Review

Das Politikverständnis in den Vereinigten Staaten ist ja ein ganz anderes als daheim im Ländle, deswegen kann man da nur schlecht gute Vergleiche ziehen, vor allem wenn man den Mistkübel filmisch bearbeitet vor den Kameras auskippt.
In den Staaten sind Lobbyismus und Seilschaften vielleicht noch stärker ausgeprägt und der Idealismus noch nicht als Volkskrankheit anerkannt (operative Blindheit eventuell schon), deswegen haben cineastische Bearbeitungen persönlicher Desillusionierungen und das Aufarbeiten verschiedener Schattenseiten des Berufs noch ganz andere Möglichkeiten.
Anders ist es wohl kaum zu erklären, daß man von George Clooneys nächster Regiearbeit "The Ides of March" so total von den Socken ist, was Presse und Kritik angeht.

Nun will ich nicht verhehlen, daß so einige wichtige Filme zu politischen Themen auch aus den Staaten kamen, seien es jetzt "All the Presidents Men" oder "The Candidate", für den gängigen politikverdrossenen bis chronisch mißtrauischen deutschen Durchschnittsbürger ist der wenig spektakuläre und substanziell doch eher karge Stoff Clooneys jedoch kaum mitreißend, es sei denn, man sieht generell nie Filme zum Thema Politik.

"Ides" fokussiert auf eine Figur, die hierzulande fast schon nur noch als Karikatur durchgehen könnte, außer man kleide sie in ein Gewand semi-unterwürfiger Karrieregeilheit (Hallo, Herr Mißfelder...). Stephen Meyers (Ryan Gosling) ist nicht nur Wahlkampfhelfer jüngeren Semesters, er ist auch noch äußerst geschickt und dazu ein knallharter Idealist, der seinen "Mann fürs weiße Haus", Gouverneur Mike Morris (Clooney persönlich) zwar nicht vergöttert, sich aber absolut sicher ist, hier endlich mal einen integren Mann über sich zu haben, der seinen persönlichen Einsatz verdient.

Was dann folgt, ist eine Lehrstunde in Sachen Naivität und Welterfahrenheit, als Meyers aufgrund unbewußter Eigenschaften zwischen die Mühlsteine aus gegnerischem Wahlkampflager und eigenen Kollegen kommt, zwei Seiten, die nur bedingt etwas mit der von ihm bewunderten Person zu tun haben. Es ist nicht mal eine besonders subtile Intrige rund um eine Abwerbung und persönliche Loyalität, sondern nur ein taktisch geschickt ausgelegtes Manöver, das Meyers in der Folge in eine Ecke treibt.
Da ist es fast schon ein positiver Zufall, daß er gleichzeitig das Bett mit einer sehr jungen Wahlkampfhelferin teilt, die die Tochter des Vorsitzenden des Parteikomitees (in diesem Fall mal: Demokraten) ist (was für ein Zufall!), die sich dann als schwanger entpuppt (sensationell!) und das auch noch von Gouverneu Morris (du kriegst die Tür nicht zu...).

Schön, man könnte sagen, das ist eine geschickt gewobene dramatische Konstruktion, die dazu führt, daß sich der von seinen Idealen Verabschiedete in einem Anfall von akuter Lernbereitschaft diese Machenschaften nutzbar macht, um sich noch brachialer als alle anderen in eine noch bessere Position zurück zu kämpfen, wobei er taktisch über Leichen geht.
Man könnte auch sagen, es ist extrem konstruiert, sich diese unwahrscheinlich verdichtete Räuberpistole über eine total unrealistische Figur mit später noch viel unrealistischerem Handlungs- und Überlebenswillen reinzutun und das dann für eine ergänzend wichtige politische Lektion zu halten.

Stephen Meyers ist zwar kein akuter Naivling, sondern hat einen recht gewieften Unterbau, dennoch wirken die Storyentwicklungen ziemlich abstrus und passend gestampft, so daß das alles in diesem filmischen Zeitfenster unterzubringen ist (der Film spielt innerhalb weniger Tage vor einer wichtigen Vorwahl). Einige Vorkommnisse wie etwa ein in die Story integrierter Todesfall wirken letztendlich sogar noch abstruser, wenn man mal an den Anfang der Story zurückblendet und die Mär davon, daß man ohne Druck, Beschiß oder Erpressung, ohne Andeutungen und Faustpfände in der Politik nichts wird, ist nun auch nicht wirklich neu.
Zumindest für einen aufgeklärten Durchschnittsbürger, der sich auch mal den Politikseiten in der Zeitung widmet, wirkt "Ides of March" weder neu noch spektakulär, sondern eher wie eine Bestätigung dessen, was einen die Realität sowieso schon gelehrt hat.

Dazu kommt, daß Clooney, der sich ja ohnehin den Hollywoodgesetzen über Inhalte und Publikumszuschnitt erfolgreich und lobenswert entgegenstellt, auch weiterhin einen visuellen Kurs fährt, der mit spartanisch ganz gut beschrieben ist.
Keine weiten Kamerawinkel, keine optische Visualisierung des Zirkus Wahlkampf, stattdessen kriecht die Kamera bisweilen geradezu sklavisch nah an die Teilnehmer und Kombattanten heran, um hauptsächlich ihre Gespräche zu verfolgen, die mit Inbrunst ausgebreitet werden. "Ides" ist immer dann stark, wenn er sich zu einem Dialogstück mit Symbolfunktion entwickelt, was natürlich an darstellerischen Schwergewichten wie Philip Seymour Hoffman oder Paul Giamatti liegt, die hier in Nebenrollen unterkommen und locker dem ach so gelobten, aber recht blassen Gosling locker die Show stehlen.
Visuell bleibt das jedoch alles Kammerspiel mit starkem TV-Film-Charakter, kleine Räume, graue Cafes, Kliniken, Korridore, Straßenecken, ebenfalls durchaus mit Symbolcharakter behaftet, aber ohne die nötige Dimension um über die spezialisierte Initimität für gebildete Kunstkinokreise hinwegzuweisen.

Dabei ist die Politik heutzutage so sehr bereits ihre eigene Karikatur (wahlweise: Perversion), daß man darüber eigentlich keine entblößenden Filme mehr machen kann, was um so mehr die Frage aufwirft, was denn an dieser Geschichte so wertvoll war, um sie erneut aufzutischen, jede Berichterstattung über Wahlkandiaten für die nächste Präsidentschaftswahl wirkt unterhaltsamer und krasser und sei es nur als Reality-Soap-Entstellung.

Ich schließe nicht aus, daß einige Berufene sich in diesem Film trotzdem enorm verstanden fühlen werden, speziell wenn sie zu der schrumpfenden Volksgruppe gehören, die sich tapfer trotzdem in einer politischen Partei engagieren, aber wer selbst einmal kollegiale "Zusammenarbeit" in Kauf genommen hat oder von einer Seilschaft profitiert, wird über die hier handelnde Figur nur hämisch grinsen können.
Wenn schon politisch engagiertes Gegenwartskino, dann soll man auch mal in Größe scheitern können oder die bittere Note in ganz großem Stil breit treten. Dieses pervertierte Happy-End hier zieht leider kaum und fügt dem Alptraum moderner Politik keine neue Note hinzu. Nett, bekannt, belanglos. (5/10)

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