„Ich find‘ dich zum Kotzen, aber ich liebe dich!“
In den 1970ern schien sich der französische Filmemacher Bertrand Blier auf Erotikkomödien spezialisiert zu haben. Auf „Die Ausgebufften“ und „Calmos“ folgte 1978 die französisch-belgische Koproduktion „Frau zu verschenken“, einmal mehr mit Gérard Depardieu und Patrick Dewaere in den männlichen Hauptrollen.
Raoul (Gérard Depardieu) und seine Frau Solange (Carole Laure, „Sweet Movie“) führen keine glückliche Ehe. Weitestgehend apathisch stochert sie auch während eines gemeinsamen Restaurantbesuchs im Essen herum und wirkt bei allem, was sie tut, leidenschaftslos – wenn sie nicht gerade gar Opfer ihrer Schwindsucht wird und in Ohnmacht fällt. Raoul ist der Verzweiflung nah. Ist die Ursache im Umstand zu finden, dass sie einfach nicht schwanger wird? Oder ist sie von Raoul gelangweilt und braucht Abwechslung in ihrem Sexleben? Letzteres wird für Raoul zu einer ebenso spontanen wie fixen Idee: Noch im Restaurant „verschenkt“ er Solange an den zunächst irritierten Stéphane (Patrick Dewaere) und beteuert, es wäre für ihn Ordnung, so lange Solange nur wieder glücklich werde. Mozart-Connaisseur Stéphane willigt schließlich ein, doch auch ihm gelingt es nicht, Solange die Leidenschaft zurückzugeben. An seiner Kollektion klassischer Musik und seiner prätentiösen Büchersammlung zeigt sie ebenso wenig Interesse wie am Beischlaf mit ihm. Damit Solange trotz ihrer einfach nicht gelingenden Schwangerschaft in Kontakt mit Kindern gerät, verpflichtet sich das seltsame Trio als Betreuer in einem Kinderferienlager, wo sie sich insbesondere des 13-jährigen Christians (Riton Liebman, „Die große Pfeife“) annehmen, der eine Außenseiterrolle einnimmt und von den anderen Kindern gemobbt wird. Solange fühlt sich sehr zu dem Jungen hingezogen, während er sich für ihre Weiblichkeit interessiert. Eines Nachts kommt es zum Sex zwischen beiden und Solange wird schwanger. Kurzerhand entführt das Trio Christian aus seinem Internat, Solange verdingt sich derweil als Haushälterin in der Villa von Christians Familie. Schließlich überschlagen sich die Ereignisse, Christians Mutter verliert ihr Gedächtnis und Christian übernimmt das Unternehmen seines Vaters, während Raoul und Stéphane ins Gefängnis kommen…
„Mach ihr doch einfach ein Kind!“
Es ist eine absurd anmutende Situation: Raoul streitet mit seiner Frau öffentlich im Restaurant und „verschenkt“ sie wie eine Ware an den Nächstbesten. Sie lässt alles teilnahmslos über sich ergehen und ist nicht in der Lage, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Das wurde urkomisch inszeniert und macht neugierig auf den weiteren Verlauf des Films, der jedoch leider weder sein Erotikversprechen noch dramaturgisch fesselnde Spannung einlösen kann. Carole Laure ist ein echter Hingucker und recht freizügig, Blier konzentriert sich jedoch stärker auf alles andere als auf Solange, die eine Art willenloser Spielball bleibt, bis sie sich ihre offenbar pädophilen Neigungen eingestehen muss und Befriedigung im – quasi erneut – erstbesten Jungen findet, zu dem sie eine tiefere Beziehung aufbaut. Dass zwei gestandene Männer ausgerechnet von einem Heranwachsenden die Hörner aufgesetzt bekommen, soll vermutlich der eigentliche Clou des Films und Bliers (naiver) Abgesang auf klassische Zweierbeziehungen mit dominantem männlichem Part sein. Es schwingt jedoch der fahle Beigeschmack einer unproblematisierten Pädophilie mit; und dass Blier aus Christian einen verdammt frühreifen Jungen macht und mit diversen Erwachsenenattributen versieht, macht’s nicht unbedingt besser. Sein erneuter Verzicht auf eine starke Frauenrolle, die Selbstbewusstsein verkörpert und dazu in der Lage wäre, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, wirkt zudem entlarvend.
Die zunehmend unplausibler werdenden Entwicklungen ermüden bald, den Esprit seiner Exposition findet Blier bis zum Schluss nicht wieder. Etwaige Kritik am Patriarchat verblasst außerdem, da weder Raoul noch Stéphane als abtörnende Machos auftreten, die ihre Frau unterdrücken würden. Die Pointe, dass Solanges Kinderwunsch dual zu verstehen ist und sie gewissermaßen in ein und derselben Person beides erfüllt bekommt, erscheint mir aller lockeren, charmanten 1970er-Jahre-Franzosenkomödien-Stimmung zum Trotz eher fragwürdig denn lustig und wie man damit den Auslands-Oscar einstreichen kann, ist mir schleierhaft. Möglicherweise erwischen mich diese französischen Post-sexuelle-Revolution-Erotikkomödien aber auch einfach stets auf dem falschen Fuß, erreicht mich ihre Ironie nicht und bleibt mir ihr bedeutungsstiftender Gehalt als Deutschem zu Beginn des 21. Jahrhunderts verborgen… Einer abschließenden Bewertung enthalte ich mich daher besser.