Review

Wow!
Gleich mal vorweg, für Leute, die sich fragen, von wem denn das Drehbuch stammt: Oliver Stone. Ich wusste auch bis zu den Endtiteln nicht, wer solch ein hammerhartes Drehbuch schreibt, doch liest man letztendlich dessen Schöpfer, wird einem alles klar.
Dieser Film ist nichts für schwache Nerven und daher auch nichts für Zartbesaitete. Auch der Mainstream-Zuschauer, der gute 2 Stunden unterhalten möchte, liegt mit "Midnight Express" falsch. Gut ist es war schon, das, was man da zu sehen bekommt, aber keinesfalls Unterhaltung. Eher ein zweistündiger Horrortrip, bei dem sich hin und wieder Herzrasen und Sprachlosigkeit breit macht, so abartig und spannend ist "Midnight Express".
Gehört habe ich ja schon sehr viel über diesen Streifen, er soll sehr brutal und unmenschlich sein, er war ja auch ab 18 freigegeben. Nun wurde er ja auf FSK 16 herabgesetzt, wie so ziemlich jeder habe ich mir gedacht, dass dies aufgrund des Alters (siehe "Halloween" oder "Es war einmal in Amerika) geschah. Als ich mir den Film dann angesehen habe, musste ich schon des Öfteren heftig schlucken, denn das Gezeigte entpuppt sich fast schon als krank, kaum realistisch. Doch im gleichen Moment gehen einem Gedanken durch den Kopf, die einen vom Gegenteil überzeugen, die dir nämlich (leider) sagen, dass wirklich Alles so in echt geschehen ist. Selbst wenn es keine wahre Begebenheit wäre, man müsste es dennoch als realistisch betrachten, weiß man ja im Unterbewusstsein nur ZU gut über Maßnahmen in manchen Gefängnissen Bescheid. Für den Zuschauer wird der Film eben zum visuellen Horrortrip, für Billy Hayes, dem Protagonisten, zum reellen, den er am eigenen Leib zu spüren bekommt. Und an der eigenen Seele.
Denn physisch wird Billy gar nicht mal so oft (dennoch oft genug) gefoltert, sondern mehr auf die psychische Art und Weise, die manchmal viel grausamer, viel vernichtender ist und größere Wunden und Spuren in seiner eigenen Vergangenheit hinterlässt. Billy befindet sich mit seiner Freundin auf einer Reise, in Istanbul. Es wäre alles schön und gut, wenn er nicht auf die dumme Idee gekommen wäre, 2 Kilogramm Haschisch zu erstehen und diese mit nach Übersee zu nehmen. Prompt wird er ertappt und in ein örtliches Gefängnis gesteckt. Zunächst alles nicht SO wild, bis Billy dann plötzlich eine Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 2 Monaten aufgebrummt bekommt. Und für das Gefängnis, in dem Folter und Schlägereien zur Tagesordnung gehören, ist das eine Ewigkeit. Doch es kommt alles noch schlimmer...
Oliver Stone hat sich anscheinend ganz schöne Mühe gegeben, denn das Drehbuch verbirgt so viele Gruben, mit denen der Zuschauer nicht bzw. nach einer gewissen Zeit einfach nicht mehr rechnet, soviel ist Billy schon geschehen. Doch da gibt es noch einen Tiefschlag und noch einen, bis es dann doch wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt, der dann gleich wieder zunichte gemacht wird. Im wahrsten Sinne des Wortes ein Horrortrip für Billy. Gut, das muss nicht automatisch heißen, dass dem Zuschauer das nahe geht, aber dafür sorgen schon die super Schauspieler, die Wahnsinns-Atmosphäre und die noch bessere Kameraarbeit. Den Darstellern kauft man wirklich alles ab, den ganzen Schmerz, die ganze Trauer. Auch wenn man die Tat Billys für dumm hält, was sie ja an sich auch ist, spätestens wenn die Zustände im Gefängnis dem ahnungslosen Kinogänger nahe gebracht werden, ändert sich die Meinung plötzlich. Viele finden es vielleicht auch hirnrissig, wie Billy bei seiner Rede vor Gericht argumentiert, als er dann letztendlich lebenslänglich in den Knast soll, doch würden wir in seiner Haut stecken, ich denke, seine Handlung wird dann gleich nachvollziehbarer.
Das Gefängnis wird perfekt dargestellt, kann mir nicht einmal vorstellen, dass es am Set Spaß gemacht hat, den Film zu drehen, so heruntergekommen und schmutzig sehen die Gänge und vor allem die Zellen aus, zumal auch noch sehr wenig Licht zu sehen ist, immer nur kleine Strahlen, die durch ein Gitterfenster fallen. Alles sehr symbolisch, die Hoffnungs- und Hilflosigkeit wird perfekt unterstrichen, alle Fluchtversuche scheitern, nicht zuletzt wegen des sadistischen Gefängnisleiters.
Auch die Musik ändert nichts daran, leise, melancholische Klavierklänge, bei denen die Trauer nicht genommen, nein, vergrößert wird, man entwickelt als Zuschauer selbst Hass gegen die ganze Gesellschaft, auch wenn diese nur ein Exempel statuieren möchte und in ihrem Auge das Richtige tut. Doch nicht nur der Gesellschaft gegenüber macht sich Hass breit, man wird zunehmend deprimiert, wie gesagt, man fühlt sozusagen alles mit, was Billy widerfährt. Da muss man kein mitleidiger Mensch sein, das schafft "Midnight Express" von alleine, denn Alan Parker gelang ein derartiges Meisterwerk, das teilweise vor Nihilismus geradezu strotzt. Aufgrund des Verlaufs der Story kann man sich auch nicht im Traum ausdenken, wie das Ende ausfällt. Aber glaubt mir, alles kommt in Frage, denn "normal" ist hier gar nichts mehr.
Mit "Midnight Express" sieht man einen knallharten Gefängnisfilm, der neue Maßstäbe, sowohl in Sachen Schauspielerleistungen als auch in Sachen Sadismus, gesetzt hat und der einen mitfiebern lässt wie nur ganz wenige Filme, auch Klassiker, es tun. Zurücklehnen, konzentrieren und sich auf einen wahren Horrortrip vorbereiten, der teilweise sicher keinen Spaß macht, aber eine Möglichkeit des Lebens wiedergibt, da er leider auch nur ZU realistisch ist. Wenn dann der Abspann einsetzt, ist man noch lange nicht vom Film befreit, es arbeitet weiter in einem, gute Laune ist danach ausgeschlossen. Doch das macht ja große Filme aus. Und dieses Stück Filmgeschichte ist zweifelsohne einer der wenigen davon. 10/10 Punkte

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