so gut und wirkt etwas flach, bisweilen gar langatmig und überraschungsarm. Die Motivation der Drehbuchs, eine zwar platonische, aber eindeutig homosexuell geprägte Beziehung zwischen dem Arbeiter Marcos und Néstor, seinem ihn beobachtenden, reicheren Nachbarn, in die Handlung einzuflechten, wird mir nicht wirklich klar und das Ende fiel reichlich unspektakulär aus.
Mit am besten gefielen mir persönlich eigentlich die stimmigen Landschaftsaufnahmen Spaniens zu Beginn der 1970er Jahre, die schwüle Hitze wird nahezu spürbar und trägt zur Entfaltung der „drückenden“ Atmosphäre bei. Doch damit allein ist noch nichts gewonnen und so bleibt das Gefühl, einen Film mit sehr interessanten Ansätzen gesehen zu haben, dem es aber an irgendetwas fehlt. Für Freunde des ungewöhnlichen europäischen Kinos insbesondere der 1970er bestimmt keine schlechte Wahl, wenn auch kein unbedingter Kult-Klassiker. Wer beinharten Horror und/oder Splatter bekommen will, ist mit anderen Produktionen aber besser bedient.