Das Schmerzhafte an einem Film wie Runaway Girl ist wohl, daß der amerikanische Traum gelebt wird, in dem man ihn zerstört. Andrea Portes selbst schrieb die Drehbuchadaption ihres Romans Hick. Die Regie übernahm Independentfilmmacher Derick Martini, dessen Lymelife unter anderem von Martin Scorsese produziert worden und auf gute Resonanzen gestoßen war. Bei Runaway Girl war dies nicht der Fall. Ein Verriß ist fast harmlos ausgedrückt für das Feedback, welches diesem Werk entgegenschlug. Hat man den Film unvorbelastet gesehen, fragt man sich vielleicht nach dem Grund. Denn es lassen sich auch über das Spiel der aufstrebenden Chloë Grace Moretz hinaus positive Seiten finden, wie sie selbst ein Roger Ebert nur bedingt wahrgenommen hat, weil er in seinen Erwartungen in festen Strukturen eingefahren war.
Mit Runaway Girl wagte man sich gefährlich nah ans Klischee und läßt das Publikum mit einer kaum zuversichtlichen Szene zurück, die keine Auflösung bietet. Das Mädchen Luli (Chloë Grace Moretz) ist im ländlichen Nebraska bei alkoholkranken Eltern aufgewachsen. Der betrunkene Vater holt das Kind an ihrem dreizehnten Geburtstag von der Schule ab, um mit dem, was man unter Freunden und Familie versteht, in einer düsteren Spelunke zu feiern. Luli erinnert etwas an Anna Chlumsky in My Girl, doch ihre vollen Lippen schürzend hat sie auch ein wenig das südliche Feuer einer Anna Paquin in True Blood oder einer Reese Witherspoon, die in jungen Jahren ebenso eine Davongelaufene dargestellt hat.
Die winkenden Zaunpfähle deuten alle auf eine Lolita. Knapp bekleidet entdeckt Luli mit dem Geburtstagsgeschenk ihres Onkels in Händen ihre Reize vor dem Spiegel. Mit der 45er Smith & Wesson fuchtelnd rezitiert sie Dirty Harry. Überhaupt scheint sie sehr filmsicher, was auf eine Realitätsflucht nebst der gekonnten Zeichnungen hinweist, in denen sie unter anderem den Tod ihres kleinen Bruders verarbeitet. Daß die Mutter von Juliette Lewis dargestellt wird, ist genauso geschickt, wie es im Unterbewußtsein auch falsche Schalter in Erwartung an Runaway Girl als einen neuen Natural Born Killers umlegt.
In ihrem Zuhause, wo sie überraschend einen Fremden in der Küche antrifft, fühlt Luli sich stark. Mit der Knarre auf den Mann zielend, der in Kürze ihre Mutter mit gepackten Koffern abholen wird, gibt sie den Ton an und kostet ihre Macht mit der kecken Frage aus, ob der schmierige Makler sie anziehend findet.
Als der Vater erwacht und von der plötzlichen Abreise Wind bekommt, verlässt auch er das Haus. Die verlassene Luli ist auf sich gestellt und findet ihre Zukunft im modernen Märchenbuch, dem Fernsehen. Eine Liste von Pros und Contras erleichtert ihr die Entscheidung. In Las Vegas findet ein Runaway Girl vielleicht ihren Sugar Daddy. Gut, sie könnte sterben, aber was sollte sie das in ihrer Situation halten?
Ihre roten Schlüpfschuhe sind ein zarter Hinweis auf den Zauberer von Oz, während die erwähnte Reese Witherspoon zum Beispiel in ihrem Film Freeway ein modernes Rotkäppchen in einem Straßenmärchen mimte. Das schwer verdauliche an Runaway Girl ist vermutlich die Erkenntnisreise in einem unbequemen Realismus aus den Schatten der amerikanischen Illusionen. Luli wird zu einer unabhängigen Streunerin. Sie muß aber zeitgleich immer wieder Situationen durchstehen, in denen andere durchs Leben treibende von ihr zehren.
Trotz aller Härten und Stärken, die das Mädchen aufgrund ihrer Vergangenheit entwickelt zu haben scheint, ist sie keine Erwachsene. Luli ist naiv und sucht aus einem Vaterkomplex heraus in Männern nach ihr bekannten Mustern. Nur dies erschafft eine Basis dafür, daß Runaway Girl immer wieder von Zusammentreffen mit dem ehemaligen Cowboy Eddie (Eddie Redmayne) durchzogen ist, dessen Psyche und die Auswirkung auf die junge Reisende erst langsam klar werden.
Auf ihrem Roadtrip blickt Luli erschreckend regelmässig in die Abgründe der menschlichen Gesellschaft. Daß sie Alkohol, Drogen und einen Ladenüberfall probiert, ist fast nebensächlich und vom Weltbild der Figuren bestimmt, die ihrerseits sogar Bezüge zu Film und Fernsehen offenlegen. Runaway Girl ist bestimmt von Egoismus, der Luli auch zum Opfer sexueller Gewalt macht. Dies wird nicht ausschließlich auf die Momente bezogen, in denen die Ausreißerin auf eine welpenhafte Art versucht aufreizend zu sein.
Eine Erklärung findet sich eher in den pathologischen Gedankengängen ihrer Peiniger, die sich ohne ein Einverständnis des Mädchens an ihrem Körper bedienen wollen. Einer suggerierten Vergewaltigung folgend erwacht Luli gefesselt auf einem Bett. Ihr einstiger Blondschopf ist kurz und schwarz gefärbt. Die Haare ähneln vom Schnitt der Darstellung des Hit-Girls in der Comicverfilmung Kick-Ass.
Für die junge Schauspielerin Chloë Grace Moretz scheint die Coming-of-Age Story Runaway Girl daher metaphorisch auch ein Stück persönliche Emanzipation zu sein. Vielleicht macht genau diese Nähe zur Protagonistin die Darstellung auch glaubwürdig. Überhaupt sind die Rollen interessant besetzt und bieten die notwendige Tiefe, selbst wenn die Präsenz auf der Leinwand zeitlich begrenzt ist. Dabei handelt es sich um eine Grundvorraussetzung, um die Nuancen in der steten Perspektive der Hauptfigur spürbar zu machen.
Es mag überraschend sein, daß der Besitz einer Feuerwaffe in den USA nicht dazu führt, daß ein Mädchen aus schlechten Verhältnissen durch eine deprimierend düstere Welt zieht, um sich mit Schüssen an dieser zu rächen. Ohne sich an einer Moral aufzuhängen formt man aus Runaway Girl zu Bob Dylan Songs balladenhaft den beschwerlichen Weg eines Mädchens zur selbstbestimmten Frau als eine Neuinterpretation der Americana. Immerhin setzte sich doch fast die ganze Nation einst aus Menschen zusammen, die im fernen Amerika Hoffnung auf eine bessere Situation herbeisehnten.
Wie die Gründer des Landes läßt Luli für den Traum von der Freiheit ihre Heimat hinter sich. Sie ist sehr ursprünglichen Gefahren ausgesetzt, mit denen sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten versucht, besonnen zu arrangieren. Mit der 45er Smith & Wesson in der Tasche wird sie zum Drifter auf dem Weg nach Westen. Es ist die letzte Möglichkeit, die Suche nach dem Glück noch einmal aufzunehmen, das sich ihr bisher nicht erschlossen hat.
Mit staubigen Nebenstrecken, den verwohnten Diners, Motels und Bars wird aus Runaway Girl ein zeitloser Roadtrip durch uramerikanische Motive. Die Verrohung und Verwahrlosung, die so im zarten Kontrast zu heiteren Lichtblicken immer etwas verdeckt und neben der Spur stattzufinden scheint, kratzt an der Spiegelfassade der idealisierten Vereinigten Staaten. Was nicht unmittelbar neu erscheint, füllt doch eine Lücke in der Propagandamaschine des Mainstreamkinos, in der diese Ausgestoßenen keinen Platz finden.