Wo ist man denn heutzutage noch sicher? Geht man arbeiten, muss auf wilde Gabelstaplerfahrer geachtet werden, steht ein Trip zur Waldhütte an, lauert irgendwo ein maskierter Psychopath, will man zum Abschalten Bergsteigen, bleibt man mindestens 127 Stunden in einer Felsspalte stecken und beim Abstecher zum See muss mit einer gewaltbereiten Jugendgang gerechnet werden. Wie schön, dass sich da Regisseur Adam Wingard zu alten Traditionen besinnt und eine Familienzusammenführung zelebriert.
Aubrey und Paul Davison sind mittlerweile dreißig Jahre verheiratet und laden aus diesem Grund ihre vier Kinder nebst Partner ins großzügig eingerichtete Ferienlandhaus ein.
Doch kaum haben sich die zehn Leute beim Abendessen an der Tafel eingefunden, schnellt bereits ein Pfeil der Armbrust durchs Fenster, denn mit Tiermasken getarnte Personen wollen der Familie ans Leder...
"Funny Games" oder "The Strangers" und wie sie nicht alle heißen, sind durchaus ernst zu nehmende Vertreter im Home Invasion Bereich, welche primär durch ihre Intensität und Kompromisslosigkeit bestechen. "You're Next" beschreitet diesbezüglich ein paar Nebenpfade und nimmt sich phasenweise nicht allzu ernst, was dem Stoff einerseits gut tut, anderweitig jedoch stets ein wenig Spannung herausnimmt, da manche Dialoge (vielleicht bewusst oder unbedacht) etwas merkwürdig anmuten und das Spiel mit einigen Genreklischees zuweilen etwas aus den Fugen gerät.
Rund eine halbe Stunde benötigt die Erzählung, um den Familienwulst einigermaßen passabel einzuführen und bereits anzudeuten, wer sich da eventuell als ungeahnter Racheengel herauskristallisieren könnte, denn wer nett zum Nachbarn geht, um nach Milch zu fragen, verdient bereits einen Ich-helf-meiner-Schwiegermutter-in-spe-obwohl-die-augenscheinlich-nicht-alle-Latten-am-Zaun-hat-Bonus. Dass genau diese Dame ihre ersten fünfzehn Lebensjahre etwas anders verbracht hat als normale Gleichaltrige, wird im Verlauf zusehends verdeutlicht.
Natürlich bleiben nicht alle zehn am Leben, soviel sei verraten, doch der eine oder andere Twist lässt durchaus ein grimmiges Grinsen entstehen, denn so hanebüchen sich der Plot dadurch auch offenbart, so absurd fallen entsprechende Abläufe aus.
Mal zieht der uralte Trick mit dem Blitzlicht im Dunkeln, mehrere Nagelbretter können auch schon mal dienlich sein und sollte das Fett in der Pfanne bereits abgekühlt sein, so bleibt das Küchengerät immer noch eine gut zu handhabende Schlagwaffe.
Entsprechende Splattereffekte fallen zwar selten explizit oder derb aus, doch ab und an bleiben Scherben im Körper stecken, Pfeile der Armbrust auch, ein Kehlenschnitt ist ebenfalls zu verzeichnen und auch ein Schnitzelklopfer lässt sich ideal zweckentfremden.
Doch so wunderbar der minimale Score zur Atmosphäre passt und die Sounduntermalung bereits im Vorfeld der Konfrontationen Suspense schürt, so nervt die zuweilen wackelige Handkamera auf Dauer schon ein wenig. Diese schürt zwar die Nähe zu den Protagonisten, doch wo anderweitig effektive Blickwinkel und souveräne Schwenks überzeugen, hätte man sich diesbezüglich eine etwas ruhigere Hand gewünscht.
Ansonsten schwankt das Treiben zwischen handfestem Terror mit ordentlichen Schockmomenten und pechschwarzem Humor, darstellerisch fällt außer der Heldin im Grunde niemand auf, nur der Abschlussgag war in jeder Hinsicht absehbar.
Alles in allem also ein grundsolider Terrorfilm mit spannenden Konfrontationen, der aus der eigentlich verbrauchten Prämisse der Hausbesetzung latent kurzweilige Unterhaltung herausholt.
Da bleibt Genrefans bezüglich einer Sichtung nur zu sagen: You're Next!
7,5 von 10