"Midnight Express" basiert auf den Erlebnissen des Amerikaners William "Billy" Hayes der tatsächlich in den 70er Jahren in der Türkei inhaftiert war. Hayes schrieb sogar ein Buch über diesen dunklen Punkt seines Lebens und Oliver Stone (Platoon, Geboren am 4.Juli) verfasste daraus ein provozierendes Screenplay. Auf jeden Fall traf er einen wunden Punkt bei der türkischen Regierung, welche gegen die weltweite Verbreitung von "Midnight Express" heftig protestierte. Für Regisseur Alan Parker (Angel Heart, Mississippi Burning) ist es der Höhepunkt seiner Filmographie, denn solch einen authentischen, intensiven und zugleich grausamen Filmbeitrag, gibt es selten zu bestaunen. Gerade mal 2,3 Millionen Dollar verschlangen die Dreharbeiten, wobei man wegen des brisanten Themas gleich nach Malta umziehen musste. Denn in der Türkei waren Parker und sein Team alles andere als willkommen.
Istanbul 1970: Mit zwei Kilo Heroin wagt sich der Student William "Billy" Hayes durch den Zoll, doch kurz bevor er ins Flugzeug steigt, wird er erwischt. Man verurteilt ihn vorerst zu vier Jahren Haft. Doch der türkische Knast entpuppt sich als Hölle mit sadistischen Wärtern. Trotzdem findet Billy in den beiden Amerikanern Jimmy (Randy Quaid) und Max (John Hurt) zwei neue Freunde, die ihn die Zeit einigermaßen überstehen lassen. Doch die türkische Regierung will an Billy ein Exempel statuieren und verurteilt ihn nach Ablauf seiner eigentlichen Haftstrafe zu lebenslänglich. Billy hat jetzt nichts mehr zu verlieren und wagt eine Flucht.
Viele Vorfälle haben gezeigt, dass mit dem türkischen Rechtssystem nicht zu spassen ist. Es wurden schon Touristen für die Mitname von Sand oder Steinen in den Knast gesteckt. Natürlich streitet die türkische Regierung ab, dass in ihren Gefängnissen menschenunwürdige Zustände herrschten, oder sie geben vor nichts davon gewusst zu haben. Auf jeden Fall dürfen Billy Hayes Ausführungen als authentisch bezeichnet werden und nach dem Ansehen von "Midnight Express" würde man den vielleicht kommenden EU-Beitritt noch mehr in Frage stellen. Parker präsentiert uns hier absolut keinen typischen Hollywoodfilm, obwohl die Dramaturgie in manchen Szenen dafür spricht. Trotzdem zeigt uns Parker hier Dinge, die man eigentlich nicht gesehen haben will und einem im Gedächtnis bleiben für sehr lange Zeit. Allein schon der Auftakt, als Billy durch den Zoll geht, wird auch für den Zuschauer zur Zereissprobe. Er schwitzt, wir hören deutlich seinen erhöhten Herzschlag und fast hätte es sogar geklappt, wäre da nicht eine Nachkontrolle vor dem Flugzeug. Doch hier sieht das Ganze noch gar nicht so schlimm aus. Mit jemandem von der amerikanischen Botschaft und der türkischen Polizei hilft Billy den Dealer hochgehen zu lassen, der ihm den Stoff verkauft hat. Sein darauffolgender Fluchtversuch ist alles andere als klug, scheint aber trotzdem keine Konsequenzen zu haben.
Doch trotz seines Anwalts wird Billy zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt. So klammert er sich verzweifelt an diese lange Zeit und steht die unfassbaren Qualen im Knast durch. Hier regiert nicht nur Homosexualität, sondern auch die Wärter, welche die Gefangenen beim kleinsten Fehltritt brutal verprügeln. Und schon die Knastkulissen sprechen ihre eigene Sprache. Alles ist heruntergekommen, nass, dreckig und kalt. Da friert Billy in der Nacht, holt sich eine Decke und wird dafür so verprügelt, dass er erst nach mehreren Tagen wieder zu sich kommt. Immerhin ist er nicht der einzige Amerikaner im Knast, in Jimmy, Max und dem Schweden Erich (Nobert Weisser) findet er Verbündete. Man plant schon eine Flucht, doch Billy hält sich noch zurück, da er nicht mehr lange abzusitzen hat. Doch das türkische Rechtssystem will sich beweisen und verurteilt Billy nicht weil er den Stoff gekauft hat, sondern man verurteilt ihn als Schmuggler, somit bekommt er lebenslänglich. Sein korrupter Anwalt macht ihm zwar immer Hoffnungen, doch Billy wurde der Boden unter den Füssen weggerissen und er ist nun zu allem bereit.
Er wird sogar zum Mörder, landet bei den Geisteskranken und verliert dabei fast selbst den Verstand. Parker erzählt das Ganze mit einer Wucht, wie man es noch nicht gesehen hat. Der brillante Score wirkt dabei fast schon verstörend, der absolute Höhepunkt sind die Szenen in der Irrenanstalt. Dermaßen abartig und intensiv, einfach meisterlich von Parker in Szene gesetzt. Auch die Szene als Billy nach Jahren seine Freundin wieder sieht, ist wie ein Schlag ins Gesicht des Zuschauers. Zur beklemmenden Wirkung tragen auch viel die meisterlichen Mimen bei. Brad Davis (Kalt wie Stahl, Hangfire) gibt hier die Performance seines Lebens und wurde nicht mal für den Oscar nominiert. In Nebenrollen glänzen John Hurt (Hellboy, Contact), Randy Quaid (Schöne Bescherung, Hard Rain) und Paul L. Smith (Satanic, Maverick) als sadistischer Oberwärter.
Was Billy Hayes hier erlebte ist so schrecklich, dass er es ein Leben lang nicht vergessen konnte. "Midnight Express" ist ein Meisterwerk, dass den Zuschauer nicht kalt lässt. Etwas so bedrückendes, depressives und authentisch wirkendes hat man noch nicht gesehen, obendrein noch brillant besetzt. Sollte man aber meiden, wenn demnächst ein Türkeiurlaub ansteht.