„Lasst den Terror von der Leine! Das Blut! Die Titten! Mehr Blut! Mehr Titten!“
Mit dem Episodenfilm „Chillerama“ erschuf das Regiekollektiv aus Adam Green („Hatchet“), Joe Lynch („Wrong Turn 2“), Adam Rifkin („Detroit Rock City“), Tim Sullivan („2001 Maniacs“) und Bear McCreary im Jahre 2011 eine satirische Hommage an das gute alte und eben oft bizarre Drive-in- und Bahnhofskino, an B-Movies und Exploitation, angefangen bei den 1930ern bis in die glorreichen 1980er hinein und erinnert damit auch an Filme wie „Matinee“ oder „Skinner …lebend gehäutet“, die einen ähnlichen Ansatz verfolgten – aber doch ganz anders waren.
Autokino-Betreiber Cecil B. Kaufman (Richard Riehle, „Hatchet“) sieht sich gezwungen, sein Geschäft aufzugeben, das letzte seiner Art weit und breit. Er möchte sich jedoch mit einem wahren Knallbonbon von seinem Publikum verabschieden und es mit echten Raritäten wie „Wadzilla“, „I Was A Teenage Werebear“, „The Diary of Anne Frankenstein“ und „Deathication“ noch einmal so richtig krachen lassen. Über mangelnden Publikumszuspruch kann er sich dann auch nicht beklagen, was er jedoch nicht weiß: Sein Assistent Floyd (Miles Dougal, „Detroit Rock City“) hat sich beim nekrophilen Leichenschänden einen Biss eingefangen und infiziert nach und nach die Zuschauer, die zu sexgeilen Zombies mutieren…
Über derartige Hommagen freue ich mich eigentlich immer, da ich nicht unbedingt das Gefühl habe, dass der Markt von ihnen übersättigt wäre, stattdessen eher fürchte, nachwachsende Generationen könnten irgendwann den Bezug zum klassischen Horrorkino verlieren. Tatsächlich übt „Chillerama“ seiner komödiantischen Ausrichtung zum Trotz nach seinem Schwarzweiß-Prolog der ’30er-Jahre-Universal-Schule und dem „blaublütigen“ Vorspann Kritik an modernem Heimkino und setzt die Analogtechnik Kaufmans in Szene, welcher übrigens Orson Welles huldigt und „Citizen Kane“ zitiert.
„Wenigstens ist es gut für die Haut!“
Zitate ganz anderer Art hält der erste Film im Film „Wadzilla“ von Adam Rifkin bereit, der auch gleich die Hauptrolle bekleidet. Auf ‘50er-Monsterfilm getrimmt, wird unter Zuhilfenahme anzüglichen Humors und Slapsticks ein amoklaufendes Riesenspermium in den Mittelpunkt gerückt, das wächst und wächst, Köpfe ab- und Penner durchbeißt und sich schließlich mit der Freiheitsstatue vereinen will – die letzten Endes gesprengt wird. Neben der himmelschreienden und damit herrlichen Respektlosigkeit vor einem der US-amerikanischen Wahrzeichen überhaupt gibt es mehrere Anspielungen auf den „Blob“ und auf „Godzilla“, absichtlich durchschaubar gestaltete Spezialeffekte, maximal erhöhten Zigarettenkonsum der Beteiligten und ein sehr glibberiges Ende. Bei „Wadzilla“ geht auch mir einer ab!
Für „I Was a Teenage Werebear“ begibt sich Tim Sullivan zurück in die 1960er, die Zeit der Teenage-Horror- und Surf-Filme. In Südkalifornien ist sich Sunnyboy Ricky (Sean Paul Lockhart, „Milk“) seiner sexuellen Identität unsicher und anscheinend gar nicht so recht begeistert vom heißen Feger von einer Freundin (Gabby West, „Saw 3D – Vollendung“), mit der er liiert ist. Nach einem Autounfall läuft ihr das Gehirn aus, doch interessiert ihn vielmehr eine Bande Rock’n’Roller, die sich regelmäßig in schwule Werbären verwandelt. Die typischen Zutaten wie Gesangseinlagen und Strandatmosphäre werden gepaart mit reichlich Homoerotik, Ringtraining und einem Massaker in der Umkleide. Nicht fehlen darf auch die Moral am Schluss und so viel Spaß ich an diesem irren Potpourri auch hatte, frage ich mich dennoch, wer der jüngeren Zuschauer dieses US-typische Phänomen solcher Filme eigentlich noch kennt und sich nicht verwundert die Augen reibt ob jugendlicher tanzender und singender Werbären… Als Gaststar schaut übrigens Porno-Ikone Ron Jeremy um die Ecke und aus den stockheterosexuellen Vorbildern ein exploitatives Pro-Homo-Statement zu machen ist eine klasse Pointe.
Zwischendurch wird immer wieder die Rahmenhandlung aufgegriffen, die Klönschnacks der Besucher inkl. Austausch über Filme gezeigt und ins Innere der Autos gezoomt; ein paar Charaktere bilden sich heraus, die eine größere Rolle spielen.
„Du bist so geil, wenn du Massenmorde begehst!“
Diese werden Zeuge, wie klassische Frankenstein-Mad-Scientist-Motivik auf Naziploitation in Adams Greens Schwarzweiß-Kurzfilm „Das Tagebuch der Anne Frankenstein“ [sic!] trifft. Dieser treibt die Geschmacklosigkeiten, mit denen das umstrittene, krude Subgenre gemeinhin arbeitet, auf die Spitze, indem er das Schicksal Anne Franks mit der Familie Frankenstein verknüpft und Hitler im Tagebuch Dr. Frankensteins eine Anleitung zum Erschaffen des berühmten Monsters finden lässt. Dieses entpuppt sich jedoch als eine Art jüdischen Golems, der sich gegen die Nazis richtet und den Eva Braun (Kristina Klebe, „Halloween“-Remake) zu allem Überfluss auch noch süß findet. Sämtliche Rollen sprechen hier deutsch, außer ausgerechnet Hitler, der nicht mehr als ein unverständliches Kauderwelsch hervorbringt und als tollpatschiger Soziopath parodiert wird. Seine Gesangseinlage (!) scheint aus den Zelluloid-Rollen herausgeschnitten worden zu sein, aber auch ohne spielt sich der schlaksige Joel David Moore („Grassroot“) als Hitler nahezu um den Verstand in dieser wunderbar geschmacksbefreiten, absurden Episode, die zudem das Wagnis eingeht, der heutigen Generation junger Kinozuschauer sämtliche Farbe vorzuenthalten.
„Dieser Film wird Sie mit Ihren Fäkalien vergewaltigen!“
Derweil nimmt die Entwicklung im Autokino einen unheilvollen Lauf, als einer der popcornhungrigen Zuschauer zu mutieren und anschließend zu töten beginnt. Unheilvoll wird es auch auf der Leinwand, denn mit „Deathication“ probiert Kaufman, das bisher Gezeigte an Geschmacklosigkeit noch zu übertrumpfen. Nach einer reißerischen und pseudowissenschaftlichen Einführung des Regisseurs, die mich etwas an den guten alten William Castle erinnerte, setzt „Chillerama“ auf maximale Polarisation, nämlich alles auf eine Arschkarte: Man macht aus „Deathication“ einen unfassbaren Film übers Scheißen, eine absolute Grenzerfahrung in Sachen Fäkalhumor – bei der ich mich wieder einmal dabei ertappe, wie diebisch und infantil ich mich über diesen Bodensatz der geschmacklosen und stumpfsinnigen Komik freue, wie sehr er bei mir zündet. Obschon mich von Mario Barth über Dieter Nuhr bis zu Cindy aus Marzahn und Konsorten alle Schmalspur-Clowns kaltlassen, ich gern einmal Spencer/Hill-Klamauk und Abrahams/Zucker-Produktionen kritisch beäuge und ich mich viel eher bei Loriot und anspruchsvollerer Satire zuhause fühle, wundere ich mich schon längst nicht mehr über meine offenbar ebenfalls auf Bedienung wartende Leidenschaft für diese Sorte Grottenhumors. Diese Episode nutzt – nachdem sich „Chillerama“ zuvor schon oft sexuell anzüglich, Nacktheit betreffend jedoch eher prüde gezeigt hatte –, erstmals die Gelegenheit, die entblößte Oberweise einer vorgeblichen Ärztin zu präsentieren. Allen Ernstes so etwas wie eine tatsächliche Handlung zu entwickeln, hatte man aber nie vor, denn die fortschreitende Zombie-Sex- und -Splatter-Action, die zunächst im Vorführraum stattfindet und sich schließlich auf dem Außengelände Bahn bricht, unterbricht „Deathication“ jäh.
Blut spritzt, Genitalien werden abgerissen, Sex und Masturbation – getrimmt auf den maximalen Overkill der Geschmacklosigkeit, als hätte dies „Chillerama“ nicht bereits mehrfach auf andere Weise versucht. In der Rolle des Final Girls wähnt sich ein Kerl, der sich jedoch aus Notgeilheit zombifizieren lässt und somit doch nicht „Final Whatever“ wird. Kaufman ballert sich Einzeiler zitierend wie in einem Actionreißer über das Gelände und die beliebte Point-of-View-Perspektive kommt zu ihrem verdienten Einsatz. Man findet heraus, dass sich diese Zombies nicht durch Kopfschüsse, sondern lediglich durch die Zerstörung ihrer Geschlechtsorgane aufhalten lassen und findet sogar noch etwas Raum für, nun ja, „Romantik“, als sich das finale Pärchen im Angesicht der Zombie-Apokalypse und des nahenden Todes bewusst noch einmal dem Beischlaf hingibt. Hier standen eindeutig die ’80er mit ihren Horror-humoristischen, kultverdächtigen Auswüchsen wie „Return of the Living Dead“ u.ä. Pate, deren jugendliche Protagonisten mit ihrer oftmals regelrechten Sexsucht hier extrem überspitzt aufs Korn genommen werden.
All das entpuppt sich letztlich ebenfalls als (übrigens von Joe Lynch inszenierter) „Film im Film“ und im mit Punk-Musik unterlegten Outro bekommt jede Episode ihren eigenen Abspann inkl. Outtakes und Ausschnitten, endlich bekommt man auch Hitlers Gesangseinlage zu sehen und zu hören! Damit endet dieses Sammelsurium an Absurditäten, das die besondere Magie beschwört, in kleinen Kinos obskure Schätzchen und abwegige Skurrilitäten zu entdecken und dabei comichaft und wunderbar detailverliebt vorgeht, beweist, dass seine Macher Ahnung von der Materie hatten und vermutlich selbst leidenschaftliche Liebhaber des hier Persiflierten sind. Als Zuschauer sollte man dazu aber schon einen gewissen Bezug haben, ansonsten dürften einige Gags auf der Strecke bleiben und die im Prinzip einzige Schwäche des mit einigen weiteren Gastauftritten wie dem Kane Hodders (Jason-Darsteller in mehreren „Freitag der 13.“-Filmen) als Golem, Eric Roberts’, Ray Wises und Mike Mendez’ gespickten Vergnügens allzu stark in den Vordergrund treten: Der dann doch etwas überbeanspruchte pubertäre, obszöne Humor, die Übersexualisierung insbesondere des Finales, das arg überzogen unter die Gürtellinie zielt und humoristisch entsprechend abflacht, darüber fast seine Ausrichtung als karikierende Hommage, die sich gerade auch an Kenner der Materie richtet, vergisst. Nichtsdestotrotz muss ich dazu gratulieren, wie gut man die „Vorbilder“ beobachtet und liebevoll persifliert und zu einem wahren Trash-Bonbon zusammengeschmolzen hat. 7,5 von 10 Popcorn-Tüten seien dem Regie- und Autorenkollektiv daher gegönnt!